Fußball-WM

Fast alle WM-Teilnehmer-Nationen sind in Hagen vertreten

Waas faziniert fans an Fußball? Ein Wissenschaftler aus Hagen hat es ergründet.

Foto: Felix Heyder

Waas faziniert fans an Fußball? Ein Wissenschaftler aus Hagen hat es ergründet. Foto: Felix Heyder

Hagen.   Insbesondere Polen und Portugal dürfen bei Fußball-WM auf Unterstützung aus Hagen hoffen. Fernuni-Wissenschaftler erklärt Faszination bei Fans.

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Die Teams aus Panama, Costa Rica, Island und Saudi-Arabien dürfen bei der Fußball-Weltmeisterschaft nicht mit großer Unterstützung aus Hagen rechnen. Jedenfalls wohnt nach der amtlichen Statistik kein Staatsangehöriger aus diesen Länder in der Volmestadt. Ansonsten bildet die Multi-Kulti-Stadt Hagen das vierwöchige Fußball-Großereignis in ihrer Bevölkerung ab, wenn auch bei einigen Staaten nicht in Mannschaftsstärke.

Insbesondere Polen und Portugal haben starke Gemeinschaften hier in Hagen. Doch das gilt auch für die Marrokaner, die Kroaten und Serben. Aber auch die Gastgeber-Nation Russland ist mit 333 Staatsangehörigen in Hagen vertreten.

Fußball ist Ausgleich zum rationalen Alltag

Doch wie tickt er eigentlich, der Fußball-Fan? Warum ist die 90-minütige Torjagd für viele so faszinierende. Der Hagener Wissenschaftler Dr. Jasper Böing, Soziologe an der Fernuniversität, hat darüber geforscht. Und er deutet den Sport als Ventil: „Wir leben in einer modernen, ökonomisierten Gesellschaft. Der Alltag wird zunehmend rationalisiert. In der hochemotional aufgeladenen Arena oder beim Fußballschauen auf dem Sofa kriegt man dazu einen Ausgleich.“

Ein weiterer Grund ist seiner Ansicht nach das positive Wir-Gefühl im Kontext von Sportveranstaltungen. „Man hat ein Gemeinschaftserlebnis, das an relativ wenige Voraussetzungen gebunden ist“, erklärt der Sozialwissenschaftler. „Um dabei zu sein, muss man nicht reich oder besonderes gebildet sein.“

An der Fernuni begleitet der Postdoc-Stipendiat unter anderem ein Forschungsprojekt zum Thema „Ökonomisierung“. Ein potenzielles Untersuchungsfeld ist dabei auch der Sport. Millionenschwere Übertragungsrechte, gewichtige Werbedeals und FIFA-Skandale machen den starken Einfluss von ökonomischen Interessen auch bei der Weltmeisterschaft in Russland spürbar. Böing hat sich mit der Kommerzialisierung im Fußball auseinandergesetzt.

Aus seiner Sicht ist die Rationalisierung ein wichtiger Aspekt: „Das ganze Fußball-Erlebnis wird immer mehr ‚durchgestylt‘“. Was in der Arena passiere, solle möglichst gut planbar sein, organisiert und kalkulierbar ablaufen. Fraglich ist aus Sicht des Soziologen, wie weit diese Praxis gehen kann, ohne die Atmosphäre im Stadion zu gefährden. „Um das Produkt ‚Fußball‘ aus ökonomischer Sicht bestmöglich zu vermarkten, braucht es emotionalisierte Fans, die aber gleichzeitig unter Kontrolle gehalten werden müssen“, erklärt Böing die Gratwanderung zwischen wirtschaftlich zuträglicher und schädlicher Restriktion.

Fan nicht nur als Ware sehen

Problematisch wird es dann, wenn sich Fußballfans nur noch als „Ware“ verstanden wissen. Denn viele von ihnen identifizieren sich auf einer sehr persönlichen Ebene mit ihrem Nationalteam oder Club. „Es ist einfach verletzend, von der Interaktionspartnerin oder dem Interaktionspartner gespiegelt zu bekommen, dass man nur eine ‚Nummer‘ ist.“ Der Frust über mangelnde Wertschätzung durch Vereine und Verbände kann sich auf verschiedene Weise bahnbrechen – schlimmstenfalls in Form gewaltsamer Ausschreitungen während Fußballevents.

Parallel zur Ökonomisierung des Sportevents wird das eigentliche Spielgeschehen zusehends professionalisiert. Ein Novum bei der diesjährigen Weltmeisterschaft ist zum Beispiel der sogenannte „Videobeweis“ zur nachträglichen Prüfung von Torschüssen.

Böing erkennt in dem Verfahren Vor- und Nachteile: „Am Fußball ist das eigentlich Spannende, dass man vorher nicht weiß, wie es ausgeht. Auch Schwächere können gewinnen. Dieses ‚Unerwartete‘ wird durch den Videobeweis – zumindest in der Theorie – ein Stück weit zurückgeschraubt. Abgesehen von technischen Unzulänglichkeiten macht er das Spiel aber gerechter.“

Emotionen gehören dazu

Von einem persönlichen Standpunkt aus beargwöhnt der Soziologe den psychischen Druck und die Zwänge, unter denen die Teams stehen. Oftmals wird natürliches menschliches Verhalten sanktioniert.

Zum Beispiel dürfen sich Trainer im Überschwang ihrer Gefühle nicht frei am Spielfeldrand bewegen, sondern müssen in den streng bemessenen „Coaching-Zones“ verharren. „Diese ‚Verregelung‘ ist eigentlich eine Zumutung“, findet Böing. „Gewisse Emotionen gehören nun einmal zum Fußballspiel dazu.“

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