Frau Luna

Frau Luna trifft am Theater Hagen auf Darth Vader

Ganz schön abgespaced: Rainer Zaun und  Marilyn Bennett in der Hagener „Frau Luna“

Ganz schön abgespaced: Rainer Zaun und Marilyn Bennett in der Hagener „Frau Luna“

Hagen.   Das Theater Hagen zeigt Paul Linkes Operette „Frau Luna“ als abgedrehtes Weltraummärchen. Warum kommt die Berliner Luft aus der Cannabis-Tüte?

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Unendliche Weiten. Und dann landet man doch bloß hinterm Mond. Dort hängen die Helden der Science Fiction von Darth Vader bis Captain Picard auf einem von der Bauaufsicht nicht freigegebenen intergalaktischen Weltraumflughafen ab. Sie brauchen dringend ein bisschen Berliner Luft. Das Theater Hagen zeigt Paul Linckes Operette „Frau Luna“ als schräges Weltraummärchen, ein Ausstattungsfest für alle Trekkies.

Der Beifall des Publikums nach der Premiere ist herzlich, aber nicht überwältigend, denn die Charaktere aus dem Sammelalbum von „Raumschiff Enterprise“, „Star Wars“ und „Das fünfte Element“ sind für eine Operetten-Zielgruppe schwer identifizierbar. Dafür dürften die Maske und die Kostümschneiderei des Theaters so viel Spaß wie lange nicht mehr gehabt haben, um die phantastischen Figuren zu erschaffen.

Regisseur Holger Potocki und Bühnenbildnerin Lena Brexendorff übersetzen das Berliner Kiezkolorit Paul Linckes in die Welt der Hipster von morgen. Sie siedeln die Handlung im Jahr 2023 an. Der Berliner Flughafen wird endgültig aufgegeben und für einen symbolischen Euro versteigert. Fritz Steppke haust in einem Wohnklo, dessen Miete er nicht bezahlen kann, und pflegt hochfliegende Träume.

Mondfieber

Die bis heute beliebte Operette „Frau Luna“ ist 1899 in einer Zeit entstanden, als nach Jules Vernes Roman „Von der Erde zum Mond“ in den Theatern ein regelrechtes Mondfieber ausbrach. Der Exotismus, von dem Revue und Operette leben, wird nun ins Universum projiziert. Seit der Mondlandung 1969 ist das Weltall im Hollywoodfilm dann zum Gegenstand der Popkultur geworden. Nur die naive Fortschrittsgläubigkeit der Zeitgenossen Paul Linckes bleibt unterwegs auf der Strecke.

Selten hört man eine so großartige Frau Luna, wie sie die junge Sopranistin Cristina Piccardi singt. Bei derart extragalaktischen Spitzentönen müsste das Publikum vor Begeisterung toben, tut es aber nicht. Das liegt an den Mikroports, mit denen das Ensemble verkabelt ist. So kommen die Stimmen zwar laut genug über das Orchester, aber sie kommen emotional nicht rüber und klingen – auch wegen der veralteten Tonanlage – ungepflegt. Für „Frau Luna“ bietet das Theater Hagen alle hauseigenen Stars auf. Die sollten sich eigentlich mit Wonne in diese abgedrehte Geschichte werfen, fühlen sich aber mit den Mikrofonen hörbar unwohl.

Das ist ein hoher Preis für die witzige Flughafen-Raumarchitektur. Regisseur Potocki zeichnet für eine der größten Hagener Theaterpleiten verantwortlich, den „Eugen Onegin“ in der vorletzten Spielzeit. Um des visuellen Effekts einer komplett offenen Bühne willen blieben seinerzeit die Sänger unhörbar. Daraus hätte man lernen können – aber kaum, dass die Lösung in elektronischer Verstärkung besteht, weil man keine Kulissen bauen will, die Resonanz ermöglichen. Operette mit Mikros, das ist ungefähr so sinnlich wie Mr. Spock ohne spitze Ohren.

Chor und Ballett haben große Auftritte in „Frau Luna“. Sie sind die alten Bekannten aus dem kollektiven Hollywood-Science-Fiction-Gedächtnis, die Raumstewardessen, Stormtrooper und Chewbaccas. Bassbariton Rainer Zaun führt als Theophil die Oberaufsicht und wirkt mit seiner Metallplatte am Schädel wie eine Kreuzung aus Captain Picard vom Raumschiff Enterprise und dem Bösewicht Emanuel Zorg aus „Das fünfte Element“. Wegen des Maschinenanteils in seiner Natur muss er sich möglichst eckig bewegen. KS Marilyn Bennett ist durch kein Kostüm kleinzukriegen und bezaubert als Stella-Oktopus in Anlehnung an die Diva Plava Laguna.

Plastik-Wohnklo

Richard van Gemert spielt den mondsüchtigen Fritz Steppke als ewigen Träumer, der im durchgestylten Berliner Plastik-Wohnklo nicht atmen kann. Veronika Haller ist eine erdverbundene Marie, die im größten Gegensatz zur sexy-androgynen Frau Luna steht. Bei den Bänder-Kostümen, die Luna und ihre Mondelfen tragen, handelt es sich um eine Verbeugung vor Jean-Paul Gaultier, der die futuristischen Gewänder für das „Fünfte Element“ kreiert hat. Kenneth Mattice’s verliebter Prinz Sternschnuppe erweist sich als der einzige richtige Außerirdische in dieser Truppe, fliegt er doch im rosa Glitzer-Cowboy-Anzug in einer überdimensionalen Kaugummi-Blase ein.

Kapellmeister Rodrigo Tomillo nimmt die Hagener Philharmoniker und das Publikum mit auf eine schmissig und farbschön ausmusizierte Reise durch die unkaputtbaren Lincke-Gassenhauer von „Schlösser, die im Monde liegen“ über „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ bis zur berühmten „Berliner Luft“.

Was hat es mit der Berliner Luft denn nun auf sich? Sie wird von einer Riesentüte erzeugt, und alle ihre Folgen lassen sich durch den psychoaktiven Wirkstoff Tetrahydrocannabinol erklären. Nur geht der Witz des Kiffens eben auch an der Zielgruppe vorbei.

www.theaterhagen.de

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