Musik

Cellistin Melinda Riebau aus Hagen: „Musik macht glücklich“

Cellistin Melinda Riebau

Cellistin Melinda Riebau

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Was haben 13 Babysitter mit einer Karriere im Orchester zu tun? Cellistin Melinda Riebau vom Philharmonischen Orchester Hagen löst das Rätsel

Um 21.50 Uhr ist das große Solo dran. Jetzt muss der Musiker Höchstleistungen abrufen können, egal, ob ihn Zuhause kranke Kinder um den Schlaf gebracht haben. „Musik macht glücklich“, sagt Melinda Riebau, „aber nur wenige Leute wissen, dass Musik ein Leistungssport ist. Du musst als Musiker immer da sein, immer auf den Punkt.“

36 Jahre lang war Melinda Riebau als Cellistin, Jazzsängerin und Kabarettistin eine weithin bekannte Sympathieträgerin­ der Hagener Philharmoniker. Nun geht sie mit fast 64 Jahren in den Ruhestand. Zum Abschied verrät die in Siebenbürgen geborene Ungarin, wie sie dank einer romantischen Liebesgeschichte überhaupt nach Hagen kam und dort eine neue Heimat fand.

Bereits mit 18 Jahren wird Melinda Riebau als Sängerin vom rumänischen Fernsehen entdeckt. „Aber als ich nur von Ceausescu und der Partei singen sollte, habe ich mich für das Cello entschieden. Das andere war mir zu langweilig.“ 1977, der Eiserne Vorhang ist noch fest geschlossen, darf sie mit einem Streichquartett zu einem Festival auf Schloss Weißenstein bei Bamberg reisen. „Deutschland, Bamberg, das barocke Schloss, das war für mich ein Kulturschock, denn man hat uns im Kommunismus so erzogen, dass wir die Besten, die Intelligentesten und die Kultiviertesten auf der ganzen Welt sind.“

Der lange Lulatsch an der Bratsche

Dabei lernt sie einen gewissen Lothar kennen, „den langen Lulatsch an der Bratsche“. Drei Jahre lang wird Lothar alle zwei Monate nach Rumänien reisen, um seine Melinda zu besuchen. „1980 durften wir endlich heiraten. Ceausescu hat persönlich die Heiratsurkunde unterschrieben.“

Dann kommt der Dezember 1983. Ihr Mann kann zu den Wuppertaler Sinfonikern wechseln. Und Melinda Riebau betet in der Hagener Stadthalle beim Vorspiel für das stellvertretende Solocello: „Bitte, lieber Gott, diese Stelle möchte ich haben.“ Der Rest ist Hagener Musikgeschichte.

„Hagen ist das netteste Orchester in Deutschland. Ich habe mich immer privilegiert gefühlt, in diesem Orchester zu spielen. Ich bin sehr stolz auf mein Orchester, mein Theater und mein Publikum. Deswegen habe ich mich in der Stadt Hagen immer wie in einem Nest gefühlt. Wir müssen die vielfältige Kultur in Hagen unbedingt für die Zukunft erhalten.“

Tolle Geschichten erlebt

Sechs Generalmusikdirektoren hat Melinda Riebau kommen und gehen sehen, „ich habe tolle Geschichten­ erlebt“. So zeigt das Theater Hagen einmal „Don Giovanni­“. Während Werner Hahn den Leporello singt und dabei regietechnisch­ in einen Hähnchenschenkel beißen muss, steht GMD Michael Halasz laut schmatzend am Pult. Hahn denkt, der Dirigent hat Hunger und wirft das Hühnerbein mit Schwung in den Graben. Es landet auf der funkelnagelneuen Mozart-Dirigierpartitur. Halasz hebt die knusprige Keule auf und beißt, unbeirrt weiterdirigierend, hinein. Um den Fettfleck hat er dann mit dem Stift einen Kreis gezogen, damit er ihn später an der Wiener Staatsoper stets an Hagen erinnert. „Wir konnten nicht mehr vor Lachen.“

Hörschäden als Tabuthema

Doch Musik macht nicht nur glücklich, sondern auch Arbeit. „Meine Tochter hatte 13 Babysitter und ist trotzdem etwas geworden“, resümiert Melinda Riebau, wie schwer es für Frauen ist, eine Orchesterkarriere mit all den Abenddiensten und die Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. „Meine Tochter ist eine sehr begabte Musikerin, aber sie sagt, sie möchte ein normaler Mensch sein, kein Musiker.“ Laura Riebau ist Staatsanwältin geworden.

Melinda Riebau spricht offen über das große Tabu-Thema in Musikerkreisen, die Gefahr zu ertauben. Bei Puccinis Oper „Turandot“ werden im Orchestergraben locker bis zu 120 Dezibel erreicht, die Werte eines startenden Düsenjets. Viele Musiker haben im Alter Hörprobleme, eine grausame Strafe für einen Beruf, der feine Ohren voraussetzt. „Es wird nicht darüber geredet. Ich gehöre zu den wenigen Musikern, die ihre Schwerhörigkeit zum Thema machen.“

Die Cellistin sehnt sich jetzt danach, Ungarn richtig kennenlernen. Und sie ist gespannt auf den anstehenden Perspektivwechsel. „Ich möchte in Hagen in Konzerte und ins Theater gehen und mich für die Erhaltung der Hagener Kultur engagieren.“

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