Tanztheater

Ballett Hagen zeigt furiose Tanzkunst

Amber Neumann in der Choreographie „Extremely Close“ von Alejandro Cerrudo in Hagen.

Amber Neumann in der Choreographie „Extremely Close“ von Alejandro Cerrudo in Hagen.

Foto: Klaus Lefebvre

Hagen.   Mit einem Choreographie-Triptychon stellt sich Hagens neuer Ballettdirektor Alfonso Palencia vor. Das Publikum feiert einen großen Tanzabend

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Das Ballett Hagen startet in eine neue Ära. Alfonso Palencia stellt mit „Dancing Souls“ ein choreographisches Triptychon vor, das ebenso bildstark wie seelentief ist. Ob der junge Spanier als Ballettdirektor nur interimsweise die Geschicke des Hagener Tanztheaters prägen wird oder auf lange Sicht in der Region eine eigene Handschrift entwickeln kann, steht noch nicht fest. Aber mit seiner ersten Produktion ist ihm auf jeden Fall ein Publikumserfolg gelungen. Das Haus war bei der Premiere voll, und der Beifall im Stehen wollte gar nicht mehr aufhören.

Spenderherz

Die Organspende gehört zu den großen und aktuellen Themen unserer Zeit. Alfonso Palencia choreographiert in „Luminous Heart“ das Schicksal einer kranken Frau, die nur mit einem fremden Herzen überleben kann. All die Ängste der Protagonistin, ihrer Eltern und ihrer Freunde stellt Palencia in eine klinisch-kühle Bühne mit durchsichtigen Raumelementen, die sich wie ein Gefängnis um das Mädchen schließen können. Ein dezidiert erzählerischer Ansatz ist im Tanztheater häufig problematisch, weil die Ästhetik dann gerne zu illustrativ wird. Aber Palencia setzt zahlreiche Stilmittel ein, die vom Spitzentanz bis zur theatralischen Geste reichen. Amber Neumann tanzt diese Delphin mit einer sensiblen Balance zwischen Verletzlichkeit und Stärke. Der sterbende Freund wird Delphin sein Herz überlassen. Das Schlussduett mit Gustavo Barros ist in seiner Zartheit tief berührend. Denn das Mädchen muss diese Spende erst akzeptieren, um damit weiterleben zu können.

Die Musik von Philip Glass verbindet die drei Teile des Abends. Zu treibenden Klavierklängen erschafft der spanische Choreograph Alejandro Cerrudo in „Extremely Close“ intensive Momente von Einsamkeit mitten im urbanen Trubel. Bewegliche weiße Raumelemente werden zu immer neuen architektonischen Situationen gruppiert, in denen die Tänzerinnen und Tänzer einander in ergreifender Isolation umkreisen. Die absolute Stille, die solche Passagen im Mittelteil rhythmisiert, legt sich wie eine Luftblase aus Sehnsucht um die Tänzer. Kontrastierend zum großstädtischen Milieu steht der Boden aus weißen Federn als Symbol für Hoffnungen und Träume.

Erst am Schluss trauen sich Da Ae Kim und Gustavo Barros in einen innigen Pas de deux. Ihre Zärtlichkeit beginnt fast aggressiv und verwandelt sich in eine weltverlorene Liebesszene. Doch die „Metamorphosis Two“ von Philip Glass erweist sich nicht als Rosenwalzer, sondern als Totenmarsch. Am Ende zieht Gustavo Barros das Bodentuch der Bühne wie eine Sargdecke über seine Geliebte.

Alfonso Palencia hat die Compagnie von Grund auf umgeformt. Vier Tänzer sind aus der Ära Ricardo Fernando in Hagen geblieben, acht neue wurden verpflichtet. Das internationale Ensemble präsentiert sich unglaublich leistungsfähig. So wird Marguerite Donlons Choreographie „Soma“ zum ästhetischen Höhepunkt des Programms und zum furiosen Leistungsnachweis.

Ein Raum aus Röhren

Dünne Metallröhren verwandeln die Bühne in das Gleichnis einer extraterrestrischen Kathedrale. Die Compagnie, mit schwarzer Rückgratzeichnung rituell stigmatisiert, vertanzt hier das erste Violinkonzert von Philip Glass, das mit minimalistischen Gesten der musikalischen Unendlichkeit nachspürt. In virtuosen Bewegungen vollzieht die Truppe kultische Rituale, die futuristisch und archaisch zugleich anmuten; die tanzenden Körper scheinen ebenso automatisiert wie schwerelos.

Dieses Schweben zwischen Zeit und Raum erzeugt eine faszinierende, rätselhafte Anderswelt. Betörend schöne Duette (Ana Isabel Casquilho/ Gustavo Barros und Da Ae Kim/Alexandre Démont) beschwören eine intime Liturgie, und der Epilog verschweißt das Ensemble dann im Choral zu einer Gemeinde. Das ist so konzentriert und fließend getanzt, dass selbst die schwierigsten Figuren federleicht wirken. Respekt!

www.theaterhagen.de

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