Einsatz im Krisengebiet

Boelerin Christina Cappello mitten in den Unruhen Nicaraguas

Unruhen in Nicaragua: Die Bevölkerung demonstriert gegen ihren Präsidenten Ortega. Die Boelerin Christina Cappello erlebt das aktuell hautnah mit. Sie ist als Naturschützerin vor Ort.

Unruhen in Nicaragua: Die Bevölkerung demonstriert gegen ihren Präsidenten Ortega. Die Boelerin Christina Cappello erlebt das aktuell hautnah mit. Sie ist als Naturschützerin vor Ort.

Foto: Moises Castillo

Bluefields/Hagen.   Meter entfernt von ihr stirbt ein Journalist. Sie wischt Blut von den Händen des Ersthelfers. Christina Cappello ist an einem schwierigen Ort.

Der Aufstand hat Spuren im Paradies hinterlassen. Bei Protesten gegen die Regierung im mittelamerikanischen Nicaragua kamen zuletzt mindestens 63 Menschen ums Leben. Mittendrin ist eine Hagenerin. Sie hat die blutige Seite ihrer Wahlheimat in diesen Tagen hautnah gespürt.

Das Land ist nicht nur geografisch knapp zehntausend Kilometer von Deutschland entfernt, es scheint in einer anderen Welt zu liegen. Eine zweite Heimat ist es dagegen für die Hagenerin Christina Cappello. Geboren und aufgewachsen in Boele, Abitur am Fichte-Gymnasium, Studium im niederländischen Leeuwarden, „Wildlife Management“.

Seit zwei Jahren lebt die 28-Jährige als Naturschützerin in Bluefields an der Karibikküste Nicaraguas. Längst fällt sie, Tochter eines Italieners und einer Deutschen, unter den Einheimischen gar nicht mehr auf, gebräunte Haut, dunkle Haare, ansteckende Fröhlichkeit.

In Deutschland war sie zuletzt über Weihnachten, zu Besuch bei ihrer Familie in Hagen. „Und weil ich zum Zahnarzt musste“, sagt sie und lacht. Seit ihrer Rückkehr nach Nicaragua Anfang des Jahres hat sich die Lage dramatisch verändert. „Die Menschen wurden immer unzufriedener“, sagt Christina, und zwar mit der Politik von Präsident Daniel Ortega, der in seiner mittlerweile vierten Amtszeit die demokratischen Strukturen mehr und mehr abschafft.

Alles beginnt mit einem Brand

Alles beginnt mit einem Brand im Bioreservat Indio Maíz südlich von Bluefields. Lange war das der Arbeitsort von Christina, die dort vom Aussterben bedrohte Jaguare und Tapire beobachtet hat. Die Regierung unternimmt nichts gegen das riesige Feuer. „Irgendwann kamen Löschhubschrauber aus Mexiko und viel Regen“, sagt Christina. Sie selbst sammelt per Satellitenbildern Informationen über die Ausbreitung des Brandes und veröffentlicht sie. Die Menschen demonstrieren für Indio Maíz.

Eine umstrittene Sozialreform verstärkt die Proteste. Anstieg der Versicherungsbeiträge um bis zu 22,5 Prozent, dazu Rentenkürzungen. Nach heftigen Unruhen nimmt Ortega die Reform zurück. Für die Einwohner Nicaraguas ist das viel zu spät. Jetzt geht es um Ortega selbst.

Der Kampf um Leben und Tod kommt auch bei Christina an. Nach einer eigentlich friedlichen Demonstration in Bluefields eskaliert die Lage. Ein Plakat, knallig pink, passt einer kleinen Gruppe nicht. Es zeigt den verhassten Präsidenten mit seiner Frau und Stellvertreterin Rosario Murillo.

Christina beobachtet die Situation auf dem Weg nach Hause. „Ein Verrückter hat einige Jugendliche angestachelt, das Plakat mit Steinen zu bewerfen. Wir haben noch versucht, sie zur Vernunft zu bringen. Plötzlich war eine Spezialeinheit der Polizei da. Dann fielen die ersten Schüsse, hundert Meter von mir.“ Die Jugendlichen ziehen weiter zum Rathaus, schlagen Scheiben ein. Schreie, Leute laufen durcheinander, rufen: „Sie haben ihn erschossen!“ Neben Christina steht eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie will wissen, was passiert ist. Ihr Mädchen trägt ein Pünktchenkleid und einen Haarreif mit Mäuseohren.

Blut von Händen gewaschen

Ein Freund von Christina rennt auf sie zu. Er ist durcheinander, hat ein blutverschmiertes T-Shirt in der Hand. „Er stand direkt daneben, hat versucht, erste Hilfe zu leisten, ihm das T-Shirt gegen die Wunde gedrückt. Aber der Mann ist in seinen Armen gestorben.“

Christina will ihren Freund beruhigen, den Geruch nach Blut loswerden. Sie hat eine Flasche Wasser dabei. „Dann standen wir an der Ecke, dahinten schießen sie immer noch weiter, und ich wasche ihm das Blut eines Toten von den Händen. Das war ein ganz komischer Moment“, sagt Christina.

Der getötete Mann ist der Journalist Angel Gahona. Noch während der Schuss fällt, sendet er live auf Facebook. Seine Geschichte geht durch die internationalen Medien. Die Behörden in Nicaragua machen „kriminelle rechte Gruppen“ für die Tat verantwortlich.

Bald Rückkehr nach Hause

Sie selbst kehrt bald nach Deutschland zurück. Anfang Juni geht ihr Flieger nach Frankfurt. Das Ticket ist gebucht, ihre Familie freut sich auf sie. Ab September studiert sie wieder in den Niederlanden. „Geo-Information Science and Remote Sensing“ in Wageningen, endlich hat sie den ersehnten Master-Platz bekommen. Sie möchte noch mehr lernen. Auch um den Menschen in Nicaragua noch besser helfen zu können.

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