Interview

„Bekanntheit Hagens hat viel mit der Fernuni zu tun“

Ada Pellert ist Rektorin der Fernuniversität.

Foto: Michael Kleinrensing

Ada Pellert ist Rektorin der Fernuniversität. Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   In unserem Interview-Format „2018 – 20 Fragen in 18 Minuten“ spricht Rektorin Ada Pellert über die Bedeutung der Fernuniversität für die Stadt.

In diesem Fall lohnt es sich noch mehr, das Gespräch auch im Podcast bei uns im Internet anzuhören. Denn Professor Ada Pellert hat diesen besonderen österreichischen Sound in der Stimme. Die Rektorin der Fernuniversität Hagen – seit März 2016 ist sie im Amt – antwortet schnell und kompakt. Die 18 Minuten, die ihr in unserem Interview-Format für die 20 Fragen zu Verfügung stehen, schöpft sie bei weitem nicht aus, nach 14 Minuten und 26 Sekunden ist das Interview beendet.

1.Was war für Sie persönlich der wichtigste Moment im vergangenen Jahr?

Also ganz ehrlich gesagt: Der sehr gute Masterabschluss meines Sohnes, verbunden mit einer interessanten Doktorandenstelle.

2.Was war Ihr größter Erfolg im vergangenen Jahr?

Die Absichtserklärung im NRW-Koalitionsvertrag, die Fernuniversität noch stärker zu einer internationalen und forschungsbasierten Universität auszubauen. Das hat viel Rückenwind gegeben.

3.Was war ihr größter Misserfolg im vergangenen Jahr?

Ach da gab’s ein paar – durch alle zieht sich die Langsamkeit der Prozesse. Was für mich immer so ein Problem ist. Das ist auch eine Frage der Wahrnehmung. Für manche ist das schon schnell genug – und mir geht es meistens nicht schnell genug.

4.Die Fernuni wird immer wieder als wichtiger Standortfaktor für Hagen genannt. Aber nutzt die Stadt diesen überhaupt?

Ja. Ich glaube schon. Ich bin ja auch sehr viel unterwegs. Die überregionale Bekanntheit von Hagen, die sehr wohl gegeben ist, hat sehr viel mit der Fernuniversität zu tun.

5.Wie kann die Stadt tatsächlich von der Fernuni profitieren? Geht es um das gerade von Ihnen erwähnte positive Image oder geht es auch um einen konkreten Austausch, um konkrete Projekte?

Beides. Ich glaube, der Image-Faktor ist gut, den kann man aber noch stärken. Aber dieser tut der Stadt sicher gut. Wir haben aber auch einen Konsultationskreis zwischen der Stadt und der Fernuni eingerichtet – mit ganz konkreten Projekten im Bildungs-, Wirtschafts- und Forschungsbereich. Also so, dass das auch unterfüttert ist durch ganz konkrete Kooperationen.

6.Mit dem integrierten Stadtentwicklungskonzept will die Stadt Hagen im Jahr 2018 eine Art Masterplan entwickeln. Ist die Fernuni, sind die Ressourcen Ihres Hauses dafür schon angezapft worden?

Ja, ich glaube der Boden ist gut bereitet. Erst jüngst haben wir in kleinerer Runde ein gutes Gespräch gehabt, um eben auch Ideen einzubringen und aus dem reinen Image- oder Standortfaktor dann auch Stadtentwicklung werden zu lassen.

7.Der Fernuni-Campus liegt oben auf dem Berg. Außerhalb der Wahrnehmung vieler Hagener Bürger. Wie kann man das ändern?

Durch bessere öffentliche Anbindung. Das ist eines meiner kleinen, aber wichtigen Projekte. Ich glaube, es braucht eine ganz schnelle und regelmäßige Verbindung – und zwar in beide Richtungen. Damit die Studierenden und Beschäftigten schnell und gut zu uns kommen. Aber umgekehrt, unsere vielen auswärtigen Gäste sollten nicht gleich von uns aus wegfahren, sondern über die Stadt.

8.Gibt es eine realistische Chance, dass die Fernuni mehr Studentenleben, mehr universitäres Flair in die Hagener Innenstadt bringen könnte? Oder ist das bei einer Fernuni per Definition eine Illusion?

Unser Konzept kann nicht Münster sein, wo ein Fünftel der Bevölkerung aus Studierenden besteht. Aber natürlich ist auch zu bedenken, dass wir ganz viele Gäste und Gastwissenschaftler haben. Und auch Studierende, die dem Regionalzentrum zugeordnet sind, die sehrwohl in Hagen sind. Ich glaube, man kann – und das ist so ein Teil unserer regelmäßigen Gespräche mit der Stadt – darüber nachdenken, wie macht man das für beide Seiten noch spürbarer. Und vielleicht wird eines Tages ja auch ein gemeinsamer Campus mit der Fachhochschule entstehen. Dann würde das für die Stadt noch besonders spürbar.

9.Sie haben sich bei Ihren verschiedenen beruflichen Positionen um die Frauenförderung gekümmert. In Hagen sind Frauen in Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung völlig unterrepräsentiert. Was können Sie empfehlen, um das zu ändern. Und: Ist Ihr Sachverstand in diesem Thema schon einmal angefragt worden?

In diesem speziellen nicht. Aber ich würde allen Gremien dazu raten: Gelebte Diversität tut den meisten Einrichtungen gut, steigert ihre Qualität. Leitungsposition müssen gut besetzt werden – und dabei ist auf einen Frauenanteil zu achten. Einfach auch um der Sache willen: Es wird die Arbeit und es werden die Perspektiven besser.

10.Was hat Hagen was Wien nicht hat? Und umgekehrt: Was hat Wien, was Hagen nicht hat?

Ich fange mal an, was Wien hat und Hagen nicht. Das ist natürlich die Größe der Stadt, Wien ist fast zehnmal so groß wie Hagen. Aber auch die Schönheit der dortigen Gebäude. Ich bin gerne in Hagen, aber das ist natürlich nicht gut zu vergleichen. Umgekehrt bin ich aber gerne hier, weil sie hier für 190 000 Einwohner ein wirklich gutes Angebot von Natur, Kultur bis zu Wissenschaft und Einkaufen haben. Also, sie haben auf kleinem Raum eine hohen Lebensqualität.

11.Sie wohnen in Hagen. Was sagen Sie Ihren Freunden, wenn diese fragen, was Hagen ausmacht?

Also, ich zeige ihnen immer das gleiche Programm. Das sind meine Lieblingsplätze. Das ist zum einen der Museumsplatz mit den Museen. Und dem schönen Gasthaus, das ist einfach eine schöne Ecke. Die Elbershallen finde ich wunderbar gelungen. Das Freilichtmuseum und natürlich auch den Hagener Impuls. Das ist architektonisch interessant. Und das alles in einer Stadt, wo man von jedem Punkt aus in fünf Minuten im Grünen ist.

12.Sie sind jetzt seit knapp zwei Jahren Rektorin der Fernuni Hagen. Welche Veränderungen haben Sie in dieser Zeit bewirkt?

Ich würde sagen, die Sichtbarkeit dieser spannenden Einrichtung in Stadt, Land und Bund ist erhöht worden. Das lief über verschiedene kommunikationsintensive Wege, aber ich habe schon das Gefühl, da hat sich etwas in die richtige Richtung oder zumindest in die Richtung, die mir vorschwebt, bewegt.

13.Muss Ihr Ziel als Rektorin sein, immer neue Studentenzahlen-Rekorde zu knacken?

Nein. Umgekehrt haben wir gemeinsam mit allen Gremien der Universität beschlossen, dass uns die derzeitige Größe ein wichtiges Anliegen ist. Also, bei der würden wir gerne bleiben. Wir nehmen uns aber auch nicht vor zu schrumpfen. Wir wollen die Größe der Studierendenschaft auch mit Ressourcen unterlegen, so dass wir sie gut betreuen können. Wir wollen die Forschung steigern. Deshalb war mir auch so wichtig, dass das auch im Koalitionsvertrag Rückendeckung findet. Gute Bedingungen für die Forschung – das ist für die Reputation einer Uni sehr wichtig. Angesichts unserer hohen Studierendenzahlen ist es wichtig, gute Rahmenbedingungen in Forschung und Lehre zu generieren. Dann können wir die Zahl halten. Und wenn wir mehr Ressourcen bekommen, werden wir sie auch steigern.

14.Wie lange wollen Sie im Amt bleiben. Anders gefragt: Wollen Sie irgendwann, wie Ihr Vorgänger auch, in Hagen in Ruhestand gehen?

Will ich nicht ausschließen. Ich denke aber noch nicht aktiv über den Ruhestand nach. Ich habe jetzt noch mehr als vier Jahre hier im Amt. Und die möchte ich auch nutzen. Und daran arbeiten, mit den sehr vielen netten Kolleginnen und Kollegen diese Einrichtung weiter zu entwickeln. Weiter denke ich noch nicht.

15.Noch einmal zu ihrem Vorgänger. Helmut Hoyer fährt regelmäßig zum Heavy-Metal-Festival „Wacken Open Air“. Wäre das etwas für Sie?

Ha, nicht wirklich. Da halte ich es im Moment doch eher mit dem Hagener Theater, von dem ich restlos begeistert bin. Weil die eine gute Mischung haben, da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Vom Musical über die Oper bis zum guten Theaterstück. Also, ich bewege mich eher in dieser Richtung.

16.Eine große Herausforderung für Hagen ist derzeit die hohe Zuwanderung. Zum einen Flüchtlinge, noch mehr aber EU-Zuwanderer aus Südosteuropa. Kann die Fernuni solch einen Prozess nur theoretisch analysieren. Oder können Sie die Integration praktisch fördern?

Also, natürlich ist die wissenschaftliche Begleitung in vielen dieser schwierigen sozialen Prozesse hilfreich. Indem das gemeinsame Nachdenken begleitet wird. Ich glaube, es gibt ja schon viele Ansätze ganz aktiver Quartiersentwicklung in Hagen. Das ist wichtig, das sind Probleme, denen man sich zuwenden muss, die man gestalten muss. Das ergibt sich nicht von selbst. Und natürlich haben wir auch spezielle Anlaufstellen, um gerade auch Flüchtlingen, die studieren wollen, eine Möglichkeit zu bieten.

17.Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welchen Studiengang würden Sie sich zusätzlich für die Fernuni Hagen wünschen?

Oh, eigentlich für alle mehr Professuren. Wir sind sehr eng mit Professoren, und ich könnte in jedem Fachbereich, um die Forschung zu stärken, mehr Professoren gut gebrauchen. Das schlägt sich dann sicherlich auch in weiteren Studienangeboten nieder. Für diese Kombination aus Forschung und Lehre bedarf es eben einer entsprechend stabilen Professorenschaft. Und das ist mein Hauptanliegen.

18.Sind Sie Weihnachten in die Kirche gegangen. Und wenn ja: aus Tradition oder aus Überzeugung?

Jetzt sind die Kinder schon sehr groß. Ich muss sagen, mit den kleinen Kindern war das schon ein Moment des Innehaltens – Krippe anschauen und Weihrauch riechen. Das hat sich ein wenig verloren.

19.Welcher Typ Geschenke-Käufer sind sie: Lange geplant oder in letzter Minute bei Amazon?

Lange geplant leider nicht. Ich versuche unterm Jahr spontan Geschenke zu organisieren – wenn mir auffällt, das könnte etwas sein für jemanden, den ich kenne. Das gefällt mir besser, als wenn da plötzlich etwas vorliegen muss. Da jetzt nicht mehr so viele kleine Kinder da sind, sind das meistens auch sehr profane Dinge. 18- und 25-jährige freuen sich meistens über Gutscheine und Geld. Und die Erwachsenen schenken sich einfach eine Kleinigkeit. Was man den letzten Tagen gerade entdeckt hat. Lang geplante Geschenke – das bin ich nicht.

20.Was wünschen Sie sich für 2018. Persönlich und für Hagen?

Für Hagen, dass die entstandenen Vernetzungen aus Bildung, Wirtschaft und Stadt in guten Formaten münden. Um das Engagement gut zu verarbeiten, das ich bei vielen Menschen sehe. Auch bei denen, die – wie ich – erst kurz in der Stadt sind, aber etwas beitragen möchten. Auch um ein bisschen mehr zu vermitteln, dass das eine sehr lebenswerte Stadt ist. Da könnte man ruhig ein bisschen optimistischer an die Sache rangehen. Aber gerade von den neu Hinzugekommenen gibt es da sehr viel Begeisterung für die Stadt, die man nutzen soll und kann. Für mich persönlich: Ich habe ein sehr glückliches Familienleben, dass möge so bleiben. Und für die Uni wünsche ich mir, dass es weiter viel Engagement und Miteinander gibt. Das brauchen sie an einer Universität, das können sie auch nicht vom Rektorat aus entwickeln.

>>Hintergrund: Rektorin seit März 2016

  • Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin Ada Pellert (55) ist seit März 2016 Rektorin der Fernuniversität in Hagen, der nach der Zahl der Studenten größten Hochschule Deutschlands. Sie gilt als Fachfrau für Organisationsentwicklung und Bildungsmanagement.
  • Dem Interview-Format „20 Fragen in 18 Minuten“ haben sich bislang Oberbürgermeister Erik O. Schulz, Theater Intendant Francis Hüsers, Breckerfelds Bürgermeister André Dahlhaus und der Phoenix-Basketballer Dominik Spohr gestellt.
  • Das Gespräch wird nicht nur hier für die Zeitung verschriftlicht, sondern ist auch im Original als Tonspur zu hören. Alle Interviews sind nachzuhören über den QR-Code oder unter wp.de/20 Fragen
Auch interessant
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik