Geschichte

Fregatte aus dem 18. Jahrhundert legt am Wasserschloss an

Die sogenannten „Redcoats“, die Rotröcke der britischen Armee, übernehmen für einen Tag die Herrschaft auf Schloss Werdringen.

Foto: Michael Kleinrensing

Die sogenannten „Redcoats“, die Rotröcke der britischen Armee, übernehmen für einen Tag die Herrschaft auf Schloss Werdringen. Foto: Michael Kleinrensing

Vorhalle.   Am Wasserschloss Werdringen in Hagen werden Kindheitsträume wahr: Die Interessengemeinschaft „HMS Essex“ legt an und reist ins 18. Jahrhundert.

Wir schreiben das Jahr 1775. Die britischen Kolonien in Amerika befinden sich im Unabhängigkeitskrieg mit Großbritannien. Die Boston Tea Party liegt zwei Jahre zurück. So muss man sich den historischen Einstieg vorstellen, um den Rotröcken (britische Armee) und der Marine im Wasserschloss Werdringen am Sonntag folgen zu können.

Eine Interessengemeinschaft, die sich erst im letzten Jahr gegründet hatte, stellte im Innenhof des Schlosses ihr Leben im 18. Jahrhundert dar. Jedes Mitglied übernimmt eine Rolle und verkörpert diese möglichst historisch korrekt.

Pure Freude an historischen Ereignissen

Doch wie ist die Fregatte der „HMS Essex“ (HMS steht für His Majesty’s Ship, da zu dieser Zeit George III. England regiert) in das beschauliche Hagen gekommen? „Ich bin als Commander auf diplomatischer Mission und kenne die Herren des Schlosses. Wir haben hier unser Quartier aufgeschlagen. Ich reise gemeinsam mit der Fregatte von da aus weiter nach Hannover, und irgendwann werden wir den hessischen Truppen zu Hilfe kommen“, erklärt Dietmar Koch oder wie seine Rolle heißt, George Cook.

Für Koch ist es pure Freude historische Ereignisse nachzustellen: „Wir präsentieren ja nicht nur Kriegs- oder Piratenszenen, sondern lernen auch, wie man zu dieser Zeit tanzte und kämpfte. Das 18. Jahrhundert hat so viel so zu bieten, und es ist so viel passiert. Das macht dann einfach nur Spaß.“

Darsteller leben ihre Rollen mit Leidenschaft

Das hier jeder der Gruppe Spaß hat, ist unverkennbar. Ihre Rollen und die dazugehörige Legende kennen sie auswendig, so auch Christian Finke alias Bartholomew Meriwether Macy, der einen Händler an Bord des Schiffes mimt. „Ich handle mit Gewürzen, Stoffen, und teilweise tauschen wir Händler auch politische Ideen aus. Wir sind sehr wichtig in dieser Zeit gewesen“, fasst Finke zusammen und beschreibt die Faszination zur historischen Nachstellung: „Es ist wirklich spannend, verschiedene Facetten der Zeit darzustellen. Die Kostüme sind cool, ich kann meinen Kindheitstraum hier wahr werden lassen. Und alle hier sind ganz lieb gemeint ein bisschen verrückt.“

Wenn man die überwiegend männlichen Soldaten, oder wie sie damals hießen, „Rotröcke“, beobachtet, könnte man vermuten, dass sie etwas verrückt sind. Aber dahinter stecken große Kinder, die früher nicht mit Gewehren spielen durften. Die Interessengemeinschaft hat die Erlaubnis nach Anmeldung mit Schwarzpulver zu schießen. Wenn ihre Gewehre nicht im Einsatz sind, übt die Besatzung das Marschieren.

Überbleibsel aus der Kindheit

„Es ist das Überbleibsel aus meiner Kindheit. Ich fand solche historischen Filme immer toll. Dann habe ich Geschichte studiert, eine Lehre zum Schneider abgeschlossen und kann nun Hobby und Beruf miteinander vereinen“, freut sich Peter Sendtko, der in der Gruppe Captain Astley spielt. Denn die Mitglieder der historischen Gruppe nähen ihre Kostüme selbst.

Die Mutter eines Mitglieds, Sabine Knipping, ist immer noch begeistert, dass ihr Sohn, der den Leutnant der Marineinfanterie darstellt, seine Kostüme selbst näht: „Früher hat er nicht mal Knöpfe angenäht, und jetzt gestaltet er ganze Kostüme selbst. Ich war ja früher nie geschichtlich interessiert, aber mittlerweile finde ich es richtig spannend zu sehen, wie primitiv die Menschen damals gelebt haben.“

Verpflegung liegt in Frauenhand

Für die Besatzung der „HMS Essex“ bereiten zwei Frauen das Essen auf offener Flamme vor. Eine Herausforderung für Melanie Schiwik, die als Mrs. Mary Thorpe als Ehefrau und Bedienstete an Bord ist: „Für mich ist das heute das erste Mal, nach historischem Rezept zu kochen und vor allem mit offenen Feuer. Ich versuche Gerstenbrei, Kürbisse und Brot zuzubereiten. Mal sehen ob mir das gelingt. Und danach werde ich Sauerkraut machen.“ Schiwik ist eindeutig in der Unterzahl und erklärt, dass auch damals eine Frau für die Versorgung von bis zu sechs Männern zuständig war, also korrekte Zustände in Werdringen. „Ich hoffe, dass wir den Besuchern Geschichte auf interessante Weise näherbringen und beleben können, so dass sich Kinder wieder mehr für historische Zusammenhänge interessieren“, fügt Schiwik hinzu.

Leider waren am Wochenende nur wenige Besucher vor Ort, was vermutlich dem schlechten Wetter geschuldet war.

>>HINTERGRUND: MARINE UND ALLTAF

  • Die „HMS Essex“ ist eine Interessengemeinschaft, die sich 2016 gegründet hat und versucht, das Leben auf einer Fregatte im 18. Jahrhundert lebendig und historisch so korrekt wie möglich darzustellen.


  • Die Mitglieder kommen aus verschiedenen Bereichen des „Reenactments“ (Historische Nachstellungen) und haben eine Plattform gefunden, um dem Interesse an Militär- und Alltagsgeschichte im 18. Jahrhundert einen Rahmen zu geben.

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