Kantorei Hagen

„Bei Popmusik geht es um Sex, Klassik ist zur Ehre Gottes“

Neue Sängerinnen und Sänger sind herzlich willkommen.

Neue Sängerinnen und Sänger sind herzlich willkommen.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Die Kantorei in Hagen ist auf dem besten Wege, zu alter Stärke zurückzufinden. Der Leiter Roland Pröll setzt ganz bewusst konservative Marken.

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Als Kreiskirchenmusikdirektor Manfred Kamp im Dezember 2017 nach einem fulminanten Abschiedskonzert in den Ruhestand trat, brach die Kantorei der evangelischen Stadtkirchengemeinde zusammen. Weder hatte der scheidende Leiter einen Nachfolger aufgebaut noch die Gemeinde einen solchen ausgeguckt. Die 45 Mitglieder der Johanniskantorei verstreuten sich daraufhin in alle Winde. Es schien, als sei ein glorreiches Kapitel der Kirchenmusik in Hagen mit einem Mal zu Ende gegangen.

Fast ein Jahr später arbeitet Roland Pröll (69) an der Wiedergeburt der traditionsreichen Kantorei. Der Chor ist wieder auf 21 Sängerinnen und Sänger angewachsen, von denen allerdings nur zwei auch der alten Kantorei angehörten. Am Sonntag, 25. November, steht, eingebettet in den 11-Uhr-Gottesdienst in der Markuskirche, der erste Auftritt bevor. „Wir sind stolz auf das, was wir bislang erreicht haben“, sagt Pröll im Einklang mit Chor-Vorstand Klaus Beermann (80).

In kleinen Schritten

Dabei hatte Pröll zunächst an einen schlechten Scherz geglaubt, als ihm bei seiner ersten Probe am 1. April nur vier Sänger gegenübersaßen: „Ich dachte: Meine Güte, was machst du denn jetzt?“ Die alten Chormitglieder waren nicht zurückzuholen, sie hatten sich inzwischen anderen Ensembles, etwa dem Mozartchor, angeschlossen. Doch in kleinen Schritten wuchs die Kantorei nach und nach zu ihrer jetzigen Größe.

Pröll, ehemals Direktor der Musikhochschule Dortmund und Professor für Klavier und Kammermusik in Detmold, ist ausgebildeter Organist und Chorleiter seit seinem 14. Lebensjahr.

Sieben Jahre als Solist

Unterstützung erfährt er durch den Hasper Klaus Beermann, der angehende Kirchenmusiker und Musiklehrer an der Hochschule in Dortmund unterrichtete und sieben Jahre als Solist an der Oper der Hagener Nachbarstadt beschäftigt war. „Gesang war mein Leben“, sagt Beermann.

Klassischer Gesang, um es genau zu nehmen. Denn von der neuen Popkantorei um Sven Bergmann, Kreiskantor für populäre Kirchenmusik, distanziert sich die klassische Kantorei ganz bewusst. „Weil wir nicht in Konkurrenz zur Popkantorei treten wollen“, so Roland Pröll: „Aber auch ,weil wir ein ganz anderes Verständnis von kirchlicher Musik haben.“ Mit gottesdienstlichem Singen könne man den Glauben stärken, ist er überzeugt: „Mit Popmusik geht das nicht, die führt sogar weg vom Glauben.“

Konservative Ansichten

Denn beim Pop gehe es um Sex, begründet der Chorleiter seinen Standpunkt: „Die klassische Musik dagegen wird zur Ehre Gottes aufgeführt.“ Er wisse, dass er eine sehr konservative Ansicht vertrete, sagt Pröll, und er wolle der Popmusik auch keineswegs ihre Berechtigung absprechen, zumal man junge Menschen heutzutage kaum mehr mit Beethoven begeistern könne: „Aber Bob-Dylan-Songs gehören nicht in die Kirche.“

Auch Beermann bekräftigt, dass die Menschen, die die Kantorei anspreche, „in unserer Musik die Verkündigung sehen. Mit Popmusik stößt man diese Leute vor den Kopf.“

Ehrgeiziges Ziel

Und so dürfte es außerordentlich interessant sein zu beobachten, wie sich die beiden Kantoreien in Hagen zukünftig nebeneinander entwickeln. Die Zeiten, in denen in Hagen in schöner Regelmäßigkeit ein großes Oratorium oder eine Passion aufgeführt wurden, seien vorbei, befürchtet Beermann, zumal die Johanniskirche nach dem Umbau eher einer Eventkirche gleichkommen dürfte.

Doch davon will Roland Pröll, der seit seinem 14. Lebensjahr Chöre leitet, nichts wissen. In vier Jahren, so sein ehrgeiziger Plan, will er mit der neuen Kantorei Beethovens Missa solemnis aufführen.

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