Hagen. . Carsten Stahl, muskelbepackter Ermittler aus der Serie „Privatdetektive im Einsatz“, ruft am Theodor-Heuss-Gymnasium zum Kampf gegen Mobbing auf.

Mitte der 80er Jahre ging in Berlin-Neukölln ein kleiner, dicker Junge (10) mit rötlichen Haaren zur Schule. Er wurde täglich gemobbt. Eine Gruppe von fünf Jungs im Alter von 13 bis 15 Jahren beleidigte ihn und schlug ihn windelweich. Aus Angst, die Schläger könnten auch seinen Eltern etwas antun, verschwieg er die Misshandlungen. Schließlich schubsten seine Peiniger ihn in eine Baugrube und pinkelten von oben auf den weinenden Jungen hinab. Abermals traute er sich nicht zu schreien. Er wollte sterben. . .

„Dieser Junge war ich“, schrie Carsten Stahl (45) den Acht-, Neunt- und Zehntklässlern am Theodor-Heuss-Gymnasium gestern entgegen. Denn er hat zu schreien gelernt. Er hat sich zu wehren gelernt. Aus dem dicken, ängstlichen Kind von einst ist ein muskelbepackter, 1,89 m großer, 110 Kilo schwerer Koloss geworden. Man würde diesem rohen Schreihals nicht zutrauen, die abgeklärte Jugend von heute zum Weinen zu bringen.

Tränen in den Augen

Und doch hatten Schüler Tränen in den Augen, als ihnen Carsten Stahl von seiner Kindheit erzählte. Als er mit heiserer Stimme berichtete, dass er sich unter der Kellertreppe versteckt habe, um nicht zur Schule gehen zu müssen. Als er auf die Knie fiel und seine Zuhörer aufforderte, die Augen zu schließen und sich zurückzuversetzen in die Zeit, als sie selbst sechs waren um zum ersten Mal gehänselt wurden. Als er mit drohendem Unterton seine Wandlung vom Opfer zum Täter beschrieb: „Irgendwann habe ich zurückgeschlagen mit voller Härte und Gewalt.“

Das wilde Leben

Es war, als würde Carsten Stahl während seines zweieinhalbstündigen Vortrags noch einmal alle Phasen seines wilden Lebens durchlaufen. Seine demütigende Kindheit. Seinen unbändigen Hass und die Wut. Seine 20 Jahre andauernde kriminelle Karriere. Die Vergewaltigung und den Abort seiner Freundin, die von ihm schwanger war, durch rivalisierende Gangster. Die zärtliche Liebe zu seinen eigenen Kindern, die es besser haben sollen als er. Stahl kehrte sein Innerstes nach außen, er schrie, jaulte und wimmerte auf der Bühne, dass es THG-Schulleiter Sven Meyhoefer heiß und kalt durchfuhr: „Dieser Mann ist eine unglaublich beeindruckende Persönlichkeit.“

Botschaft im Gepäck

Eine Persönlichkeit mit einer Botschaft im Gepäck, die da heißt: „Wir müssen Mobbing, Gewalt und Vorurteilen entgegentreten.“ Aus dem einstigen Saulus ist ein Paulus geworden. Zwar ist seine äußere Erscheinung noch immer ein bisschen furchterregend („Ich habe trainiert, um mich zu bewaffnen“) und er beherrscht die Sprache der Straße. Doch seine Offenheit und Direktheit machen ihn glaubwürdig: „Gewalt erzeugt Gegengewalt, und am Ende gibt es nur Verlierer.“ Beleidigungen wie „Hurensohn“, „Schlampe“ oder „Missgeburt“, die auf deutschen Schulhöfen unabhängig von sozialer Herkunft oder Nationalität gang und gäbe sind, seien wie Kugeln, abgefeuert auf hilflose Opfer: „Habt ihr je darüber nachgedacht, wie es Menschen ergeht, die vielleicht einen Verwandten im Rollstuhl haben?“ Wieder schrie Stahl diese Frage hinaus, und in der Aula des Gymnasiums hätte man inmitten der erschütterten Schülerschar eine Stecknadel zu Boden fallen hören können.

Keine besseren Schulen

Heute weiß auch Carsten Stahl, dass es keine besseren Schulen für seine Kinder gibt, auch nicht außerhalb Berlins. Dass es nur Menschen gibt, die sich für Besseres halten. Und dass Mobbing einen Menschen zerstören kann.

Als sein Sohn nach dem zweiten Schultag heimkehrte, verbarg er sein Gesicht in den Händen und sagte nichts. Dann sah Stahl, dass der Junge weinte und aus der Nase blutete. „Bitte, Papa, schick mich nie wieder in die Schule“, flehte das Kind. An diesem Tag zerbrach etwas in Carsten Stahl. Und er schwor sich, dass er nicht aufhören werde, gegen Mobbing zu kämpfen. „Weil ich nicht will, dass eure Kinder einmal den gleichen Sch. . . erleben wie ich oder mein Sohn.“

Das ist seine Mission.

>>Hintergrund: Bekannt aus Fernsehserie

  • Carsten Stahl ist aus der deutschen Fernsehserie „Privatdetektive im Einsatz“ bekannt.
  • Der muskelbepackte, tätowierte kämpft heute gegen Mobbing, Gewalt, Drogen und Vorurteile. Er tritt u.a. in Schulen auf.