Geburten

Allgemeines Krankenhaus in Hagen findet keine neuen Hebammen

Die größte Klinik dieser Stadt, das Allgemeine Krankenhaus, sucht händeringend Hebammen – und findet sie nicht.

Die größte Klinik dieser Stadt, das Allgemeine Krankenhaus, sucht händeringend Hebammen – und findet sie nicht.

Hagen.   Das AKH findet keine neuen Hebammen. Für Chefarzt Schüssler ist das auch eine Mentalitätsfrage. Die Hebammen beklagen hohe Versicherungen.

Die größte Klinik dieser Stadt, das Allgemeine Krankenhaus, sucht händeringend Hebammen – und findet sie nicht. „Den Job“, so sagt Dr. Marc Schüssler, Chef der Frauenklinik des AKH, „möchte einfach niemand machen.“ Er spricht angesichts der Entwicklungen auf dem Hebammen-Markt sogar von einem Frauen-Politikum. Aus Reihen der selbstständigen Hebammen, die nicht fest an einem Krankenhaus angestellt sind, gibt es hingegen ganz andere Töne zu hören. Die Hebammen leiden unter der finanziellen Last hoher Versicherungen. Und auch unter mangelnder Wertschätzung.

Die Hebamme

Almuth Wolff macht ihren Beruf seit über 20 Jahren. Sie ist ihn einst angetreten, weil Kinder auf die Welt zu holen für sie eine Berufung war und ist. „Das größte Wunder, das wir Menschen erleben dürfen“, wie Wolff sagt. Doch dieses Wunder hat aus Sicht der erfahrenen Hebamme, die sich mit ihrer Kollegin Christine Faltus mit einer Hebammenpraxis in Hohenlimburg selbstständig gemacht hat, auch Schattenseiten.

Da sei zum einen die Haftpflichtversicherung, die Hebammen abschließen müssten. Freiberufliche Hebammen, die Geburtshilfe in Krankenhäusern als Beleghebammen leisten, zahlen aktuell rund 7638,94 Euro jährlich (eine Geburt muss bis zu 7,5 Millionen Euro abgesichert sein). Almuth Wolff: „Und es ist davon auszugehen, dass dieser Betrag bis 2020 über die 9000-Euro-Grenze steigt.“

Bis eine Hebamme diesen Betrag durch Geburten überhaupt wieder erwirtschaftet hätte (laut Wolff erhält eine Beleghebamme für die reine Geburtshilfe zwischen 300 und 500 Euro brutto), stünde die Versicherungsprämie nicht im Verhältnis zum Arbeitsaufwand.

Bei festangestellten Hebammen in Krankenhäusern komme es vor, dass diese pro Schicht in besonders stressigen Fällen auch mal zwei oder drei Frauen gleichzeitig betreuen müssten, wenn diese zum Beispiel parallel in den Wehen liegen würden. „Das ist Stress, mindert die Qualität der Arbeit und widerspricht auch dem Anspruch, den ich als Hebamme an mich selbst habe. Nämlich, dass ich eine Frau vor während und nach der Geburt eins zu eins hochwertig betreuen kann.“

Wertschätzung für den Beruf ist gesunken

Durch Versicherungen, Arbeitsbedingungen in Kliniken und auch die Bereitschaft von Eltern zu klagen (Hebammen können laut Wolff 30 Jahre lang für Folgeschäden belangt werden) sei die Lust am und die Wertschätzung für den Beruf gesunken.

Wolff selbst arbeitet heute mit den Frauen in der Vor- und Nachsorge. Kinder holt sie nicht mehr auf die Welt. „Was schade ist, weil ich diesen Beruf genau deshalb ergriffen habe.“

Der Chefarzt

Bei Dr. Marc Schüssler im AKH sorgen die Ansichten der selbstständigen Hebammen für Kopfschütteln. „Wir wollen hier am Standort gerne weiter wachsen, aber wir finden keine weiteren Hebammen. Sie wollen alle nicht“, sagt er. Schüssler bemerkt, dass die Kandidatinnen nicht im Schichtbetrieb arbeiten wollen würden und sich am liebsten Teile ihrer Selbstständigkeit erhalten würden.

Schüssler: „Ich wäre auch bereit, Halbtagsstellen anzubieten. In der anderen Hälfte der Zeit könnten die Hebammen ihrer Selbstständigkeit nachgehen. Und unsere Klinik zahlt auch Haftpflichtversicherung. Aber dennoch möchte die Stellen niemand haben.“

Hebammen verdienen laut Chefarzt gutes Geld

Dabei würden Hebammen – je nach Berufserfahrung – in Vollzeit bis zu 50 000 Euro jährlich verdienen. „Man kann immer sagen, dass man zu wenig verdient. Aber das ist doch ein ordentliches Einkommen.“ Schüssler beobachtet einen Mentalitätswechsel. In Vollzeit und auch im Schichtsystem Gas zu geben, würden die meisten Hebammen nicht mehr wollen, weil sie freie Zeit vorziehen würden.

Im AKH gibt es zwölf feste Hebammen, die etwa 1200 Kinder jährlich auf die Welt holen. „Wir haben seit zehn Jahren keinen Schadensfall bei einer Geburt gehabt, was für die Qualität des Teams spricht. Ich kann auch die Sache mit der Versicherung der freien Hebammen nicht nachvollziehen. 7200 Euro sind viel Geld, aber alle freien Berufe müssen sich hoch versichern. Und wir Ärzte noch viel mehr.“

Thema ist ein Frauen-Politikum geworden

Das Thema sei zu einem Frauen-Politikum geworden, was angesichts der finanziellen Belastungen selbstständiger Menschen nicht nachvollziehbar sei.

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