Serie: So isst Hagen

Frühaufsteher aus Wehringhausen holt Frische ins Quartier

Mit allen Sinnen prüft Salajdin Tuce (rechts) die Waren des Händlers. Wenn alles passt, lässt er palettenweise aufladen. Foto:Martin Weiske

Mit allen Sinnen prüft Salajdin Tuce (rechts) die Waren des Händlers. Wenn alles passt, lässt er palettenweise aufladen. Foto:Martin Weiske

Hagen/Dortmund.  Beim Besuch mit Obst- und Gemüsehändler Salajdin Tuce auf dem Dortmunder Großmarkt prüft der Kenner mit sensiblen Fingern die Warenqualität.

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Wenn Salajdin Tuce morgens an der Lange Straße in Wehringhausen die Stiege mit den zuckersüßen Nektarinen auf das Präsentationsregal wuchtet, ist der 43-Jährige schon seit Stunden auf den Beinen: „Fast jeden Morgen fahre ich zwischen 3 und 4 Uhr zum Großmarkt nach Dortmund, um frische Waren zu kaufen.“

Der Obst- und Gemüsehändler, der ursprünglich aus dem Kosovo stammt und als gelernter Elektroinstallateur nach einem Arbeitsunfall seine Leidenschaft für den Einzelhandel entdeckte, hat es gelernt, mit wenig Schlaf auszukommen. „Selten komme ich vor 22 Uhr ins Bett, und morgens weckt mich schon meine innere Uhr.“

Markt ist fest in mediterraner Händlerhand

Um kurz nach 4 Uhr biegt Tuce mit seinem voluminösen Lieferwagen auf das Großmarktgelände ein und kümmert sich zunächst um die Entsorgung von Pappen und Holzpaletten. Hier sprechen ihn die meisten Händler nur als „Gora“ an – so der Name seines Ladens, benannt nach einem kosovarischen Landstrich.

Vor den Warenhallen mit den elektrischen Rolltoren tummeln sich trotz stockfinsterer Nacht bereits Anbieter und Käufer. Die Szenerie wird beherrscht von Migranten vorzugsweise aus dem Mittelmeerraum. „Da hilft es schon, dass ich auch Griechisch, Türkisch und Rumänisch spreche.“

Favoriten für die jeweiligen Waren

Lieferfahrzeuge rangieren in Parklücken vor den Warenhallen, um nach dem Einkauf bequem einladen zu können, Gabelstapler wuseln zwischen Palettentürmen und Kleinlastern hindurch. In dem chaotisch wirkenden Getümmel steuert Tuce zielsicher seinen bevorzugten Früchtehändler an: „Der eine ist stark in Obst, bei dem anderen weiß ich, dass ich dort bestes Gemüse bekomme.“

Mit schnellen Schritten verschwindet der Wehringhauser Händler in den Gängen, an deren Rändern sich die Paletten mit den Waren mannshoch türmen. Ein kritischer Blick, einmal kurz tasten, probieren. Ein Ritual, das sich ständig wiederholt.

Zehn Paletten Erdbeeren sollen es sein, der Anbieter schmettert den Kilopreis durch die Halle. Salajdin Tuce scheint zufrieden. „Erdbeeren sind in diesem Jahr schwierig – erst der Regen, dann die Hitze, da ist viel auf den Feldern kaputt gegangen. Aber diese sind gut“, ist sein kritischer Blick zunächst verflogen.

Für die exotischeren Früchte geht es zum Holländer nebenan. Tuces Mienenspiel lässt den Grad seiner Begeisterung beim Prüfen der Kartons erahnen. Ein besonders genaues Auge widmet er den frischen Feigen: „Wenn die Feuchtigkeit kriegen, sind sie schnell kaputt.“ Doch es scheint alles zu passen.

Zwei Kartons lässt Tuce von einem Mitarbeiter des Händlers auf seine Palette packen, die dieser auf einem Stapler beim Streifzug durch die Warenreihen brav hinter ihm herzieht. Auch die ersten Pflaumen des Jahres kann er nicht stehen lassen, dazu zwei Kisten Mangold, Minze und Blattspinat.

Kirschen aus der Türkei

Jetzt erst mal einen Kaffee aus dem Automaten im Plastikbecher – nichts für Gourmets, aber zu dieser frühen Stunde ein Stück Lebenselixier. Mit dem Heißgetränk in der Hand schlendert der 43-Jährige weiter. Eine Palette mit Kirschen weckt seine Neugier: „Aus der Türkei, die sind richtig gut“, schiebt er sich die saftige, schwarze Frucht in den Mund. „Ein solches Aroma haben deutsche Kirschen kaum zu bieten“, weiß er, dass auch seine Kunden dies schätzen.

Das Angebot ist international: Äpfel aus Neuseeland, Bananen aus Kolumbien, Melonen aus dem Iran. „Es ist schon toll, über was für ein Angebot wir in Deutschland verfügen können.“ Als die Holzstiegen mit den Kirschen auf der Waage landen, kann sich Tuce dennoch eine spitze Bemerkung nicht verkneifen: „Erst bezahle ich die Palette beim Einkauf beim Wiegen mit und später wieder bei der Entsorgung“, ärgert er sich.

Einkaufen mit dem Gabelstapler

Weiter geht es. Noch fehlen Eisbergsalate und Petersilienwurzeln. Der Händler gegenüber, der „Gora“ mit besonderer Herzlichkeit umgarnt, kann aushelfen. Routiniert prüft Tuce mit zwei, drei Handgriffen die Qualität der Ware und lässt aufladen. Mit dem Warenzettel des Händlers geht es zur Kasse – hier wird abgerechnet.

In der Zwischenzeit haben die ersten Händler die Einkäufe bereits palettenweise vor seinem Lieferwagen abgesetzt. Mit dem langen Arm winkt er einen Gabelstaplerfahrer heran, drückt ihm einen Euro in die Hand und lässt einladen. Millimeterarbeit. „Aber der kann es“, ist der Wehringhauser vom Fingerspitzengefühl des Grauhaarigen an den Hebeln überzeugt.

Über die Großmarkt-Hallen blinzelt inzwischen die Sonne. Nun hat auch der griechische Spezialitätenhändler, der direkt von der Peloponnes importiert, geöffnet. Tuce stoppt noch einmal seinen schwer beladenen Wagen und nimmt Feta-Käse, Fischpaste und Auberginensalat mit. Am Ende stapeln sich Waren im Wert von etwa 1500 Euro in dem Wagen.

Die Rückfahrt durch den morgendlichen Berufsverkehr dauert doppelt so lange wie die Hinfahrt in aller Frühe. „Jetzt muss ich das alles nur noch verkaufen“, lächelt Salajdin Tuce optimistisch, dass seine Kunden auch heute sein frisches Angebot zu schätzen wissen. Am nächsten Tag wird er wieder losfahren, um neue Waren vom Großmarkt ranzuholen. Ein Job für einen echten Frühaufsteher.

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