Traditionsbetrieb

Die Firma in dem großen Turm in Hagen-Kabel: Ernst wird 100

Ein Blick auf das markante Hochregallager der Firma Ernst in Hagen-Kabel.

Ein Blick auf das markante Hochregallager der Firma Ernst in Hagen-Kabel.

Foto: Christian Fürst

Kabel.  100 Jahre alt wird die Firma Ernst in Hagen-Kabel. Sie macht erfolgreich Schalldämpfer, denkt aber auch schon an die Zeit nach den Automobilen.

Wenn jemand fragt, wo der Ortsteil Kabel liegt, dann sagen viele: „Da, wo dieser schwarze Berg liegt.“ Gemeint ist dann die Rohstoffquelle der Container Company, die hier Reststoffe aus den Müllverbrennungsanlagen für den Einsatz im Stahlwerk aufarbeitet. Es gibt aber Leute, die sagen, dass Kabel dort ist, wo dieser „hohe Turm neben dem schwarzen Berg steht“. Damit – und das weiß eigentlich niemand – ist das Hochregallager der Firma Ernst Apparatebau gemeint.

Zum 100-jährigen Bestehen dieses Unternehmens hat die WESTFALENPOST dort hineingeschaut. Ein Stück aus der Kategorie „Ich hätte nicht gedacht, dass das aus Hagen kommt.“

Vom Außendienst-Mitarbeiter zum Chef vor Ort

Den Chef vor Ort hätte man sich anders vorstellen können. Traditioneller, älter, vielleicht – wie das bei manch großer Firma noch ist – noch etwas in einer alten Zeit verhaftet. „Hi“, sagt Marcel Sprengler – und ist das komplette Gegenteil dieser Vorstellung. 36 Jahre jung, hochgearbeitet vom Außendienst-Mitarbeiter zum Chef vor Ort und mit einem sehr gedämpften Auftreten. Er sagt: „Was wir machen, wenn uns unsere Produkte in Zukunft niemand mehr in dieser Menge abnehmen wird? Nun ja, wir sind im Grunde ein metallverarbeitender Betrieb. Niemand zwingt uns, nur Schalldämpfer zu bauen. Wir erarbeiten uns eine Perspektive.“

Bis dahin wird die Arbeit des Unternehmens in Hagen aber noch viele Jahre unverzichtbar bleiben. Man ahnt es von der Schwerter Straße aus betrachtet nicht. Aber hinter dem großen Turm und dem etwas versteckten, aber großen Firmengelände befindet sich eine Produktionsstätte, die von der Entwicklung bis zur Fertigung alle Bereiche an einem Standort bündelt. Die Ergebnisse: Schalldämpfer und Rohre, Katalysatoren oder Dieselpartikelfilter, die für den freien Teile-Markt produziert werden.

Zielgruppe: Mittelalte bis ältere Gebrauchtwagen

Bedeutet: Es geht nicht um die Erstausrüstung, sondern um das, was geschieht, wenn von dieser Erstausrüstung eines Wagens Teile ausgetauscht werden müssen. „Dann kommen wir ins Spiel“, sagt Marcel Sprengler. „Der Golf 5 fährt zum Beispiel langsam bei uns an“, beschreibt der 36-Jährige den Generationsstand an Fahrzeugen, die ein Ersatzteil von Ernst aus Hagen in sich tragen können. Mittelalte bis ältere Gebrauchtwagen. Die Teile werden in einem riesigen und teuren Maschinenpark passgenau für das jeweilige Fahrzeug gefertigt.

Die Bestellungen kommen zumeist aus freien Werkstätten. „Wir bauen im Prinzip Teile nach“, sagt Sprengler. Die Passgenauigkeit und der geringe Schall sind dabei der große Wettbewerbsvorteil der Hagener, die sich auf dem deutschen Markt fünf Konkurrenten gegenüber sehen. Eine weitere Herausforderung: Man weiß an sich nie genau, wie viele Teile man von einem Modell produzieren muss, weil der Markt stetig schwankt und die plötzliche Nachfrage nie voraussehbar ist.

Rund 90 Mitarbeiter – es waren einmal deutlich mehr

Bei Ernst Apparatebau arbeiten rund 90 Mitarbeiter. In der Spitze waren es mal 160. 2013 wurde die Firma nach einer Krise von der Mendener Wilms-Gruppe übernommen. Seither, unter neuer Eigentümerschaft, hat sich die Firma auch unter der Vor-Ort-Führung von Marcel Sprengler und seinem Team neu geordnet und auf seine wesentlichen Stärken zurückbesonnen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die aus der Gründerfamilie stammenden Maria Ernst und Hildemarie Teuber-Ernst die Firma geführt. Gründer Joseph Ernst war schon 1966 verstorben.

1928 hatte jener Joseph ein Patent des Spiralbürsten Schalldämpfers angemeldet. Fortan ging es mit der Firma gut voran. Nach dem Krieg wurde sie 1945 zunächst in Eckesey neu aufgebaut. 1969 zog man erst auf das 34.000 Quadratmeter große Areal an der Wandhofener Straße mit dem bekannten Hochregallager, in dem Tausende Ersatzteile lagern.

In der Wirtschaftswunderzeit war das Unternehmen beispielsweise ein zuverlässlicher Lieferant für Ersatzteile des VW-Käfers. „Damals wurden Ersatzteile ja noch viel schneller benötigt als heute“, erklärt Marcel Sprengler. „Die Erstausrüstung von Fahrzeugen hält ja heute viel, viel länger als damals.“ 1950 hatte sich Ernst aus dem Markt für die Erstausrüstung zurückgezogen.

Mit Standort Hagen sehr zufrieden

„Wir sind hier am Standort in Hagen sehr zufrieden“, sagt Sprengler. Vor allem, dass auf einer solchen Fläche, die Produktion und Entwicklung aus einer Hand möglich ist, sei unschlagbarer Wettbewerbsvorteil. Seit 2008 ist ernst ein Hauptlieferant der Marke Ford. Ansonsten werden alle Marken und Werkstätten bedient, die über Zwischenhändler anfragen. Wohin die Reise gehen wird. „Sicher irgendwann in den Bereich der E-Mobilität“, sagt Sprengler. Bis dahin werden aber noch einige Jahre vergehen, in denen noch viele Auspuffrohre das Werk in Hagen verlassen werden.

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