Sommerserie

Industrieunternehmen haben Hagen groß gemacht

Kollegen unter sich (von links): Jürgen Schulte, Fahrudin Okanovic, Dirk Opfer und Waldemar Karzmarzik.

Foto: Michael Kleinrensing

Kollegen unter sich (von links): Jürgen Schulte, Fahrudin Okanovic, Dirk Opfer und Waldemar Karzmarzik. Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Industrieunternehmen wie die Schmiedag GmbH haben Hagen groß gemacht. Allerdings ist die Blütezeit der Schwerindustrie in Hagen längst passé.

Ein Mann, acht Worte. „Ich bin stolz, in dieser Firma zu arbeiten“, sagt Jürgen Schulte (54). Weil schon sein Vater hier gearbeitet hat. Weil schon sein Bruder hier gearbeitet hat. Weil er sich als Malocher versteht, schon immer. „Wer nicht hart arbeiten will und kann, für den ist das hier nichts.“

Jürgen Schulte arbeitet bei der Schmiedag GmbH, dem ältesten Industrieunternehmen und der zweitältesten Firma in Hagen überhaupt. Er ist einer von vielen Männern (und nicht ganz so vielen Frauen), die dieser Stadt ihren Stempel aufgedrückt, die sie geprägt haben. Als Werkzeugmacher, Dreher oder Schlosser. Als Metallverformer, Gießer oder Maschinenbauer. Als Drucker, Mechaniker oder Walzer.

Ganze Generationen von Industriearbeitern haben Hagen zu Wohlstand verholfen und nicht nur die Unternehmen, für die sie tätig waren, sondern auch die Stadt groß gemacht. „Es gab zahlreiche Betriebe mit mehreren Tausend Mitarbeitern“, berichtet der Historiker Dr. Ralf Blank, Leiter des Fachbereichs Museen, Archive, Wissenschaft bei der Stadt Hagen.

Auch wenn die Blütezeit der Schwerindustrie in der Stadt passé ist, setzen mittelständische Unternehmen wie die Schmiedag die Tradition der Stahlproduktion und -bearbeitung bis heute fort.

Und verlassen sich dabei auf Arbeiter wie Jürgen Schulte, die den Fabrikgeruch sozusagen schon mit der Muttermilch aufgesogen habe. Bereits im Alter von 15 Jahren absolvierte er eine Lehre als Universalfräser bei der Firma in Eckesey und trat damit in die Fußstapfen seines Vaters. 267 Mark verdiente Schulte im ersten Lehrjahr, die Hälfte seines Lohns musste er zu Hause abdrücken: „Das war kein Nachteil. So habe ich gelernt, mit wenig Geld auszukommen.“

Nach einem vierjährigen Intermezzo als Zeitsoldat bei der Bundeswehr kehrte Schulte zur Schmiedag zurück, inzwischen hat er 36 Jahre Betriebszugehörigkeit auf dem Buckel.

So lange bleibt man einem Unternehmen nur treu, wenn man sich wohlfühlt. „Und das ist hier der Fall. Ich verstehe mich gut mit den Kollegen.“ Sein Arbeitstag beginnt um sechs und endet um 14 Uhr, er ist mittlerweile Programmierer von acht CNC-Fräs- und Drehmaschinen und dafür verantwortlich, dass sie störungsfrei laufen, er muss Vorkalkulationen aufstellen und ausrechnen, ob neue Werkzeuge kostengünstiger herzustellen sind.

Der Produktionsbereich ist eine Männerdomäne und manchmal immer noch Knochenarbeit, die Ansprache direkt: „Wenn mir etwas nicht gefällt, dann sage ich das dem Kollegen“, berichtet Schulte: „Beim ersten Mal bin ich freundlich, beim zweiten Mal auch noch. Aber beim dritten Mal werde ich laut. Beim dritten Mal muss man es verstanden haben.“

Dass sein Vater früher ebenfalls im Unternehmen tätig war, war für Schulte kein Vorteil, eher eine Bürde. Denn natürlich wurde bisweilen genau geguckt, ob da einer seine Stelle vielleicht nur durch Beziehungen bekommen hatte. „Nein, hier musst du Leistung bringen“, bekräftigt es Dirk Opfer (53), der selbst seit 38 Jahren bei der Schmiedag arbeitet und jetzt Ausbildungsleiter ist: „Seine Stellung muss sich jeder selbst erarbeiten.“

Doch für all den Einsatz gibt die Firma ihren Mitarbeitern auch etwas zurück. Jürgen Schulte hat, wie die meisten Kollegen auch, während seines langen Arbeitslebens nahezu alle Bereiche des Betriebs durchlaufen, denn Produktionsleiter Michel Wolf (54) baut auf Flexibilität: „Ein Dreher soll nicht nur drehen, sondern auch lackieren und schweißen können“, sagt er: „Das erweitert den Horizont der Mitarbeiter, sie können sich weiterqualifizieren. Und das Unternehmen versetzt es in die Lage, umgehend auf veränderte Kundenbelange reagieren zu können.“

Wie sehr sich die Belegschaft der Schmiedag mit der Firma identifiziert, zeigt das Beispiel von Waldemar Karzmsarzik (48). Als Betriebsratsvorsitzender hätte er das Recht, sich freistellen zu lassen, verzichtete jedoch darauf, als die Betriebsabläufe verschlankt werden sollten: „Da wollte ich mit gutem Beispiel vorangehen. Wir sind hier doch wie eine Familie.“

Diesen Satz würde auch Fahrudin Okanovic (44) unterschreiben, ­dessen Vater in den 70-er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Hagen einwanderte und bei der Schmiedag Arbeit fand. 1994 fand auch sein Sohn als Ferienjobber für drei Monate einen Job in der Fabrik. Aus dem Vierteljahr wurden 23 Jahre, Fahrudin Okanovic ist heute Abteilungsleiter. Und sieht seine Zeit bei der Schmiedag noch lange nicht zu Ende gehen. Er will hier weiterarbeiten. Bis zur Rente. Wie sein Vater.

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