Tanztheater

Ballett Hagen zeigt hochvirtuose Tanzkunst

Hagen.   „Move On“ ist ein großer Ballettabend im Theater Hagen. Wir verraten, warum man hingehen muss

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Wie in Ekstase windet sich die junge Frau am Bühnenrand. Von hinten schreiten kaum sichtbare Körper auf sie zu, mit runden Kreisen vor der Scham. Die entpuppen sich als beleuchtete Trommeln. Sobald man das erkennen kann, explodiert die Bühne in einem Hexenkessel aus Rhythmus und Aktion. „Ephemeron“, so nennt der israelische Choreograph Itzik Galili seine Arbeit. Sie bildet den Mittelpunkt des neuen dreiteiligen Tanzabends im Theater Hagen.

Der Titel „Move On“ ist dabei Programm. Vorwärts und aufwärts bewegt sich die junge Compagnie unter der Leitung ihres Direktors Alfonso Palencia. Die drei Choreographien ergänzen einander in ihrer Unterschiedlichkeit zu einem großen, spannenden Programm. Sie sind streng und abstrakt, wild, poetisch, verstörend und vor allem unglaublich virtuos getanzt. Und sie zeigen, wie kosmopolitisch das kleine Ballett Hagen ist. Dafür gibt es vom Publikum langen Beifall im Stehen.

Abstrakte Geometrie

Der spanische Choreograph Cayetano Soto beschreibt in „Uneven“ ein Gefühl, das sich der Visualisierung durch die Sprache des Tanzes scheinbar entzieht. Wie verhält sich jemand, der den Boden unter den Füßen verliert? Eine weiße Pyramide, von einem Scheinwerferturm beleuchtet, bildet die Fluchtachse für die in komplementäres Schwarz-Weiß gekleideten Tänzer. In hochakrobatischen Szenen erobern sie den Raum und gestalten aus komplexen Hebefiguren abstrakte geometrische Formen. Zusammengefaltete Beine, zuckende Füße und Hände deuten an, wie weit der Weg ist vom schlichten Gehen bis zum Tanzen als höchster Ausdrucksform kontrollierter Bewegung. „Uneven“ ist ein abstraktes Kammerstück, betörend spröde und atemberaubend gut getanzt.

Dagegen lebt „Ephemeron“ vom sinnlichen, vorwärtspeitschenden Rhythmus der Musik von Haytham Safia. Choreograph Itzik Galili lässt Stammeskrieger in archaischen Ritualen aufstampfen und Mädchen das Geschenk der Fruchtbarkeit erflehen. Serena Landriel wird mit ihrem eindringlichen Solo zu einer urzeitlichen Schamanin. Die Compagnie begegnet den geforderten rasenden Tempi mit enormem Engagement. Das Vokabular erinnert mitunter an Kampfsport und wird mit Springen, Händeklatschen und Kreischen verstärkt.

Doch dieser Menschheitskrimi erdet sich mit einem leisen Rahmen. Ein ineinander verschlungenes Paar, Adam und Eva vielleicht, verlässt sich auf die Magie der wortlosen Berührung. Serena Landriel und Bobby Briscoe gelingen hier Momente intensiver Lyrik, die im krassen Gegensatz zur archaischen Wildheit stehen, aber aus ihr herauswachsen und zu ihr hinführen.

Ballettdirektor Alfonso Palencia lässt abschließend in der Musik von Max Richter die Kirchenglocken erklingen. Sie wecken die Tänzer und Tänzerinnen auf, die in einem kathedralenartigen Raum mit schräger Ebene zunächst wie aufgezogen agieren und damit eine schicksalhafte Ereigniskette in Gang setzen. Mit den schwarzen Shorts, Bustiers und Jacketts lassen sich in „Movinos“ Anklänge an die ikonischen Heldinnen der Popkultur finden, an Lara Croft oder Dana Scully aus „Akte X“.

Wunderbare Duette

Es gibt wunderbare Duette über die Anziehung und Abstoßung zwischen Paaren und eine herausragend vertanzte Selbstbefreiung im Solo von Da Ae Kim. In „Movinos“ spielt Alfonso Palencia auch mit der realen und der erinnerten Vergänglichkeit, wenn er sein Ensemble wie in Zeitlupe in Bewegung setzt.

So erobern sich die Protagonisten ein fragiles Gleichgewicht zwischen fremd- und selbstbestimmt, bis das erneute Schlagen der Glocken den Kreislauf beendet. Diese Choreographie ist rätselhaft und mystisch, und gewinnt ihren Zauber aus dem Spiel mit betörend schönen Bildern.

www.theaterhagen.de

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