Zivildienst

Bei der Arbeiterwohlfahrt geht der letzte Zivi von Bord

Maximilian Schneider, letzter Zivi der Arbeiterwohlfahrt.

Maximilian Schneider, letzter Zivi der Arbeiterwohlfahrt.

Foto: WP

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Hagen.(hh) Der letzte Zivi der AWO geht von Bord. Maximilian Schneider (21), seit Februar eine Art Mann für alle Fälle in den Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt in Hagen, quittiert Ende Juli seinen Dienst. Und die AWO hat ein Problem.

Die Abschaffung des Wehrdienstes und der damit verbundene Wegfall des Zivildienstes reißt eine große Lücke in das Angebot des Wohlfahrtsverbandes. Auf sechs Zivis konnte die AWO in Hagen bislang zurückgreifen, allein fünf von ihnen versahen ihren Dienst im Helmut-Turck-Altenheim in Helfe. Das Seniorenzentrum wird vom Ausbleiben neuer Zivis denn auch am härtesten getroffen. „Spielenachmittage, Malkurse, Ausflugsfahrten - unsere Zivis haben alle derartigen kleinen Tätigkeiten übernommen und auch mal Zeit für ein Gespräch mit den alten Menschen gehabt“, berichtet Heimleiter Ulrich Goldmann. „Dies können wir in Zukunft aus dem laufenden Betrieb kaum kompensieren.“

Oft fehlt die Zeit

Schon das Abholen der oft stark hilfsbedürftigen Senioren aus ihren Zimmern zu einer Veranstaltung im Gemeinschaftsraum (Singkreis, Handarbeit etc.) stellt das Pflegepersonal vor eine logistische Herausforderung. Bislang wurden solche Arbeiten, für die es keiner besonderen Qualifikation bedarf, von Zivis erledigt. Ohne sie fehlt die Zeit, mit den Senioren einen Spaziergang im Park zu unternehmen oder einen Plausch im Hausflur abzuhalten. „Der Wegfall des Zivildienstes ist ganz klar zum Nachteil für unsere Bewohner“, stellt Goldmann fest.

Über das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) oder gar den neu geschaffenen Bundesfreiwilligendienst können die wegfallenden Zivildienststellen nicht ersetzt werden. Denn die Mehrzahl der Jugendlichen in Deutschland - wer will es ihnen verübeln - denkt überhaupt nicht daran, auf dem angepeilten Weg zum Beruf einen Zwischenstopp im Altenheim, einer Jugendherberge oder einer anderen sozialen Institution einzulegen. „In Sachen Bundesfreiwilligendienst haben wir keine einzige Bewerbung vorliegen“, so AWO-Sprecher Uwe Feldhaus. Er ist schon froh, dass im August zwei Mädchen ein Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim absolvieren wollen.

Soziale Kompetenz

Maximilian Schneider hat es bei der AWO gut getroffen. Er hatte schon eine Ausbildung als Zahntechniker („Das wird nicht gut bezahlt“) hinter sich, als er im Februar seinen Zivildienst in der AWO-Verwaltung in der Böhmerstraße antrat. Auf seinen Botenfahrten lernte er die Häuser der Organisation kennen - neben dem Altenheim in Helfe auch die Begegnungsstätten und die Suchtkliniken. Er habe etwas fürs Leben gelernt, berichtet er: „Dass man Menschen, die auf die schiefe Bahn geraten sind, nie abschreiben sollte.“ Und weil ihm die Arbeit so gut gefällt, wird er im Anschluss an den Zivildienst gleich eine Ausbildung zum Bürokaufmann bei der AWO absolvieren. Ob er den Job als Zivi auch angetreten hätte, wenn es für ihn freiwillig und nicht verpflichtend gewesen wäre: „Das weiß ich nicht“, gibt Schneider zu. „Ich bin jedenfalls froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte.“

Wie die AWO und andere Wohltätigkeitsorganisationen zukünftig ohne das Heer von Zivildienstleistenden zurecht kommen, muss sich zeigen. Feldhaus hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich doch noch so mancher Helfer über den Freiwilligendienst finden lassen wird: „Niemand kann authentischer und überzeugender motivieren als jene, die sich tatsächlich freiwillig engagieren.“

Er würde es begrüßen, wenn die Teilnahme am Freiwilligendienst bei späteren Einstellungsgesprächen in den Unternehmen Berücksichtigung fände: „Der Erwerb sozialer Kompetenzen ist doch ein klarer Vorteil gegenüber einem Mitbewerber.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben