Alopecia

Alopecia: Hagenerin Ronja (24) zeigt sich stolz ohne Haare

Ronja (24) aus Hagen hat Alopecia, ihr sind alle Haare ausgefallen.

Ronja (24) aus Hagen hat Alopecia, ihr sind alle Haare ausgefallen.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Ronja hat Alopecia. Ihr sind alle Haare ausgefallen. Die Hagenerin hat einen Weg gefunden, damit umzugehen. Ihre Geschichte.

Ronja erinnert sich noch, als wäre es erst gestern gewesen. Dabei ist der Tag schon gut fünf Jahre her. Der Tag, an dem sie merkte, dass ihr die Haare ausfielen. Also nicht sie, sondern ihr Freund Tomo bemerkte die kahlen Stellen an ihrem Hinterkopf zuerst. Klein, noch unscheinbar. „Da habe ich mir echt überhaupt keine Gedanken gemacht und dachte, das geht schon wieder vorbei“, sagt die 24-Jährige. Es war dieser Tag im August 2015, der nur der Anfang einer langen Leidens-, aber auch Freudensgeschichte werden sollte. Ronja hatte gerade erst ihre Ausbildung an der Fernuni in Hagen begonnen. Voller Vorfreude auf ein neues Kapitel in ihrem Leben. Dann fielen immer mehr Haare aus. Erst am Kopf, dann auch die Wimpern, Augenbrauen und Beinhaare. Mit ihrer Mutter Christiane fuhr sie von Arzt zu Arzt. Niemand konnte helfen, zunächst gingen die Ärzte von einem Problem mit der Schilddrüse aus. Bis die Gewissheit kam. Ronja hat Alopecia universalis, eine sehr starke Form des entzündlichen Haarausfalls.

Der Griff zur Rasiermaschine: Ihre Mutter weinte währenddessen

Wie sich die 24-Jährige gefühlt hat, als sie die Diagnose bekam, weiß sie nicht mehr. „Die Ärztin hat mir gesagt, dass vermutlich irgendwann alle Haare weg sein werden und nicht wieder kommen. Ich weiß noch, dass ich geweint habe. Mama auch“, sagt die 24-jährige. Sie erinnert sich noch an einen anderen Tag ganz genau. Zwischen Weihnachten und Neujahr im Jahr 2015. An diesem Tag griffen Mutter und Tochter zuhause zur Rasiermaschine und rasierten alle restlichen Haare ab. Ihre Mutter weinte, Ronja weinte nicht. „Für mich war das ein Befreiungsschlag.“ Ab da trug die junge Frau Perücke. Jetzt, fünf Jahre später, ist nichts mehr übrig von der unsicheren Frau, die sich zum Teil unter der Perücke versteckte. „Ich bin lebensfroh. Mir geht es super. Mir fehlen ja nur die Haare, ansonsten bin ich gesund. Das ist doch die Hauptsache, es gibt so viel Leid auf der Welt.“

„Mein Freund, meine Familie und meine Freunde haben immer zu mir gestanden.“

Aber Ronja musste erst lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Den Haarverlust mit sich selbst auszumachen, ihre Schönheitsideale anders zu setzen. Was dabei geholfen hat? „Mein Freund, meine Familie und meine Freunde haben immer zu mir gestanden.“ Eine Tatsache, die ihr vielleicht mehr geholfen hat als alles andere.

„Und der Austausch mit anderen Betroffenen.“ Ronja ist Teil mehrerer Facebook-Gruppen und tauscht sich mit anderen Erkrankten aus. „Ich wünschte, ich hätte das alles vorher schon gewusst. Ich wünschte, mir hätte jemand gesagt: Das ist nicht so schlimm. Das Leben geht weiter, auch ohne Haare.“ Zunächst versuchte sie es mit Cortison-Tabletten. „Einmal habe ich mir auch Knoblauch auf den Kopf geschmiert, weil ich dachte, dass das hilft“, sagt die 24-Jährige und lacht jetzt selbst über den Versuch. Perücken sind teuer, Turbane oder Kopftücher auch. Die Krankenkasse zahlt nur einen Teil. „Das finde ich schade. Das würde vielen Betroffenen helfen“, spricht die Hagenerin ein Problem aus, das sie in den Jahren beobachtet hat.

Leute tuscheln im Vorbeigehen, doch Ronja entwickelt sich weiter

Mittlerweile hat sie eine ganze Sammlung Tücher in allen Farben, Echthaar- und Kunsthaarperücken. Im Sommer trägt sie meist nur ein Tuch. Oft denken die Leute, dass Ronja Krebs hat. „Viele tuscheln und drehen sich nach mir um. Das nervt schon. Gerade am Anfang war das total schwierig. Ich wollte denen am liebsten zurufen: Ich bin nicht krank, ich habe nur keine Haare.“ Mittlerweile steht sie über den Kommentaren. Anders auszusehen ist nichts Schlechtes, findet sie. „Ich habe mich persönlich dadurch total weiterentwickelt und gehe selbst auch mit anderen Menschen anders um“, blickt Ronja auf ihre persönliche Entwicklung. So gesehen sei die Krankheit auch ein Gewinn gewesen. 2018 modelte sie für einen Charity-Kalender. Mit Perücke und ohne. Und mit voller Überzeugung kann Ronja heute auch sagen, dass sie sich schön findet. Mit leuchtenden Augen und einem fröhlichen Lachen. „Man muss immer das Positive sehen. Erstens: Ich muss nie wieder meine Beinhaare rasieren“, sagt sie und grinst. „Zweitens denke ich, dass es einen Grund dafür gibt, dass ich die Krankheit bekommen habe. Ich habe mich damit abgefunden. Ich bin glücklich.“

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