Ballett

Am Theater Hagen reist Cinderella funkelnd zum großen Ball

Die Kürbiskutsche ist der Knaller: Szene aus Cinderella mit Amber Neumann, Da Ae Kim und Noemi Martone.

Foto: Klaus Lefebvre / Theater Hagen

Die Kürbiskutsche ist der Knaller: Szene aus Cinderella mit Amber Neumann, Da Ae Kim und Noemi Martone.

Hagen.   Das Ballett Hagen vertanzt das berühmte Aschenputtel-Märchen als Geschichte voller grotesker Kontraste. So entstehen starke Bilder.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Kürbiskutsche ist der Knaller. Am Theater Hagen reist Cinderella lichterfunkelnd zum großen Ball. Die Compagnie unter Direktor Alfonso Palencia vertanzt das Märchen mit der Musik von Sergej Prokofjew als Handlung voller greller Kontraste. So entstehen starke Bilder, die das Publikum mit herzlichem Beifall im Stehen belohnt.

Die Geschichte vom Aschenputtel ist in vielen Kulturen der Welt überliefert und bildet bis heute ein archetypisches weibliches Rollenmodell: eine attraktive, gütige und vom Schicksal gedemütigte junge Frau findet ihre Erlösung durch die Liebe eines Prinzen. Der Komponist Sergej Prokofjew hat dazu eine Ballettmusik komponiert, die weniger die romantischen Aspekte herausstellt als das Aufeinanderprallen zweier Kulturen: hier die egoistische Stiefmutter mit ihren plumpen und streitsüchtigen Töchtern, dort das reizende benachteiligte Kind, das seine Sehnsüchte nur in Träumen verwirklichen kann.

Prokofjew experimentiert dabei lustvoll mit einer aus der Maschinenmusik abgeleiteten musikalischen Groteske. So lässt es sich aus der Partitur selbst ableiten, dass die Figuren der Stiefmutter und der bösen Schwestern gerne mit Männern besetzt werden – und übrigens auch aus dem Grund, dass es sonst in Cinderella nur eine männliche Hauptrolle gibt, dafür aber sehr viele weibliche, was kleine Compagnien überfordert. Kapellmeister Rodrigo Tomillo arbeitet mit den Hagener Philharmonikern diese Spannung zwischen der schwelgerischem Poesie und den satirischen Rhythmuspointen temperamentvoll heraus.

Durchgeknallte Transen

Alfonso Palencia lässt in seiner Choreographie die Stieffamilie nun wie durchgeknallte Hollywood-Transen in Netzstrümpfen über die Bühne stöckeln. Bobby Briscoe als baumlange Stiefmutter sowie Gennaro Chianese und Goncalo Martins da Silva als Schwestern werfen sich genüsslich in ihre überdrehten Charaktere und liefern gerade beim tollpatschigen Marsch auf dem Ball eine fröhliche Gratwanderung zwischen Slapstick und Akrobatik.

Dorin Gal hat dazu eine Bühne entworfen, in der die beiden Welten scharf aufeinanderprallen und die zauberhaften Elemente mit reichlich Trockeneis umnebelt werden. Die Sphäre des Prinzen ist in einem abstrakten barocken Ambiente gehalten, während das Haus der Stiefmutter scharfkantiger Kunst für Kälte sorgt.

Farbpsychologisch sind Aschenputtel und alle, die zu ihr gehören, in weichen Grau- und Blautönen gezeichnet. Da Ae Kim scheint als Cinderella nicht ganz von dieser Erde, denn die junge Koreanerin schwebt und fliegt regelrecht über die Szene, ihre Grazilität, ihre Anmut, ihre fließenden Bewegungen spiegeln ihr gutes Herz. Kein Wunder, dass sich Gustavo Barros als Prinz in diese märchenhafte Gestalt verliebt.

Die Mutterfee hilft

Alfonso Palencia hat das Handlung ein wenig abgeändert. So erscheint Noemi Martone als Mutterfee aus dem Kamin, in dem Cinderella schläft, um ihrer Tochter zu helfen. Amber Neumann und Serena Landriel tanzen hochvirtuos die Sommer- und die Winterfee in einer stimmungsvollen Gartenszene. Prokofjew psychologisiert insbesondere Cinderella mit Leitmotiven, die ihre jeweiligen Gefühle Klang werden lassen. Traurigkeit und Weh, Glück und Liebe übersetzt Alfonso Palencia in entsprechende Tanzvokabeln, allerdings wiederholen diese sich in den einzelnen Soli Cinderellas zu häufig, es fehlt eine dramaturgische Steigerung der Tanzsprache auf das glückliche Ende hin.

Auch in den Ensembles merkt man, dass die Compagnie sich noch ein bisschen finden muss, denn es gibt häufige Probleme mit der Synchronität. Die Schneiderei muss sich außerdem noch einmal um Cinderellas Ballkleid kümmern, das in der Bewegung unschöne Wülste bildet.

Insgesamt ist die Hagener Cinderella aber eine Produktion mit großartiger Musik, phantastischen Kostümen und vielen gelungenen Einfällen, etwa wenn die Trockenhauben aufmarschieren, um den Stiefschwestern die Haare schön zu machen oder wenn Cinderella im Schloss des Prinzen kurz vor Mitternacht in der Unerbittlichkeit der Uhr gefangen wird.

www.theaterhagen.de

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik