Millionen vom Platz der Impulse

Hagener Kämmerer setzt wieder auf Enervie-Dividende

Aus der Enervie-Zentrale am Platz der Impulse sollen wieder Millionen in die Hagener Stadtkasse fließen. Foto/Archiv:Hans Blossey

Aus der Enervie-Zentrale am Platz der Impulse sollen wieder Millionen in die Hagener Stadtkasse fließen. Foto/Archiv:Hans Blossey

Hagen.   Vor vier Jahren agierte Enervie am wirtschaftlichen Abgrund. Im Jahr 2018 soll das Unternehmen wieder eine Millionen-Dividende ausschütten.

Der selbst noch in einem tiefgreifenden Sanierungs- und Restrukturierungsprozess steckende, kommunal getragene Energieversorger Enervie AG soll bereits vier Jahre nach dem existenzbedrohende Wirtschaftsjahr 2014 wieder die ökonomische Kraft entwickelt haben, durch regelmäßige Dividende-Ausschüttungen den eng gestrickten Hagener Doppelhaushalt 2018/19 im Lot zu halten.

Kämmerer Christoph Gerbersmann plant für das Haushaltsjahr 2018 erstmals wieder mit einer Ausschüttung von vier Millionen Euro vom Platz der Impulse, um seinen Etat mit einem Gesamtvolumen von 725 Millionen Euro bei sinkenden Stärkungspakt-Zuschüssen des Landes (2016: 36 Mio., 2017: 28 Mio., 2018: 20,5 Mio., 2019: 13 Mio.) weiterhin ausgeglichen gestalten zu können. Die notwendigen Entscheidungen in den Gremien der Enervie sind allerdings bis heute noch nicht gefallen.

Ersatz für Sparkassen-Dividende

Die Enervie-Millionen sollen in diesem Jahr vor allem den Ausfall der jährlichen Sparkassen-Dividendeausschüttung in Höhe von sechs Millionen Euro (nach Steuern fünf Millionen in der Kasse der Stadt) kompensieren, die in diesem Jahr in Abstimmung mit dem Verwaltungsvorstand der Stadt Hagen angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase nicht an den Kämmerer fließt.

Frank Walter, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hagen/Herdecke, betont ausdrücklich, dass sein Haus zwar keineswegs ein Nullergebnis erwirtschafte. Die Sparkasse wolle die Atempause jedoch nutzen, um sich auf die veränderten Rahmenbedingungen des Bankenmarktes einzustellen. „In den Folgejahren werden wir sicherlich wieder ausschütten – dann jedoch in reduzierter Form.“ Eine verlässliche Größenordnung für die nächsten Jahre will Walter aktuell nicht benennen.

Bis 2013 schüttete Enervie regelmäßig eine Dividende an die Stadt Hagen bzw. deren Tochter HVG (Hagener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft) in Höhe von 7,25 Millionen Euro aus. Geld, mit dem das chronisch defizitär arbeitende Unternehmen regelmäßig seine Verluste im Bus- und Bäderbereich minimieren konnte, die ansonsten der Kämmerer hätte komplett ausgleichen müssen. Doch mit der Krise der Enervie versiegte diese so wichtige Querfinanzierung in den vergangenen vier Jahren. Stattdessen musste die HVG zunächst aus Rücklagen, später mit Kämmerer-Hilfe diese klaffende Lücke decken.

4,22 Prozent Darlehnszinsen

Denn das städtische Tochterunternehmen wurde parallel dazu im Jahr 2015 auch noch vom Rat dazu verdonnert, für die Enervie-Darlehensverpflichtung der Kommune (siehe Hintergrund) in Höhe von knapp 30 Millionen Euro einzuspringen. Ein schmerzlicher Griff in das HVG-Fondsvermögen, der sich seitdem immerhin mit 4,22 Prozent für den Darlehnsvertrag verzinst. Dennoch bleibt der Substanzverzehr für die HVG erheblich: Das Vermögen, das 2001 noch bei 181 Millionen Euro lag, reduzierte sich mit dem Gesellschafterdarlehen an die Enervie auf nunmehr 49 Millionen Euro.

Zudem muss die HVG künftig mit einem um eine Million Euro reduzierten Zuschuss aus der Stadtkasse auskommen. Damit reagiert die Kämmerei auf die positiven Betriebsergebnisse der vergangenen Jahre, die ein durchschnittliches Plus von drei Millionen Euro gegenüber der ursprünglichen Planung ausweisen. Daher forderte Oberbürgermeister Erik O. Schulz im Herbst des vergangenen Jahres im Rahmen der solidarischen Gesamtverantwortung im Konzern Stadt einen Million-Beitrag für den städtischen Haushalt ein, solange die HVG dies wirtschaftlich stemmen könne.

Dabei hatte der HVG-Wirtschaftsprüfer im Risiko- und Chancenbericht des Jahresabschlusses 2016 bereits davor gewarnt, dass eine Reduzierung der städtischen Zahlungen zu Liquiditätsengpässen führen und der Fortbestand der HVG gefährdet werden könne. Dennoch verständigte sich die Stadtspitze mit HVG-Geschäftsführer Christoph Köther einvernehmlich auf die Kürzung des städtischen Zuschusses.

Noch kein Votum des Aufsichtsrates

Keineswegs abschließend gesichert ist bislang allerdings die eingeplante Millionen-Dividende der Enervie. Im Finanzausschuss des Aufsichtsrates fanden die Remondis-Vertreter zuletzt deutliche Worte, dass für diesen Deal zunächst die Anteilseigner ihre Zustimmung geben müssten.

Nach WP-Informationen würde die Stadt Hagen als größter Anteilseigner es wohl gerne sehen, dass die Haßleyer nach vierjähriger Pause ab sofort wieder regelmäßig Millionen-Beträge ausschütten, dafür aber das gewährte Darlehen in Höhe von 60 Millionen Euro nicht bis zum Jahr 2020 komplett tilgen müssen, sondern stattdessen in drei zeitlich gestreckten 20-Millionen-Tranchen zurückzahlen.

Ob dieses Wunschszenario, das Gerbersmann bereits in seine Doppelhaushalt-Gestaltung eingepreist hat, auch tatsächlich von den Anteilseignern mitgetragen wird, müssen zunächst noch die Aufsichtsgremien der Enervie mittragen und im Anschluss das Tilgungsvertragswerk zu dem Aktionärsdarlehen anpassen.

Bislang liegt dem Aufsichtsrat lediglich ein grob skizziertes Alternativszenario zum Ausschüttungspotenzial vor. Demnach könnte Enervie ab 2018 wieder zehn Millionen Euro an sämtliche Anteilseigner (ca. 4 Mio. an Hagen) ausschütten. Im Gegenzug würde die Darlehnsrückzahlung auf drei 20-Millionen-Euro-Tranchen in den Jahren 2020, 2022 und 2014 gestreckt.

>>HINTERGRUND: MEHR EIGENKAPITAL

  • Im Rahmen eines Restrukturierungs-Rahmenvertrages sicherte sich die als Folge der Energiewende in Schieflage geratene Enervie AG Ende 2015 eine Finanzierungszusage der beteiligten Gläubigerbanken bis Ende des Jahres 2019.
  • Wesentliche Voraussetzung für das Stillhalten der Banken war die Zusage für ein Gesellschafterdarlehen der drei größten Anteilseigner – die Städte Hagen (42,7 % = 29,8 Mio.) und Lüdenscheid (24,1 % = 16,9 Mio.) sowie der Lünener Recycling-Riese Remondis (19,1 % = 13,3 Mio.) – in Höhe von 60 Millionen Euro. Damit sollte die Liquidität verbessert werden.
  • Ziel des Restrukturierungsprozesses ist neben einem steigenden Wirtschaftsergebnis vor allem eine Stärkung der Eigenkapitalquote sowie der Abbau der Verschuldung.
  • Dass dies Einzelmaßnahmen greifen, belegte die jüngste Enervie-Bilanz aus dem Frühjahr 2017. Bei einem Umsatzerlös von 809 Millionen Euro erzielte Enervie im Bilanzjahr 2016 ein Vorsteuerergebnis von 30,2 Millionen Euro und erreichte damit fast das Vorkrisenniveau. Im Katastrophenjahr 2014 lag das Minus noch bei 165,4 Millionen Euro.
  • Die Eigenkapitalquote, die 2014 auf besorgniserregende 10,6 Prozent abgesackt war, konnte zuletzt wieder auf 21,3 Prozent gesteigert werden und liegt somit knapp vor der 25-Prozent-Zielmarke.
  • Die Bankverbindlichkeiten wurden um 100 Millionen Euro zurückgefahren. Die Verschuldung lag Ende 2016 bei 190 Millionen Euro.
  • Die größten Effekte wurden durch den fortschreitenden Abbau von etwa 440 Stellen auf 820 Arbeitsplätze erzielt, was eine strukturelle Ersparnis von etwa 36 Millionen Euro bringt.

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