Oper

Das schlaue Füchslein bezaubert im Theater Hagen

Große Liebe unter Füchsen: Dorothea Brandt  und Jennifer Panara.

Große Liebe unter Füchsen: Dorothea Brandt und Jennifer Panara.

Foto: Klaus Lefebvre / Theater Hagen

Hagen.   Das Theater Hagen zeigt Janáceks Oper „Das schlaue Füchslein“ als Parabel über Werden und Vergehen in einer phantastischen Drehbühne aus Leitern.

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„Das schlaue Füchslein“ ist die erste Oper, die nach einem Zeitungscartoon komponiert wurde. Leos Janácek hat mit dieser Tierparabel einen Sommernachtstraum vom Werden und Vergehen geschaffen. Das Theater Hagen zeigt die Episoden-Geschichte jetzt mit einem großartigen Ensemble in einem phantastischen Bühnenbild. Dafür gibt es bei der Premiere sehr viel Beifall.

Ein Leiterwald reckt sich auf der Drehbühne hoch in den Himmel. Aber gleichzeitig ist dieses expressionistisch aufgebrochene Bühnenbild von Christof Cremer ein abstrakter Hochhausdschungel. Darin führen Menschen und Tiere eine der Umwelt entfremdete Existenz. Förster, Lehrer und Pfarrer träumen von vergangener Liebe, während die Füchse sich von den Resten in weggeworfenen Fast-Food-Schachteln ernähren. Mit diesem Konzept versucht Regisseurin Mascha Pörzgen, die Naturphilosophie in Janáceks 1924 uraufgeführtem Werk in eine Postmoderne zu übersetzen, in der man mit Wildnis Beton assoziiert, und gleichzeitig die Charaktere zu schärfen.

Denn Janácek hat nicht „Bambi“ oder den „König der Löwen“ geschaffen. Die Tiere sind keine besseren Menschen. Die Füchsin verhält sich artgerecht, wenn sie Hühner reißt und den Dachs aus seinem Bau vertreibt. Nett ist das nicht. Gleichzeitig gibt es herrliche Spiegeleffekte, etwa wenn die Füchsin die Legehennen im marxistischen Sinn agitiert oder sich bei der Brautwerbung als moderne Frau präsentiert, die jedoch noch nicht raucht.

Agitation der Hühner

Dass diese Inszenierung so gut funktioniert, ist dem Hagener Ensemblegeist zu verdanken. Wo findet man sonst Solisten, die sich mit derart viel Leidenschaft und Professionalität selbst in winzigste Rollen stürzen? Es ist ein Erlebnis, wie Kammersängerin Marilyn Bennett den durchtriebenen Dackel gibt oder Sopranistin Veronika Haller popcornpickend als Hahn im Hühnerhof umherstolziert. Der Kinderchor und seine Soloklasse tragen die Aufführung erheblich und sorgen für magische Momente.

Drei alte Männer hängen ihren verpassten Abenteuern nach. Dafür stehen die Sonnenblumen als einziges Grün im Betondschungel. Bass Rainer Zaun spielt den Pfarrer als tragikomisch gescheiterten Romantiker, dessen Situation unhaltbar geworden ist. Tenor Boris Leisenheimer hat als verklemmter Lehrer ein riesengroßes Herz, das nie richtig schlagen durfte. Und Bariton Kenneth Mattice ist der stimmgewaltige, melancholische Förster, der noch einigermaßen erkennt, was seiner Welt an ganzheitlicher Erfahrung fehlt. Nur der Wilderer Háraschta (Olaf Haye) verweigert sich melodiös dem System. Er tötet am Ende die Füchsin. Aus ihrem Fell wird ein Muff für sein Liebchen. So geht der Lauf der Welt.

Dorothea Brandt singt die Füchsin mit bezauberndem Sopran. Zu den innigsten Szenen der Inszenierung gehören die Tier-Hochzeit und das Liebesduett des Fuchspaares angesichts der wachsenden Nachwuchs-Schar.

Janáceks Musik ist märchenhaft leuchtend und wunderschön, aber schwer zu dirigieren und entsprechend für das Orchester schwer zu spielen. Die meisten Bühnen setzen für diese Partitur aus gutem Grund Extraproben an. Generalmusikdirektor Joseph Trafton kann mit den Philharmonikern einzelne humoristische und illustrative Stellen wie Mückensummen und Waldweben gut herausarbeiten. Die Feinarbeit in der Verbindung von Komik und Poesie muss und wird noch kommen.

Die Libelle putzt Fenster

Viele Theater zeigen „Das schlaue Füchslein“ erfolgreich als Familienstück, weil die Oper mit anderthalb Stunden relativ kurz ist und weil es jenseits der parabelhaften Tiefendeutung viel zu entdecken gibt. Auch in Hagen freuen sich große wie kleine Besucher über die einfallsreiche Ausgestaltung der Tierwelt, vor allem über die Libelle (Jonas Witzel), die als Fensterputzer die Luft zwischen den Leitersprossen reinigt.

www.theaterhagen.de

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