Liebeserklärung

Extrabreit-Roadie filmt Liebeserklärung an Wehringhausen

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Nick Placzek und Josh Huff produzieren den Film "Loner - vom Leben und Sterben in Hagen" über die Musikszene in Wehringhausen. Das Foto zeigt: Nick Plczek von der Band Rocco Konserve

Nick Placzek und Josh Huff produzieren den Film "Loner - vom Leben und Sterben in Hagen" über die Musikszene in Wehringhausen. Das Foto zeigt: Nick Plczek von der Band Rocco Konserve

Foto: privat

Wehringhausen.   In einem Filmprojekt zeigen Musiker aus Hagen eine einzigartige Seite. Sie gestehen sich Dinge ein, die sie sonst nicht vor der Kamera zugeben.

Vielleicht fassen es diese Worte zusammen. Den Film, der so wenig von einer strahlenden Imagekampagne hat, mit dem eine Stadt für sich auf einer Messe werben würde. Die Perspektive des Scheiterns, des Wiederaufstehens, die darin immer wieder eine Rolle spielt. Aber auch die Sehnsüchte und die Träume, die die Menschen in diesem Quartier haben. „Ich versuche, von der Musik zu leben“, sagt Josh Huff und lächelt, „aber es ist wohl eine Art von Musik, auf die die Welt nicht unbedingt gewartet hat. Für mich steht es trotzdem nicht zur Debatte, die Flinte ins Korn zu werfen.“

Josh, Roadie bei Extrabreit, Bedienung an der Theke in der Pelmke, Musiker – und jetzt auch noch Filmemacher. Sein Song „Loner“ gibt dem musikalischen Heimatstreifen, einer Liebeserklärung an Wehringhausen, den Namen. „Loner – ein Film über das Leben und Sterben in Hagen“ feiert am Freitag, 13. April, im Kulturzentrum Pelmke Premiere. Produziert und gedreht hat ihn Josh Huff gemeinsam mit Nick Placzek (Rocco Konserve & Band), Musiker und Mitarbeiter beim Westdeutschen Rundfunk. „Eigentlich sollte es ein Film über Hagen werden“, sagt Placzek, „aber dann haben wir den Fokus auf Wehringhausen gelegt – das ist unser Quartier. Wir leben ja beide selber hier.“

Die Szene ist auch nach Jahrzehnten noch lebendig

Hagen, in den 80er-Jahren die deutsche Antwort auf Liverpool, Keimzelle der neuen deutschen Welle – fast 40 Jahre später: „Ich glaube, dass wir hier immer noch eine sehr lebendige Szene haben. Es gibt Musiker in Hülle und Fülle“, sagt Nick Placzek, der in einer Altbauwohnung nur einen Steinwurf entfernt von der Lange Straße wohnt. „Mit denjenigen, die in ,Loner’ zu Wort kommen, haben wir schnell eine gemeinsam Basis gefunden. Die Leute erzählen anders, als sie das in einem klassischen WDR-Interview tun würden. Irgendwann spielt es keine Rolle mehr, dass eine Kamera mitläuft. Die Offenheit war etwas Besonderes. Viele haben eingestanden, dass sie nicht so erfolgreich sind, wie sie es sich wünschen.“

14 Stunden Interview-Material sind auf diese Art zusammengekommen. Nur ein Bruchteil der Aussagen landet – unterlegt immer wieder mit Musik und Bildern aus dem Stadtteil – im Film. „Ein spannendes Projekt, bei dem wir vieles im Vorfeld gar nicht planen konnten, eine Art Blindflug“, sagt Nick Placzek, „der dramaturgische Aufbau war schon eine Herausforderung. Es war ein erlösender Moment, als wir gemerkt haben: Es funktioniert.“

Handgemachte Live-Musik tritt in den Hintergrund

„Loner“, der Film, ist ein Plädoyer für handgemachte Live-Musik. Eine Art von Musik, die im Zeitalter, in dem große Hits in wenigen Minuten an Computern entstehen können, zu kurz kommt. „Man setzt sich hin, schreibt einen Song, spielt ihn“, sagt Josh Huff, „aber immer wieder geht es um die Frage: Warum und für wen mache ich das eigentlich? Und warum machen die Leute Musik und bleiben dabei, auch ohne dass sie großen Erfolg haben.“

Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Erfolg, auch kommerziell. Wobei genau da in einem offenen, einem politischen Stadtteil mit seinem Kulturzentrum die Probleme liegen. „Natürlich ist es auch erstrebenswert, mit Musik Geld zu verdienen“, sagt Josh Huff, „aber machen wir uns doch nichts vor: Wenn du hier, wo Punk und Subkultur eine Rolle spielen, das erste Mal um die Ecke kommst, sagst, dass du mit deiner Band ein Konzert geben willst und dann beginnst, Tickets zu verkaufen und Geld dafür zu nehmen, dann wirst du erst mal schief angeguckt.“

Vom Erfolg und Erwartungen

Kai Hawaii und Stefan Kleinkrieg zählen zu jenen aus dem Stadtteil, die schon lange Geld für ihre Konzert nehmen. Gutes Geld, von dem sie in Hochzeiten ihrer Formation Extrabreit gut leben konnten. Auch sie kommen zu Wort. Erzählen über den Aufstieg, über den Erfolg und davon, wie die Erwartungen, die die Fans, die die Menschen plötzlich hatten, sie eingeengt haben. „Für den Film haben sie eigens einen neuen Track aufgenommen“, sagt Josh Huff.

Kleinkrieg und Hawaii mögen zu den erfolgreichen Musikern zählen. Aber es gibt auch die Kehrseite. Diejenigen, die den großen Durchbruch wollen, aber immer vergeblich darauf hoffen. „Erfolglose Musiker gibt es in vielen Städten“, sagt Nick Placzek, „wir sind bei weitem auch nicht die einzige Stadt, in der es eine solche Musikszene gibt. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der das alles hier passiert, ist etwas Besonderes. Hinzu kommt die Kompaktheit im Stadtteil. Die Musiker leben hier Tür an Tür.“

Plattform für Wehringhausen

Auch deshalb soll „Loner“ mehr als eine musikalische Liebeserklärung sein. „Der Film kann zum Startschuss für etwas Gemeinsamen werden“, sagt Josh Huff, „er ist eine gute Gelegenheit, weithin sichtbar zu machen, was sich hier in Wehringhausen tut. Und er ist ein Statement dafür, dass Veranstalter, wenn sie ein bisschen Geld aufbringen können, auch mal heimische Bands buchen, die ihre eigene Musik spielen und nicht andere covern.“

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