Hagen.

Chance auf Rückkehr sehr gering

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Hagen. Ob auch Werke aus Hagen zu dem Münchener Kunstschatz gehören, ist noch unklar. Eins steht allerdings fest: Hildebrand Gurlitt, Kunsthändler und Vater des Mannes, in dessen Schwabinger Wohnung unlängst über 1400 Bilder entdeckt wurden, besaß auch Werke, die 1937 von den Nationalsozialisten im Städtischen Museum Hagen beschlagnahmt wurden.

Daran lässt die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Freien Universität Berlin keinen Zweifel. Deren Internet-Datenbank spuckt gleich sieben in Hagen beschlagnahmte Werke aus, in deren Herkunftsverzeichnis „Hamburg, Hildebrand Gurlitt, Kauf“ auftaucht. Bei vier Aquarellen von Erich Heckel, Emil Nolde und Christian Rohlfs wird der 1956 verstorbene Kunsthändler als letzter Besitzer aufgeführt – der heutige Standort der Bilder ist unbekannt. Drei weitere Rohlfs-Werke befinden sich inzwischen in Privatbesitz oder hängen in einem anderen Museum. Ob aber eine Anfrage nach Hagener Bildern im Münchener Fund gestellt wird, vermag Dr. Birgit Schulte, stellvertretende Direktorin des Osthaus-Museums, zurzeit nicht zu sagen: „Das ist eine Entscheidung des Verwaltungsvorstands. Außerdem benötigt man noch mehr Quellen.“

Es wäre wohl ohnehin vergebliche Liebesmüh. Denn Experten gehen davon aus, dass Cornelius Gurlitt die geerbten Bilder, deren Konfiszierung die Nazis 1938 gesetzlich legitimierten und die sein Vater später erwarb, behalten darf. Wäre dem nicht so, müsste über die Zukunft zahlloser beschlagnahmter Werke, die Museen und Privatsammler in den Nachkriegsjahren kauften, neu entschieden werden. „Ein fast unauflösbarer Knoten“, meint Birgit Schulte.

Das größte Konvolut aus der NS-Aktion „Entartete Kunst“ befindet sich heute in Rostock: Über 600 Werke besitzt das dortige kunsthistorische Museum, sechs davon stammen aus Hagen. Sie befanden sich zuvor jedoch nicht in Hildebrand Gurlitts Händen, sondern kommen aus dem Nachlass Bernhard A. Böhmers, eines ebenfalls von den Nationalsozialisten mit der finanziellen Verwertung „entarteter“ Kunst betrauten Händlers.

Rigoroses Vorgehen

Im Gegensatz zu Westdeutschland gingen die Verantwortlichen in der sowjetischen Besatzungszone rigoroser zur Sache. Nachdem sich Böhmer 1945 das Leben genommen hatte, wurden 1947 über 1000 Kunstwerke bei seiner Schwägerin sichergestellt und im „Rostocker Depot zur Rückgabe an das Herkunftsmuseum“ gelagert.

Vorbildlich, möchte man meinen. Tatsächlich erhielten aber fast ausschließlich ostdeutsche Museen ihre Kunst zurück. Der Rest der Werke, in deren Besitz Böhmer durch Tausch, Kauf oder Kommissionsaufbewahrung gelangt war, verblieb in Rostock. Auch die Hagener Bilder. Nach der Wiedervereinigung hätten westdeutsche Museen eventuell Ansprüche geltend machen können. Sie taten es nicht, denn die genauen Bestände in der Hansestadt an der Ostsee waren weitestgehend unbekannt. „Das war 1990 wohl noch nicht publik“, sagt auch Birgit Schulte, die von ehemals Hagener Besitz in Rostock bislang nichts wusste: „Wir haben keine Forderungen gestellt.“ Für eine Rückgabe dürfte es nun zu spät sein, denn 2009 – 19 Jahre nach der deutschen Einheit – wurden die Werke offiziell dem Vermögen der Stadt Rostock zugeschrieben.

Und noch eine Frage stellt sich: Was passierte mit den Bildern Walther Böttichers? Laut Datenbank der Berliner Forschungsstelle beschlagnahmte das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda 1937 im Städtischen Museum an der Volme 27 Gemälde des Hagener Künstlers, gab sie 1939 aber zurück. Dennoch besitzt das Osthaus-Museum als Nachfolger des Städtischen Museums heute nur drei dieser Werke. „Und an sie sind wir durch Kauf oder Schenkungen gelangt“, erläutert Birgit Schulte. Elf weitere Bötticher befinden sich in Privatbesitz, 13 der 27 Gemälde gelten als verschollen.

Vermeintliche Rückgabe

Was es mit der vermeintlichen Rückgabe 1939 auf sich hatte, erscheint bis heute unklar – wie so vieles im Bereich der „entarteten Kunst“.

Birgit Schulte warnt aber davor, bei der weiteren Forschung etwas übers Knie zu brechen: „Man kann nicht pauschale Forderungen stellen, sondern muss differenzieren – zum Beispiel zwischen entarteter und Beutekunst. Jetzt langsam, wo mit Fakten gehandelt wird, klappt das besser.“

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