Konzert

Sinfoniekonzert: Freiheit in der Musik kommt vom Loslassen

Der Cellist Steven Isserlis. Foto: Satoshi Aoyag

Der Cellist Steven Isserlis. Foto: Satoshi Aoyag

Hagen.  Der wunderbare Cellist Steven Isserlis spielt mit den Hagener Philharmonikern ein sensationell gutes Sinfoniekonzert.

Ein Weltklasse-Solist, ein hervorragender Dirigent und ein wunderbares Orchester machen beim Sinfoniekonzert der Hagener Philharmoniker aus einem herausfordernden russischen Programm ein ungewöhnlich beseligendes Hörerlebnis. Dafür bedankt sich das Publikum mit viel Beifall und Bravo-Rufen.

Es gibt längere Sinfonien als Sergei Rachmaninows „Zweite“, die gut eine Stunde dauert, aber nicht viele. Jede Komposition von diesem Format nimmt Orchester und Zuhörer gleichsam mit auf eine Reise, bei der Neuland erobert werden und Kondition getestet werden muss. Für das Orchester gehört der Rachmaninow zum Anstrengendsten und technisch Anspruchsvollsten, was auf den Dienstplan kommen kann. Für das Publikum auch, weil es sozusagen Stehvermögen beim Hören beweisen soll.

Raum-Architektur

GMD Joseph Trafton muss in diesem Werk wie ein Architekt denken, denn die Sinfonie lebt von ihren extrem weiträumig disponierten Raumklangblöcken. Trafton demonstriert im ersten Satz, wie die klangsatten Bässe immer wieder große Steigerungswellen des gesamten Orchesters provozieren. Es gibt herrlich ausgekostete Farb-Zaubereien, delikate Eintrübungen und Aufhellungen. Das Scherzo mit seinen charakteristischen Horn-Trompetenrufen und dem Geläute der Holzbläser legt Trafton filigran durchhörbar in der Tradition Mendelssohns an, im Finale grüßt nicht nur der Volkston, sondern auch manche Wendung, die an Richard Wagner erinnert.

Doch das Kernstück der „Zweiten“ ist das Adagio, in dem Soloklarinettist John Corbett eines der längsten und schönsten Klarinetten-Soli der Musikgeschichte mit aufregend schwebendem Puls spielt. Diese gleichsam unendliche Melodie prägt den ganzen Satz, der sich in strahlend aufschwingenden Kreisbewegungen wieder und wieder aussingt. Hier folgt Joseph Trafton der alten Dirigentenweisheit, dass in der Musik Freiheit vom Loslassen kommt.

Regelrecht unheimlich

Loslassen kann auch Steven Isserlis, der berühmte britische Cellist mit russischen Vorfahren, der bereits zum zweiten Mal mit den Hagener Philharmonikern konzertiert. Isserlis wählt das Cellokonzert Nr. 2 von Dmitri Kabalewski, das für die meisten Hörer eine Entdeckung ist. Der Cellist spielt so selbstversunken und konzentriert, als säße er nicht in der Hagener Stadthalle, sondern privat Zuhause im Übezimmer. Diese ungewöhnlich dichte Spannung webt sich wie ein magisches Netz zwischen Publikum und Orchester. Dabei wirkt das Stück teilweise regelrecht unheimlich, mit den fahlen gezupften Passagen des Solocellos, auf welche die Streichbässe antworten. Die vordergründige Volkstümlichkeit täuscht, hier schleichen sich überraschende Wendungen ein, zum Beispiel ein großes Saxophon-Solo (Melanie Werner). Im Spannungsfeld zwischen Rausch, Rasen und Kantilene verströmt sich das Werk mit einer fast unhörbaren Celloklage – und das Publikum tobt vor Begeisterung. Als Zugabe gibt es erneut einen Kabalewski, die „Etüde in Dur und Moll“.

Für das Orchester ist dieses Sinfoniekonzert ein großer Abend, denn es überzeugt mit exquisiter Klangkultur in allen Gruppen, und diese Qualität ist sicherlich ein Verdienst des jungen Generalmusikdirektors Joseph Trafton, der inzwischen in Hagen angekommen ist.

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