Kultur

Der Opernchor ist das Flaggschiff des Theaters in Hagen

Wolfgang Müller-Salow leitet den Chor.

Foto: Michael Kleinrensing

Wolfgang Müller-Salow leitet den Chor. Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   24 Stimmen stark ist der Theaterchor Hagen und doch wie eine Stimme. Das Ensemble aus Profisängern feiert beim Publikum regelmäßig Triumphe.

Sebastian Joest (43) liebt den Wald und die Natur. Häufig geht er spazieren oder ist mit dem Fahrrad unterwegs. Und manchmal, wenn ihm das Herz übergeht vor Glück und Freude, singt er laut. Ob ihn jemand hört? Das ist nicht entscheidend, denn in solchen Momenten ist er ganz bei sich und singt nur für sich: „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl zu singen. Es ist traumhaft. Ich fühle, wie beim Singen Glückshormone ausgeschüttet werden.“

Joest hat eine sonore, tiefe Stimme. Er ist ein Bass. Er ist Berufssänger und Mitglied im Chor des Hagener Theaters. Er hat Elektrotechnik studiert und einige Zeit als Ingenieur gearbeitet, und dann hat er alles hingeschmissen und sich zum Sänger ausbilden lassen. Die Stimmlage hat er von seinem Vater geerbt, der allerdings kein Sänger war, Joest entstammt keiner Musikerfamilie und weiß nicht, wie die Musik zu ihm gekommen ist, aber er weiß, dass Singen das ist, was er machen will: „Das habe ich schon als Kind gespürt.“ Und über den Umweg der Elektrotechnik hat er den Kindheitstraum schließlich wahr werden lassen.

Ausgeprägte Chorrollen

24 Stimmen stark ist der Theaterchor und doch wie eine Stimme. Weltweit zählen die Chöre zu den Flaggschiffen der Opernensembles, fast überall feiern sie Triumphe beim Publikum. So ist es auch in Hagen. „Ja, der Chor springt die Zuhörer an“, sagt Chordirektor Wolfgang Müller-Salow. Nicht von ungefähr haben einige der beliebtesten Bühnenwerke der Operngeschichte ausgeprägte Chorrollen.

Doch hinter den Triumphen steht ein mühsamer, langer, mitunter qualvoller Weg. Die Leute dächten immer, der Vorhang geht auf und dann steht der Chor da und singt, sagt Müller-Salow. Woran die Leute nicht dächten, seien die täglichen Chorproben, das Feilen an Dynamik, Tempo und Akzenten, das häufige Wiederholen. Nein, davon wisse das Publikum nichts, sagt Müller-Salow, aber: „Davon soll das Publikum auch nichts wissen. Es darf nicht merken, welcher Weg hinter uns liegt.“ Schließlich darf man beim Schauspieler, wenn er ein guter Schauspieler ist, auch nicht merken, dass er nur schauspielert bzw. eine Schauspielschule besucht hat.

Identifikation mit der Rolle

Professionelle Sänger sind beides: Sänger und Schauspieler. Sie identifizieren sich mit ihrer Rolle, im besten Fall gehen sie darin auf. Jede Ins­zenierung ist anders, jeder Gang auf die Bühne ein kleines Abenteuer. In der Oper „Das schlaue Füchslein“ von Janacek müssen sich die Chormitglieder in einem Wald aus Leitern zurechtfinden, in Wagners „Holländer“ standen sie 2017 auf der überfluteten Bühne im Wasser. Aber noch viel wichtiger ist, dass die Einsätze stimmen. Ein unsichtbares Band hält den Chor während seiner Auftritte zusammen. Er achte natürlich auf den Dirigenten, sagt Joest: „Aber ich orientiere mich auch an den Kollegen neben mir. Ich spüre sie eher als dass ich sie sehe.“

Die Musik besitze eine Magie, die man nicht in Worte fassen könne. Die Musik habe sie nie losgelassen, sagt Andrea Kleinmann: „Ich wollte Schauspielerin werden. Aber die Musik hat mich nicht gehen lassen.“

Geregelte Tätigkeit

Also studierte sie Sologesang an der Musikhochschule in Detmold, war eine Zeitlang freiberuflich tätig und fand vor elf Jahren eine feste Anstellung im Hagener Theaterchor. Sie fühlt sich wohl in der Stadt: „Auch wenn ich mich an die Offenheit der Menschen hier erst gewöhnen musste. In meiner schwäbischen Heimat sind die Leute reservierter.“ Sie fühlt sich wohl, weil sie einer geregelten Tätigkeit nachgehen und sich mit den Sängerkollegen austauschen kann: „Und es ist immer von neuem faszinierend, wie die unterschiedlichsten Künstlerpersönlichkeiten im Chor zu einem Klang werden.“

Dafür ist Wolfgang Müller-Salow verantwortlich. Der Chordirektor hat schon in Wiesbaden, Frankfurt, Luzern und Pforzheim gearbeitet und studiert mit seinen Sängern vom Sinfoniekonzert über Musicals, Operetten und Opern, vom Repertoirewerk bis zur Uraufführung alles ein, was von ihm verlangt wird. Ob der Chor im Stück vorne oder hinten steht, bestimmt der Regisseur. In welcher Stärke der Chor auftritt, bestimmt der Dirigent. Der Chordirektor stellt ihnen ein vielstimmiges, perfekt funktionierendes Instrument zur Verfügung. „Wir lesen keine Noten“, sagt Müller-Salow: „Wir machen Musik.“

Internationale Truppe

Der Chor des Theaters in Hagen ist, wie das Ballett, eine internationale Truppe. Keines der 24 Mitglieder stammt aus Hagen, die Hälfte von ihnen ist fremdsprachig, Bulgaren, US-Amerikaner, Polen, Südafrikaner und vor allem Koreaner sind darunter. Sie haben alle einen unterschiedlichen musikalischen Hintergrund und interpretieren womöglich jede Notenstelle unterschiedlich, und Müller-Salow muss sie dazu bringen, nicht dasselbe zu tun, aber den Geist der Musik zu finden und auf das Publikum überspringen zu lassen, ohne dass das Publikum merkt, dass dahinter Schweiß und manchmal Tränen stecken.

Sebastian Joest schließt sich häufig im Chorsalon ein und übt. Er nimmt zudem Gesangsstunden bei einem Gesangslehrer in Wuppertal. Man dürfe sich nie zufrieden gebe, sagt er, man sei nie gut genug. Und man nehme die eigene Stimme ganz anders wahr als die Mitmenschen. „Ich brauche immer wieder Kontrolle. Es gibt Sänger, die machen von Natur aus alles richtig. Ich gehöre leider nicht dazu.“

Der Chor mag zum Inventar des Theaters gehören. Aber die Ansprüche sind hoch, zumal die Ansprüche, die der Chor und jeder einzelne seiner Sänger an sich selbst hat.

>>Hintergrund: Paritätisch verteilt

  • Im Chor sind die Stimmlagen wie im Orchester paritätisch besetzt. Zu den 24 Sängern gehören jeweils sechs Soprane, Alti, Tenöre und Bässe.
  • Wenn es eine Aufführung erfordert, wird der Chor zum Extrachor, d.h. mit Laiensängern vergrößert. Wer Interesse an dieser Tätigkeit hat, kann sich am Theater melden.

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