Sexueller Missbrauch

Das Leiden hört niemals auf

Sexueller Missbrauch prägt sich für immer in die Seele der Kinder ein.

Sexueller Missbrauch prägt sich für immer in die Seele der Kinder ein.

Foto: dpa

Hagen.   Die Hagener Psychologin und Psychotherapeutin Ulrike Giernalczyk hält zwei Vorträge über den sexuellen Missbrauch von Kindern und die Folgen.

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Die Hagener Psychologin und Psychotherapeutin Ulrike Giernalczyk hält zwei Vorträge über den sexuellen Missbrauch von Kindern und die Folgen.

Welche Auswirkungen hat sexueller Missbrauch auf das spätere Leben der Opfer?

Ulrike Giernalczyk: Sie stellen die schwerste Frage zuerst. Was mit einem Kind passiert, das ist in seiner Psyche gespeichert. Das geht nicht weg. Das ist wie mit einer Narbe, mit der man leben muss. Die Wunden verheilen vielleicht, aber die Narben bleiben für immer.

Das Leiden hört also nie auf?

Giernalczyk: Viele Opfer, die als Kinder missbraucht wurden, kommen als Erwachsene zu mir, weil sie nicht damit fertig werden. Sie haben diese Erlebnisse jahrelang verdrängt, und dann bricht plötzlich die Erinnerung hervor.

Wie wirkt sich das aus?

Giernalczyk: Das ist ganz unterschiedlich, das hängt sehr von der Form und Dauer des Missbrauchs ab und davon, ob der Täter aus der eigenen Familie stammt. Dann kommt natürlich ein nicht wiedergutzumachender Vertrauensverlust hinzu. Nur ein Beispiel: Eine Frau, die von ihrem Vater missbraucht worden war, konnte ihre Sexualität ganz gut ausleben, aber nur mit Zufallsbekanntschaften. Mit festen Partnern war sie nicht imstande, das Bett zu teilen, weil sie das an die Situation mit ihrem Vater erinnerte.

Es heißt, viele Täter seien früher selbst Opfer gewesen. Stimmt das?

Giernalczyk: Ich glaube ja. Wenn die Seele die Erinnerung gar nicht mehr anders abwehren kann, können sich Täteranteile entwickeln nach der Devise: Wenn ich so handele, passiert mir das selbst nicht mehr. Wohlgemerkt, das ist keine Entschuldigung für Missbrauch, doch die Täter haben in der Regel keine normale Biographie.

Aber spüren sie kein Mitleid mit den Kindern, denen sie das antun?

Giernalczyk: Sie haben keine Empathie mehr für sich selbst und nicht für ihre hilflosen Opfer. In dem Moment, in dem sie nachfühlen könnten, welches Leid sie den Kindern zufügen, müssten sie aufhören, sie zu missbrauchen.

Ist sexueller Missbrauch auf bestimmte Milieus beschränkt?

Giernalczyk: Eindeutig nicht, er kommt in den besten Familien vor. Die können ihn nur besser verdecken. Und 80 Prozent der Täter stammen aus der Familie des Opfers, der Anteil der Fremdtäter ist also gering, wenngleich diese häufig in die Zeitung kommen, etwa wenn sie das Kind nach dem Missbrauch umbringen, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, es zum Schweigen zu bringen. Gewalttäter sind oft Außenseiter, aber die Verwandten erlebt das Kind außerhalb des Missbrauchs häufig als nette Menschen.

Und wie setzen die Angehörigen die Kinder unter Druck?

Giernalczyk: Mit Drohungen, aber auch sehr subtil. Wenn ein Vater sein Kind missbraucht und ihm anschließend mitteilt: Wenn du das jemandem erzählst, kommt der Papi ins Gefängnis und die Mami ist sehr traurig, und dann bist du Schuld daran, weil du es erzählt hast – dann kann man sich ausmalen, dass es die Kinder eine unendliche Überwindung kostet, sich jemandem anzuvertrauen. Sie fühlen sich schuldig; übrigens auch, wenn sie Zeugen eines Missbrauchs werden.

Was meinen Sie damit?

Giernalczyk: Wenn ein Kind mitbekommt, dass ein Freund oder ein Geschwister missbraucht wird, dann löst das ein Gefühl der Hilflosigkeit aus. Und daraus kann später so eine Überlebensschuld entstehen, eine unerträgliche Belastung. Man schätzt, dass jedes vierte Kind in Deutschland mindestens einmal Opfer eines Missbrauchs wird.

Wir sind doch keine Gesellschaft von Sexualstraftätern!

Giernalczyk: Wissen Sie, die Täter haben in der Öffentlichkeit ihren Ruf ruiniert, wenn ihr Tun bekannt wird, aber auf die Opfer wird gezeigt, und dadurch werden sie diskriminiert. Das verschärft die ohnehin vorhandene Angst, das eigene Leiden öffentlich zu machen.

Sollten Sexualstraftäter für immer weggesperrt werden?

Giernalczyk: Das würde der Problematik nicht gerecht, das bestehende Strafmaß ist schon in Ordnung. Die Taten sind verwerflich, aber die Täter sind und bleiben Menschen.

Sie haben den Verein Raphael gegründet. . .

Giernalczyk: Ja, einen Verein zur Unterstützung von Menschen, die sexuellen Missbrauch oder ähnliche traumatische Erfahrungen gemacht haben. Wir organisieren Ausflüge für sie, Einzelfallhilfen und Ähnliches. Viele Opfer kommen im Leben nicht zurecht.

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