Geschichte

Forscher reisen an der Blätterhöhle Hagen in die Eiszeit

Archäologiestudenten der Ruhruniversität Bochum unterstützen die Wissenschaftler bei ihren Grabungen an der Blätterhöhle.

Foto: Fabian Strauch

Archäologiestudenten der Ruhruniversität Bochum unterstützen die Wissenschaftler bei ihren Grabungen an der Blätterhöhle. Foto: Fabian Strauch

Holthausen.   Archäologen graben an der Blätterhöhle in Hagen. Diesmal geht die Zeitreise mehr als 12000 Jahre zurück – bis in die Eiszeit hinein.

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Wie weit kann sie gehen, so eine Zeitreise? Vermutlich hat sie theoretisch keine Grenzen. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Doch während die Menschen immer wieder davon träumen, in die Zukunft zu reisen, befinden sich Archäologen um Dr. Jörg Orschiedt und Wolfgang Heuschen an der Blätterhöhle in Holthausen auf einem Trip in die entgegengesetzte Richtung.

Mehrere Meter tief sind sie und ihre wechselnden Teams aus Studenten und Mitarbeitern des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) bereits vorgedrungen. Und jeder Meter bedeutet tausende von Jahren. Wir befinden uns im Jahr 10 500 vor Christus. Ungefähr. Denn bei diesen Dimensionen scheint es auf ein paar Jahre mehr oder weniger nicht anzukommen. Es ist die Grenze zur Eiszeit. Und das macht die aktuelle Grabungskampagne, die zehnte in den letzten elf Jahren, für die Wissenschaftler so spannend.

Holzkohle ermöglicht genauere Datierung

„In dieser Zeit stieg die Temperatur innerhalb einer Generation um acht bis neun Grad“, sagt Wolfgang Heuschen, Außenstelle Olpe des LWL. „Das war ein natürlicher Klimawandel, der den von Menschenhand verursachten noch um einiges überstiegen hat. Die Pflanzenwelt, die Tierwelt – nichts war mehr so, wie es die Menschen damals kannten.“

Eine Geschossspitze aus der letzten Kampagne vor einem Jahr hatte die Neugierde der Archäologen geweckt. „Das Ziel dieser Kampagne ist es, über diese Zeit weitere Erkenntnisse zu erlangen“, sagt Heuschen. „Wie haben die Menschen zu dieser Zeit gelebt, was hatten sie für Werkzeuge?“

Steinzeitmenschen stellen Geschosspitzer vor Ort her

Holzkohlefunde aus der Eiszeit sollen eine genauere Datierung ermöglichen. Hinzu kommen Menschenknochen und drei sogenannte Rückenspitzen, die vorne auf einem Geschoss saßen. „Der Name lehnt sich daran an, dass der Rücken dieser Steine bearbeitet worden ist“, erklärt Heuschen, „wir wissen mittlerweile, dass sie vor Ort hergestellt wurden.“ Gefundene Bohrer und Kratzer geben Hinweise darauf.

Ausgrabungen in der Blätterhöhle

An und in der Blätterhöhle in Hagen gehen die Grabungen weiter. Die Archäologen haben dabei den Übergang zur letzten Eiszeit vor 11600 Jahren im Fokus.
Ausgrabungen in der Blätterhöhle

Dabei war der Vorplatz der Blätterhöhle, der einst durch ein Felsdach geschützt war, eine Art historischer Rastplatz. „Die Menschen haben sich hier nicht länger aufgehalten“, sagt Heuschen, „eher punktuell. Und dann war der Platz vielleicht über viele Jahre dazwischen ungenutzt.“

Herabgestürztes Felsdach schützt Fundstelle

Dass das Felsdach vor tausenden Jahren heruntergefallen ist und die Schichten und somit tausende von Jahren unter sich begraben hat, ist für die Forscher ein Glücksfall. „Die Schichten, die wir heute abtragen, waren über lange Zeit geschützt“, sagt Professor Michael Baales, Leiter des Außenstelle Olpe, „was wir hier über Jahre betreiben ist Grundlagenforschung an einer Fundstelle, wie es zumindest in Nordwest-Europa keine zweite gibt. In den letzten acht Wochen sind wir rund 1000 Jahre vorangekommen.“

Wie genau es an der Blätterhöhle weitergeht, steht noch nicht fest. Dass es zumindest in den kommenden zwei bis drei Jahren noch Kampagnen gibt, sehr wohl. „Wir werden wohl zunächst in die Breite gehen und weiter in dieser Zeit bleiben“, sagt Baales, „punktuell werden wir versuchen, in tiefere Schichten vorzudringen.“

Auch in der Blätterhöhle, die 1983 entdeckt und in der seit 2006 wissenschaftlich gearbeitet wird, sind die Grabungen in den letzten Wochen fortgesetzt worden. „Wir wollen weitere Klarheit über den Schichtenaufbau bekommen“, sagt Jörg Orschiedt, der mittlerweile für das Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim arbeitet. „Wir wissen, dass wir noch mindestens zwei bis drei Meter Sediment unter uns haben.“

>>HINTERGRUND: IN HÖHLE GEHT ES WEITER

  • Und auch in der Höhle haben die Forscher die Grenze zur Eiszeit erreicht. „Rissbildungen in den unteren Sedimentschichten lassen darauf schließen, dass diese Schicht durchgefroren war“, so Dr. Jörg Orschiedt. „Das heißt, auch hier in der Höhle befinden wir uns mittlerweile im eiszeitlichen Bereich. Wir wollen wissen, welche Funde und Zeiten noch darunter verborgen liegen.“
  • Für die Archäologen ist das Arbeiten in der Höhle, die nur über einen Kriechtunnel zu erreichen ist, immer noch etwas ganz Besonderes. „Wir sind hier in einer beengten Situation. Es ist wesentlich anstrengender hier unten. Dazu kommt der Aufwand, um das Sediment nach oben zu bringen.“
  • Auch die Schichtensituation ist nicht so eindeutig wie auf dem Vorplatz. Was ganz natürliche Gründe hat. „Tiere haben im Laufe von tausenden Jahren immer wieder Gänge und Höhlen gegraben, durch die das Erdreich nachgerutscht ist, das hier eigentlich gar nicht hingehört.“
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