Dorfleben

Fernuni Hagen entwickelt App für Senioren auf dem Land

Apps sind nicht nur was für junge Leute: Die Fernuni Hagen entwickelt gemeinsam mit der Evangelischen Kirche und mit der Initiative 55 plus-minus  im Rhein-Lahn-Kreis eine Senioren-App.

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Apps sind nicht nur was für junge Leute: Die Fernuni Hagen entwickelt gemeinsam mit der Evangelischen Kirche und mit der Initiative 55 plus-minus im Rhein-Lahn-Kreis eine Senioren-App. Foto: iStock

Hagen.   Dank Handy-App auch im Alter länger auf dem Land wohnen? Daran arbeiten Mitarbeiter der Fernuni Hagen mit dem Projekt "Mein Dorf 55 plus".

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Wie können Senioren länger auf dem Dorf wohnen bleiben - auch wenn Mobilität und Versorgung schlechter werden? Diese Frage stellt sich in vielen ländlichen Gebieten. Die Fernuni Hagen will jetzt mit Hilfe einer App die soziale Vernetzung und die gegenseitige Fürsorge verbessern. Unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und in Kooperation mit der Initiative 55 plus-minus ist jetzt im Rhein-Lahn-Kreis in Rheinland-Pfalz, unweit der Loreley, das Pilotprojekt „Mein Dorf 55 plus - trotz Alter bleibe ich“ gestartet. Für die Fernuni ist Dr. Till Schümmer vom Lehrgebiet Kooperative Systeme verantwortlich.

Senioren und Apps - passt das zusammen?

Till Schümmer: Ja, wobei die Benutzungsfreundlichkeit hier sehr wichtig ist. Wir müssen eine App schaffen, die auf das Wesentliche fokussiert damit auch Menschen mit geringer Medien-Erfahrung damit intuitiv umgehen können.

Und alle haben Smartphones?

Schümmer: Die App ist in erster Linie für Tablets gedacht, da die größere Anzeige eine klarere Informationsdarstellung erlaubt. Einige Tablets sind bei den Senioren schon vorhanden. Im Projekt haben wir die Mittel für 40 weitere, womit wir zwei kleine Dörfer ausstatten können. Insgesamt haben wir 60 Gemeinden mit etwa 54.000 Menschen im Blick.

Was ist denn neu an Ihrem Ansatz?

Schümmer: Die Frage kommt immer wieder: Worin besteht denn die Forschung? Vernetzung in Communities gibt es ja schon lange. Unser Ansatz geht darüber hinaus, indem wir Bedürfnisse so sichtbar machen werden, dass passende helfende Community-Mitglieder sie wahrnehmen. Dazu müssen die Bedürfnisse nicht einmal direkt geäußert werden. Das System soll das aus der Interaktion der Community selbst erkennen.

Ist das nicht Überwachung?

Schümmer: Anders als in bekannten sozialen Netzwerken, die möglichst viele Infos öffentlich machen, soll bei uns möglichst viel privat bleiben. Denn viele Senioren haben Bedenken vor Missbrauch und Täuschung. Deshalb lernen die Menschen sich in unserem Projekt persönlich kennen, bevor sie sich vernetzen, ganz im Geist des Projektes, bei dem es um die Motivation zu direkten Aktivitäten vor Ort im Real Life geht. Zugleich wollen wir das Nutzungsverhalten analysieren, um gezielte Veranstaltungsangebote zu machen.

Widerspricht das nicht dem Datenschutz?

Schümmer: Wir setzen hier auf Transparenz und informationelle Selbstbestimmung. Die Seniorinnen und Senioren behalten die volle Kontrolle darüber, was mit ihren Daten passiert und wo immer es möglich ist, werden die Daten pseudonymisiert oder anonymisiert. Wenn aus der Kommunikation zwischen Senioren zum Beispiel deutlich wird, dass sie Interesse an einer gemeinsamen Fahrt ins Theater haben, kann dieser Wunsch ohne Bezug auf die konkreten Personen an mögliche Veranstalter solcher Fahrten weitergegeben werden. Die erstellen dann ein Angebot an die ganze Community und es steht allen Mitgliedern frei, daran teilzunehmen oder nicht. Privatsphäre bleibt in diesem Fall komplett gewährt.

Wie wollen sie die Menschen motivieren, am Projekt mitzuwirken?

Schümmer: Das kann nur funktionieren, weil es vor Ort schon seit zehn Jahren eine Initiative gibt, die Veranstaltungen organisiert. Von dort kam der Impuls: Wir möchten mehr Bindung herstellen. Die Kulturveranstaltungen sind der Anreiz, ins System zu kommen. Die können vor- und nachbereitet werden, man kann Mitfahren organisieren, Fotos austauschen, in Kontakt bleiben mit Menschen, die man dort kennengelernt hat. Dann soll sich nach und nach mehr entwickeln.

Und zwar was?

Schümmer: Wir möchten enge Kreise der Fürsorge schaffen. Dort geht es um die gegenseitige Wahrnehmung und die Übernahme von Verantwortung.

Also Hilfe in Notsituationen?

Schümmer: Nicht nur. Es um Menschen, die auf sich Acht geben. Und es geht um einfache nachbarschaftliche Hilfe, zum Beispiel beim Einkauf. Wenn ein niederschwelliges Miteinander organisiert wird, hält das Netzwerk auch dann, wenn Hilfe gebraucht wird.

Gibt es nicht noch vielfach ein funktionierendes Dorfleben?

Schümmer: Doch. Aber gemeinsame Unternehmungen können nicht mehr so leicht koordiniert werden, wenn viele Menschen als Pendler ihren Lebensmittelpunkt am Arbeitsplatz haben. Im Ruhestand ändert sich für diese Menschen alles und sie stehen vor der Alternative, im Dorf ein neues Miteinander aufzubauen oder in die Stadt zu ziehen. Wir wollen, dass die Menschen bleiben.

Und da machen alle mit?

Schümmer: Das werden wir sehen. Wir starten im Sommer.

Ist das Konzept aufs Sauerland übertragbar?

Schümmer: Prinzipiell natürlich. Für den Erfolg ist es wichtig, dass ein Kreis an Ehrenamtlichen den Kern der Community bildet. Dorf-Kümmerer zu finden, die Menschen zu Hause besuchen und zum Mitwirken motivieren, ist das Schwierigste.

Gibt es eigentlich Vorbilder?

Schümmer: Es gibt Ansätze im städtischen Bereich, etwa in großen Wohnblocks in Wien. Allerdings hat eine Stadt eben doch eine andere Infrastruktur.

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