Jugendtheater

Der Junge mit dem Koffer wird am Theater Hagen gefeiert

Anne Schröder, Franziska Schmid, und Michael Mayer in dem Stück „Der Junge mit dem Koffer“.

Anne Schröder, Franziska Schmid, und Michael Mayer in dem Stück „Der Junge mit dem Koffer“.

Foto: Klaus Lefebvre / Theater Hagen

Hagen.   „Der Junge mit dem Koffer“ ist ein Stück über Flucht. Warum die Junge Bühne Hagen das Stück jetzt völlig unsentimental erzählt.

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Für ein Familienticket reicht das Geld nicht. Also setzen die Eltern Naz alleine in den Bus. Er soll nach London, wohin es der große Bruder schon geschafft hat, und wo Milch und Honig fließen. Mit „Der Junge mit dem Koffer“ hat der preisgekrönte britische Autor Mike Kenny ein Stück über Flucht geschrieben, das so unangestrengt und doch gleichzeitig so tiefgründig ist, dass viele Theater es derzeit im Programm haben. Die Junge Bühne Hagen zeigt das Werk jetzt als Abenteuer, in dem sich Traum und Phantasie mischen und die Macht der Geschichten beim Überleben hilft.

Masken und Pantomime

Der Weg ist endlos. Er führt durch die Wüste, über Berge, aufs Meer. Naz kennt ihn nicht und auch nicht die Gefahren, die auf ihn lauern. Das visualisiert Bühnenbildner Jeremias H. Vondrlik mit einer unendlichen Rampe, die Steigungen, Gefälle und Knicke hat. In diesem reduzierten Raum mit seinen orientalischen Ornamenten lenkt nichts von Naz ab und von dem Mädchen Krysia, das er unterwegs trifft.

Vier Darsteller bringt Regisseurin und Lutz-Leiterin Anja Schöne auf die Bühne, drei von ihnen studieren noch in Köln. Sie übernehmen alle Rollen, sind Vater, Mutter, Menschenschmuggler, Busfahrer, Milizionäre, Zuhälter, Ausbeuter, Schäfer, Echos, Fischer und sogar Wölfe. Masken und pantomimisch vergrößerte Gesten ermöglichen die Verwandlungen. Naz wird von zwei Schauspielern verkörpert, von Michael Mayer und Leo Kamphausen. Dazu kommen Franziska Schmid und Anne Schröder. So faltet sich die Handlung immer wieder in verschiedene und simultane Perspektiven auf; es bleibt jederzeit deutlich, dass hier Theater gespielt wird und dass das Schicksal von Naz kein Einzelfall ist.

Trotz dieser Brechungen entsteht eine dichte, geradezu verzauberte Atmosphäre und eine große Identifikation mit den Protagonisten. Das ist der Musik zu verdanken. Maren Lueg und George Alfazaa vom Hagener Ensemble „Hamam Abbiad“ nutzen Gesang, Percussion, Oud und arabische Flöten, um Gewitter und Schneesturm, Angst, Verzweiflung, Heimat und das Fünkchen Hoffnung hörbar zu machen, das die Kinder weitertreibt.

Naz nennt sich auf der Flucht Sindbad, weil er die Geschichten des Seefahrers aus 1001 Nacht so liebt; sein Vater hat sie ihm immer erzählt, wenn er nicht einschlafen konnte. Sindbads Reisen werden für Naz zum Rettungsanker angesichts der Erlebnisse des Trecks, auf die er völlig unvorbereitet ist und die er mit der Naivität jener behüteten Kinder antritt, die nicht glauben wollen, dass es böse Menschen gibt. Krysia ist da schon erfahrener; nie spricht sie darüber, was passiert ist, als die Soldaten auf das Gehöft ihres Vaters kamen.

Grausame Industrie

Anja Schöne arbeitet ebenso spielerisch wie entlarvend die grausame Industrie heraus, die sich um die große Wanderung derjenigen entwickelt hat, die vor dem Krieg und dem Hunger fliehen. Der Schäfer führt Krysia übers Gebirge, weil sie ihn bezahlen kann. Naz kann das nicht und bleibt zurück. Zwei Jahre lang nähen die beiden wie Gefangene im Akkord T-Shirts in einer Hafenstadt, für ein paar Groschen.

In seinem Kopf hat Naz die Geschichten von Sindbad, aber in seinem Koffer verwahrt er eine Postkarte, auf der die Tower Bridge zu sehen ist. Die hat sein Bruder mit enthusiastischen Schilderungen nach Hause geschickt. Als Naz endlich in London eintrifft, muss er begreifen, dass Ankommen noch viel schwieriger ist als Weggehen. London ist nicht das gelobte Land. Der Bruder, der Arzt werden wollte, wäscht Autos. Er lebt in einem winzigen Zimmer. „Du hättest nicht kommen sollen“, sagt er. Am Ende schreiben sie den Eltern wieder eine Postkarte, keine Märchen diesmal, sondern die Wahrheit. „Es ist nicht so anders hier. Manche Menschen sehen Dich an und manche sehen dich nicht an.“

„Der Junge mit dem Koffer“ ist eine geistreiche und berührende Inszenierung, die völlig ohne Zeigefinger auskommt und durch die Livemusik eine märchenhafte Brücke zwischen Morgenland und Abendland baut. „Der Junge mit dem Koffer“ ist Teil des Programms „Jeder Schüler ins Theater“. Der Theaterförderverein stiftet Schulklassen, die sich beweben, die Eintrittskarten. Info: www.theaterhagen.de

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