Nachtleben

Für immer Disco in Südwestfalen: „Licht aus - Spot an“

Foto: Andreas Wessel

Südwestfalen.   Diskotheken erfreuen sich in der Region großer Beliebtheit. In den letzten Jahren hat sich das Angebot aber trotzdem immer weiter verkleinert. Eine Bestandsaufnahme.

Drehen wir die Zeit zurück. 1959, der „Scotch Club“ in Aachen. Klaus Quirini legt Platten auf, macht muntere Ansagen: „Meine Damen und Herren, wir krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen.“ Deutschlands erste Discothek lernt laufen.

Heute, 57 Jahre später, hört sich das an wie aus einer anderen Zeit. Wer glaubt, die Disco stirbt, der irrt. „Sicher“, sagt Stephan Büttner, Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Discotheken und Tanzbetriebe, „es werden weniger Betriebe. Aus unserer Sicht spricht das für eine gesunde Marktbereinigung.“

Bundesweit 2061 Discos

Die Zahlen liefert der 53-Jährige dazu: 2001 waren es bundesweit 2061 Discos, heute sind es 1679. „In 15 Jahren 382 weniger.“ Erklärungen für den Schwund liegen für ihn auf der Hand. Die Zielgruppe im Alter von 16 bis 30 Jahren sei kleiner, die Konkurrenz mit Szene-Kneipen und einer Gastronomie mit attraktiven Konzepten größer geworden. Und für den Konzertbesuch ging schnell mal das Budget für drei bis vier Discobesuche drauf. „Und alle buhlen um die Freizeit der Besucher. Trotzdem: Jedes Wochenende gehen bundesweit ein e Million Menschen in Discos. Weit mehr als zu den Spielen der Fußball-Bundesliga.“

Dass die Zeit nicht stehen bleibt, ist ihm bewusst. „Jeder Betreiber“, sagt Büttner, „muss das Ohr am Puls der Zeit haben. Er muss wissen, wer und was angesagt ist, wie er die Räume gestaltet, ob kalt, plüschig oder stylish. Wer Trends verschläft, gefährdet innerhalb weniger Monate seine Existenz.“

Kein Erfolgsrezept / Funpark Hagen teures Geschäft

Nur eine professionelle Betriebsführung in Verbindung mit guten Mitarbeitern könne im Wettlauf mit der Konkurrenz und den sich ständig wandelnden Angeboten für die Gestaltung der Freizeit mithalten. Allgemeingültige Erfolgsfaktoren gibt es nach Büttners Einschätzung nicht. „Es gibt viele Stellschrauben: die richtige Musik, die richtigen DJ’s, die Ansprache der Zielgruppe über passende Online-Communities. Der Geschäftsführer macht keinen Hehl daraus, wo der Schuh drückt. „Die Gema-Gebühren machen das Geschäft nicht leichter. Eine Groß-Disco wie der jüngst geschlossene Funpark in Hagen mit 2000 Quadratmetern zahlt im Jahr 20 000 Euro. Die müssen erst einmal verdient werden.“ Auch seien die Personalkosten mit Einführung des Mindestlohns um 20 bis 25 Prozent gestiegen.

Die Disco als Ort der Begegnung hält er für unersetzlich. Auch wenn junge Leute stärker dazu tendierten, zu Hause zu bleiben und sie versuchten mögliche Partner über Facebook oder andere Plattformen kennenzulernen: „Jeder braucht die Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Nur so fängt alles an. Dafür bietet die Disco passende Musik und eine ansprechende Atmosphäre.“ Clubs und Diskotheken würden maßgeblich zur Attraktivität und Lebensqualität einer Stadt beitragen. „Mit ihnen wird das Ausgehverhalten der jungen Leute kanalisiert. Was wäre, wenn es keine Discos geben würde?“

Hochsauerland

Im Hochsauerland gibt es derzeit noch zehn Disco­theken und Tanzcafés. Wobei die meisten in Winterberg zu finden sind. Dort schlägt sich die hohe Zahl der Touristen nieder, die nach dem Skifahren noch feiern möchten. Aber es waren mal mehr. Wer feiern will fährt: Von Brilon aus orientiert man sich nach Paderborn. Hier gibt es elf Discos. Von Arnsberg und Meschede ist man auch schnell in Dortmund (32 Discos).

EN-Süd-Kreis

Hier gibt es keine Discotheken mehr. Zu der letzten Disco gehörte das RPL in Gevelsberg; eröffnet 1979 und seit kurzer Zeit geschlossen. Die Menschen orientieren sich nach Dortmund, Wuppertal, Hagen und Bochum.

Soest und Warstein

In Warstein schloss Ende 2013 die letzte Disco aus finanziellen Gründen, in Soest gibt’s einen Tanzclub. Vor zehn Jahren waren es in Soest noch zwei Discotheken. In Lippstadt sind es zwei Discos.

Hagen und Umkreis

Laut Stadtverwaltung sind in Hagen vier Discos angemeldet. Die glorreichen Zeiten aus den 80ern sind vorbei. Damals gab es noch für jede Musikrichtung eine Disco. Zu den klassischen Großraumdiscos gehörte auch der Funpark, der im Juli nach zwölf Jahren geschlossen hat. Die neuen Besitzer möchten jetzt eine ältere Zielgruppe ansprechen.

Siegerland

Im Siegerland konzentriert sich die Partyszene auf Siegen und Freudenberg. Zu den populärsten Discotheken zählt das Meyer. Hier feiern vor allem die Studenten, mittlerweile fast 19 000, unter der Woche. Das Reichwaldz, ebenfalls ein etablierter Club, schloss in diesem Sommer. In Freudenberg gibt es mit dem OX eine klassische Großraumdisco.

Wittgenstein

Wer in Wittgenstein tanzen will, steuert die Musikkneipe Luisenburg an. Das ist allerdings eher ein Tanzcafé als eine Discothek. Zeitweise gab es in Wittgenstein sogar drei Discos: Relax, Beusse und Connection.

Iserlohn und MK

Die Überraschung im Märkischen Kreis ist Lüdenscheid. Hier gibt es zwei Discotheken und drei Bars mit Tanzfläche. In Iserlohn sind zwei Discos angemeldet. Das war laut Stadtverwaltung vor rund 15 Jahren noch anders: Damals gab’s elf Tanzschuppen. In Menden feiert die Jugend im Schmelzwerk, hier finden regelmäßig Partys statt.

Kreis Olpe

Kreis Olpe gibt es eine Discothek: Das A4. Benannt nach der Autobahn in Richtung Köln, die auch viele nehmen zum Feiern. Der laden war zwischenzeitlich einmal geschlossen und lockt jetzt mit Angeboten wie „Flotter Dreier – drei Stunden lang: einen bestellen und zwei bekommen“. In Lennestadt-Meggen gibt es jedoch noch eine Tanzkneipe – das Big Ben.

Revivals

Cult (Neheim), Lorien (Bestwig), Remember (Siegen) oder Lass das (Hagen) sind lange dicht. Aber die Fans gibt’s noch. Ehemalige Betreiber oder Stammgäste lassen auf Revival-Partys den Geist der Läden von damals aufleben. Mit großem Erfolg. Die Partys sind gut besucht. Die Gesichter sind gealtert, aber die Liebe zur Musik und der Tanzstil sind geblieben.

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