Politik in Hagen

Dietmar Thieser gilt in Hagen als Schlitzohr mit Erfahrung

Dietmar Thieser (SPD) hat schon sämtliche Rollen in der Kommunalpolitik gespielt.

Dietmar Thieser (SPD) hat schon sämtliche Rollen in der Kommunalpolitik gespielt.

Foto: WP Michael Kleinrensing

Hagen.  Dietmar Thieser sitzt seit 25 Jahren im Hagener Rat. Der Alt-OB überzeugt dort bis heute als versierter Taktiker. Mit seiner Erfahrung gibt er der Politik wichtige Impulse.

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Er gilt als findiges Schlitzohr, mit allen Wassern gewaschen. Seit Jahrzehnten bildet er eine kantige Säule in der Hagener Politik-Szene, an der sich politische Gegner, aber auch Parteifreunde gerne inhaltlich reiben. Der 63-Jährige kann scharfsinnig und scharfzüngig argumentieren, aber ebenso kalkuliert pöbeln. Er schmiedet Allianzen, setzt als Solist seinen Kopf durch, kann bei Bedarf sachorientiert und emotionslos vermitteln, aber Leute auch schon mal kühl ins Leere laufen lassen. Dietmar Thieser beherrscht die Klaviatur des Polit-Profis.

Er weiß auf großer Bühne vor Publikum sich ebenso durchzusetzen wie im Verborgenen der Kulisse. Sensibles Kalkül und geschicktes Strippenziehen sind für den gebürtigen Saarländer genauso wenig Fremdwörter wie der Frontalangriff mit offenem Visier. Seine Erfahrung reicht von den vermeintlichen Niederungen der sublokalen Bezirkspolitik über das Oberbürgermeisteramt bis auf das Parkett des Bundestages. Qualitäten, die ihm Respekt, und Bewunderung, aber auch reichlich Kritik und Anfeindungen einbrachten. Reaktionen, die er bequem aushält. Jahrzehntelange Erfahrung im Haifischbecken der Politik machte den Sozialdemokraten mit ausgeprägtem Machtinstinkt dickfellig – und gelassen. Spaß und Lust an seinem Wirken sind ungebrochen.

Seit 1971 in der SPD

Die Gewerkschaftsarbeit hat den gelernten Dreher, der 1979 den Weg nach Hagen fand und seit vier Jahren als Prokurist der RAG Montan Immobilien GmbH agiert, bereits 1971 in die Reihen der SPD geführt. Seine ersten Gehversuche machte er dabei bei den Jusos im Ortsverein Eppenhausen und stellte sich 1984 in der Bezirksvertretung Mitte seinem ersten Mandat. „Damals war das noch so: Erst mal in die Bezirksvertretung, um zu lernen, wie Kommunalpolitik so läuft.“ Bereits zwei Jahre später rutschte Thieser aufgrund der Erkrankung eines Eilper Genossen über die Nachrückerliste in den Stadtrat.

„Seitdem engagiere ich mich, weil es einfach Spaß macht zu gestalten.“ Vor allem der Vergleich mit seiner Zeit im Bundestag macht ihm das uneingeschränkte Bekenntnis zur Kommunalpolitik leicht: „Jede kommunalpolitische Stunde, die man im Rat verbringt, ist befriedigender als in Bonn oder heute in Berlin“, erinnert er sich ohne Reue an sein damaliges Dasein auf der Oppositionsbank „auf einem unheimlich unbeweglichen Dampfer“ zurück. „Jede Aktion, die man hier macht, die macht man direkt für die Menschen vor Ort“, lautet auch nach mehr als 30-jähriger Erfahrung sein politisches Glaubensbekenntnis. Kürzere Wege in die Verwaltung, kürzere Wege zu den Bürgern, schnellere Effekte – ein Dreiklang, der motiviert, Verantwortung zu tragen.

Wobei Thieser auch die Grenzen kennt: „Das, was in Berlin und im Land an Gesetzen verabschiedet wird, müssen wir vor Ort ausbaden.“ Häufig werde dort idealtypisch entschieden, ohne sich um die konkrete Umsetzung zu kümmern. „Das frustriert mich manchmal ohne Ende.“ Deshalb möchte der Hasper Bezirksbürgermeister in Zukunft auch die Hagener Abgeordneten zu den Bürgerversammlungen in seinem Sprengel einladen, damit diese vor Ort gespiegelt bekommen, was sie mit ihren Entscheidungen bei den Menschen anrichten und an Reaktionen auslösen.

Hagener Oberbürgermeister von 1989 bis 1999 

Als Hagener Oberbürgermeister rückte Thieser von 1989 bis 1999 selbst in die Rolle eines Entscheiders. Ein Traumjob? „Nein, das war auch nie so geplant“, versichert der Hasper in der Rückschau und setzt dabei seinen vertrauenseligsten Blick auf. Als Renate Löchter seinerzeit OB wurde, setzte sich parallel Thieser in einer Kampfabstimmung mit nur einer Stimme gegen Ludwig Heimann im Duell um den Fraktionsvorsitz durch. Ein Job, der eine Episode blieb, denn Löchter trat aufgrund politischer Affären nach nur wenigen Wochen zurück und den Schalke-Fan spülte es nach einem parteiinternen Auswahlverfahren auf den OB-Sessel. Eine Entscheidung, die letztlich tief in der Nacht im Keller von Stadtdirektor Klaus Müller auf Emst getroffen wurde. „Alle, die damals mit dabei waren, können das bezeugen“, versichert Thieser, dass dies damals für ihn keine Frage der Lust, sondern der Pflicht gewesen sei.

Doch die Job-Leidenschaft wuchs mit jedem Tag im Amt. „Die Zusammenarbeit mit Oberstadtdirektor Dietrich Freudenberger und Stadtbaurat Johann Dieckmann, Ordnungsdezernent Werner Püttmann oder auch Kulturdezernent Rüdiger Voßmann war nicht immer einfach, hat aber auch verdammt viel Spaß gemacht“, erinnert sich der Alt-OB an die Städtebauprojekte zwischen Altenhagener Brücke und Elbers-Areal ebenso gerne zurück wie an die Typen, die seinerzeit Verantwortung trugen. „Das waren alles Leute, die unheimlich viele Ideen hatten und Initiative ergriffen. Deshalb hat sich auch was getan.“

Eine Ära, in der es in Hagen noch Geld gab. „Wir hatten 1999 einen ausgeglichenen Haushalt“, erinnert sich Thieser ohne zu verschweigen, dass dies auch der Pfiffigkeit und Bauernschläue der damaligen Kämmerer geschuldet war. Die aktuelle Finanznot als Begründung für einen weitgehenden Entwicklungsstillstand in Hagen lässt er dennoch nicht gelten: „Ich glaube, man könnte auch heute noch einiges machen bei entsprechendem Engagement.“ Ideen wurden seinerzeit im kleinen Kreis geboren, Unterstützer gesucht, Bündnisse geschmiedet und dann mit klarem Kurs umgesetzt.

Politik auch mal beim Bier

Prozesse, die keineswegs bloß im Rathaus kreiert wurden, sondern auch in anderen Zirkeln, nicht zuletzt in der Hagener Gastronomie nach Ausschuss- und Ratssitzungen. Doch Thieser kommt heute keineswegs in die Versuchung, die Vergangenheit zu glorifizieren: „Früher war natürlich nicht alles besser. Natürlich haben sich die Kommunalpolitiker schon damals heftig auseinandergesetzt. Aber wir haben im Anschluss sofort wieder zusammengesessen und ein Bier miteinander getrunken. Die Art und Weise wie man heute miteinander umgeht, ist einfach kälter geworden. Es fehlt da der Zusammenhalt.“

Spanne zwischen Jung und Alt in der Politik ist gewachsen 

Die Spanne zwischen Jung und Alt in der Politik sei viel größer geworden und somit prallten völlig unterschiedliche Lebensarten aufeinander. Aber auch das Verhältnis zwischen Verwaltung und Politik sei nicht mehr dasselbe. Politik verhebe sich zunehmend bei dem Versuch, die Arbeit der Fachverwaltung übernehmen zu wollen anstatt sich auf den inhaltlichen Impuls zu beschränken. Was naturgemäß auch zu Widerständen bei den Rathaus-Experten führe: „Beide müssen versuchen, ihre Rolle neu zu finden“, appelliert der Hasper aus seiner Erfahrung.

„Die beiden großen Parteien müssen sich aber auch die Frage gefallen lassen, ob sie in den letzten zehn Jahren die Interessen der Bevölkerung noch umfassend wahrgenommen haben“, rät Thieser angesichts des zersplitterten Rates den etablierten Parteien zur Nabelschau. Die Aktivitäten der Ortsvereine und Ortsunionen hätten abgenommen, die Menschen würden nicht mehr mitgenommen, dafür hätten die Egoismen zugenommen. Entwicklungen, die die Ratsarbeit keineswegs erleichterten. „Dafür war es früher in den Fraktionen umso schwieriger, weil die unterschiedlichen Gruppen sich in den eigenen Reihen wiederfanden. Heute gibt es nur noch Zufriedene und Unzufriedene.“

Begabter Strippenzieher

Ein ideales Terrain für Strippenzieher, auf dem sich Thieser durchaus begabt zu bewegen vermag: „Das mache ich gerne, wenn ich die Zeit dazu habe.“ Der Job bei der RAG lässt dafür zu selten den Spielraum, um dranzubleiben. „Aber Strippenziehen gehört zum politischen Geschäft, um Mehrheiten zu suchen. Und die findet man nicht per E-Mail, sondern nur im direkten Gespräch.“ Keineswegs eine Tugend aus der Vergangenheit: „Das können die jungen Leute heute durchaus auch.“ Für Thieser gibt es jedoch eine Bedingung: „Zu 70 bis 80 Prozent muss es um die Sache und Inhalte gehen und erst nachrangig um Personen.“

Solange dies gilt, wird er die Leidenschaft für die Politik auch nicht verlieren. Falls die Gesundheit stimme und es Spaß mache, könne er sich auch vorstellen, nach der Kommunalwahl 2020 noch weiterzumachen. Die konkrete, direkte Nähe zu den 30 000 Bürgern in Haspe betrachtet Thieser durchaus als erfüllende Herausforderung. Wobei er bei aller Stadtteilpolitik auch den Appell formuliert, Politik viel häufiger regional zu denken.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass Kommunalpolitik allein in den Grenzen einer Stadt keine Zukunft hat. Diskussionen über Schulen, Bäder oder auch Wirtschaftsförderung an Stadtgrenzen zu beenden, passt einfach nicht mehr zur Finanzsituation.“ Eine Interessante Erkenntnis aus dem Mund eines Mannes, dem Kritiker während seiner OB-Ära eine ausgeprägte, zentralistische Sonnenkönig-Attitüde nachsagten. Aber der Zugewinn an Weisheit ist eben ein besonderes Privileg alter Hasen.

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