Hagen. . Die Ermittlungsbehörden hüllen sich weitgehend in Schweigen, doch der Macheten-Mann von Kabel galt als gefährlich. der Polizei war er schon mehrfach aufgefallen.

  • Versicherungskaufmann nach Bluttat schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt
  • Macheten-Mann war Polizei bekannt und galt als gefährlich
  • Mitarbeiter des Polizeipräsidiums stehen hinter ihrer Kollegin

Am Tag nach der Bluttat in Kabel, bei der eine Polizeibeamtin einen mit einer Machete bewaffneten Mann erschoss, hüllen sich Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei weitgehend in Schweigen. Lediglich eine dürre Pressemitteilung, die kaum neue Erkenntnisse enthält, ließ Oberstaatsanwalt Bernd Maas veröffentlichen. Dabei galt der Macheten-Mann nach Recherchen der WESTFALENPOST als „tickende Zeitbombe“. Gestern wurde seine Leiche zur Obduktion in die Gerichtsmedizin Dortmund gebracht.

Der Täter

Der 34-jährige Deutsche mit russischem Migrationshintergrund galt als „gemeingefährlich“ und war bereits mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten. Ein ebenfalls in Hagen lebender Verwandter sagt, der 34-Jährige habe sogar einmal am Bahnhof jemanden mit dem Messer verletzt. Nach Informationen unserer Zeitung nach stand er unter gesetzlicher Betreuung, war psychisch labil und soll mindestens einmal mehrere Tage in der geschlossenen Abteilung des Johannes-Krankenhauses Boele verbracht haben.

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Nachbarn aus dem Hochhaus in der Steinhausstraße, in dem der aus der ehemaligen Sowjetunion stammende, gut Deutsch sprechende Mann seit vielen Jahren wohnte, zeichnen durchweg das Bild eines merkwürdigen, eigenbrötlerischen Zeitgenossen. „Ich bin ihm aus dem Weg gegangen, er war mir unheimlich“, berichtet Melanie Baumöller, die in der Nachbarwohnung lebt. Und ihre Schwester Monika fügt hinzu, der Mann sei schreckhaft gewesen und manchmal zusammen gezuckt, wenn sie aus dem Aufzug trat: „Einmal hat er mit einem Hammer die Badewanne kaputt gemacht, dann ist ein Rohr geplatzt und wir hatten wochenlang kein warmes Wasser.“ Hausmeister Peter Herwig ertappte den Mann eines Nachts im Keller dabei, wie er Glasscherben mit einem Mörser zerstieß: „Er sagte mir, er wolle Schmuck herstellen. Ich habe ihn aufgefordert, damit aufzuhören, und dem ist er auch nachgekommen.“

Die Opfer

Die Blutspuren in Hagen-Kabel ziehen sich über die gesamte Straße.
Die Blutspuren in Hagen-Kabel ziehen sich über die gesamte Straße. © Hubertus Heuel

Der mit einer Machete und einem Messer bewaffnete Mann hatte die Allianz-Agentur an der Schwerter Straße am Dienstag gegen 14.50 Uhr betreten und zunächst eine 51-jährige Angestellte angegriffen. Als der Agentur-Chef (49), der sich hinten im Büro befand, von dem Tumult hörte, eilte er nach vorn, um seiner Mitarbeiterin zu helfen und wurde selbst zum Opfer. Der außer sich geratene Angreifer fügte ihm mit der Machete schwere Stich- und Schnittverletzungen zu. Der stark blutende Kaufmann, der die Allianz-Agentur einst von seinem Vater übernommen hatte, flüchtete daraufhin auf die Straße und rettete sich schließlich in den Dönerladen „Hacibaba“, dessen Inhaber ihn verband und erstversorgte. Er wurde später ins Krankenhaus gebracht und operiert. Nach WP-Informationen ist er schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Seine Angestellte konnte die Klinik nach ambulanter Behandlung wieder verlassen.

Die Polizistin

Die Polizistin, die den tödlichen Schuss abgab, ist 24 Jahre alt und seit rund zwei Jahren im Dienst. In Kollegenkreisen genießt die junge Frau einen hervorragenden Ruf und soll sich in ihrer theoretischen und praktischen Ausbildung – auch im Bereich des Schießens – ausgezeichnet gemacht haben. Auch wenn es aus ermittlungstechnischen Gründen kein offizielles Statement aus dem Polizeipräsidium zu hören gibt: Intern steht man hinter der Hagenerin und bescheinigt ihr, in der Extremsituation gegen den Macheten-Angreifer mit ihrem Team professionell, richtig und ordentlich abwägend gehandelt zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt routinemäßig wegen fahrlässiger Tötung gegen die Beamtin.

Der Retter

Nihat Yetkin (35), der Besitzer des Dönerladens, war auch gestern noch ganz benommen von dem schrecklichen Erlebnis, zumal auch sein 13-jähriger Sohn mit ansehen musste, wie der blutüberströmte Versicherungskaufmann in den Laden taumelte und zusammenbrach. Yetkin berichtet, zunächst habe er nur eine Verletzung an der Hand bemerkt: „Erst als ich dem Mann helfen wollte, habe ich die zahlreichen Wunden gesehen.“ Mit einem Gürtel band er dem Verletzten den Oberarm ab, um den Blutverlust zu stoppen. „Ich hatte Angst, dass er stirbt.“ Als der immer noch mit den Messern bewaffnete Verfolger fragte, wo sich der Flüchtende befinde, gab ihm Yetkin geistesgegenwärtig durch Kopf- und Handzeichen zu verstehen, er sei die Straße wieder hinaufgelaufen.

Zudem versuchte er, sich so hinzustellen, dass der Macheten-Angreifer den im Laden liegenden Mann nicht sehen konnte: „Das war Glück. Wenn er ihn erblickt hätte, dann hätte auch ich Probleme bekommen.“ So aber rannte der Täter weiter und wurde kurz darauf von der Polizei erschossen.

Nihat Yetkin kam 1996 aus der Türkei nach Hagen. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern, seit sechs Jahren gehört ihm das Dönerlokal. „Das war kein guter Tag, es war schlimm“, lautet seine Bilanz des Geschehens: „Ich hoffe, dass ich so etwas nie wieder erleben muss.“