Historisches

Geschichte so spannend wie ein Krimi

Winfried Törnig verfasste einen Aufsatz über eine Schießerei in Iserlohn und deren Auswirkungen auf Hohenlimburg.

Winfried Törnig verfasste einen Aufsatz über eine Schießerei in Iserlohn und deren Auswirkungen auf Hohenlimburg.

Foto: Michael Schuh

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Hohenlimburg.  Winfried Törnig kann sich noch gut dran erinnern, dass seine Eltern ihm als Kind häufig von einer Schießerei in Iserlohn und den damit verbundenen Auswirkungen auf Hohenlimburg im Jahre 1933 erzählten. Die Neugierde, was damals wirklich passierte, ließ den Hohenlimburger nie ganz los. „Das Ganze ist spannender als ein Kriminalroman“, sagt er heute mit Blick auf seine ausführlichen Recherchen und die historische Abhandlung, die dabei entstand.

Eines war Törnig klar, als er im vergangenen Jahr begann, sich intensiv mit dem Fall zu beschäftigen: Die Nachforschungen würden nicht einfach – schließlich lag die Schießerei fast 80 Jahre zurück. Doch sein Wissensdurst war zu groß, um die Hände in den Schoß zu legen. Allzu gut klangen ihm noch die Erzählungen seiner Eltern in den Ohren: „Einen Polizeieinsatz solcher Ausmaße kannte demnach zuvor kein Mensch hier. Jede Ecke wurden mit Suchscheinwerfern ausgeleuchtet – sogar der Hohenlimburger Friedhof.“

Der Grund für die Unruhen war eine Schießerei am Iserlohner Westbahnhof, die ein Todesopfer forderte – so viel wusste Winfried Törnig zu Beginn seiner Recherchen. Im Hagener Archiv wurde er jedoch nicht fündig; erst im Iserlohner Stadtarchiv stieß der geschichtsinteressierte Hohenlimburger auf alte Zeitungen, die über den Fall berichtet hatten. Als dann das Landesarchiv Münster auf seine Anfrage reagierte und ihm Fakten über den damaligen Gerichtsprozess zuschickte, konnte Törnig das historische Puzzle zusammensetzen.

Demnach begann die Tragödie am Mittag des 16. Januar 1933, als mehrere Nationalsozialisten in Iserlohn ein KPD-Mitglied überfielen, was die Kommunisten nicht auf sich sitzen lassen wollten. Sie beschlossen, mit Gewalt gegen das Iserlohner SA-Heim vorzugehen – und forderten deshalb Verstärkung aus Letmathe und Hohenlimburg an. „In Hohenlimburg gab es damals aufgrund der Industrie viele Kommunisten“, sagt Törnig. „Und von ihnen sind dann wohl einige mit der Straßenbahn nach Iserlohn gefahren.“ Dort, fährt Törnig in seinem Aufsatz fort, seien „ca. 30 bewaffnete, verwegene junge Burschen“ zum Vorplatz des Westbahnhofs marschiert und hätten von dort aus illegalen Waffen das Feuer auf das SA-Heim eröffnet.

Von mehreren Schüssen getroffen

Daraufhin stürzte der Iserlohner SA-Truppführer Hans Bernsau aus dem nahen Bahnhofshotel ins Freie, wo ihn mehrere Kugeln niederstreckten. Die Nazis schossen zurück, sodass auch die Kommunisten drei Verletzte zu beklagen hatten – zwei von ihnen stammten aus Hohenlimburg. Da bei den anschließenden polizeilichen Verfolgungen selbst Polizisten beschossen wurden, kam es zu jener kreisweiten Razzia, die Törnig von seinen Eltern kannte. „Auch für Hohenlimburg galt damals: Wer weglief, war verdächtig – und bekam eins mit dem Gummiknüppel drübergezogen.“

Nachdem der 27-jährige Bernsau seinen Verletzungen erlegen war, wurde der Kraftfahrer Franz Schidzik als Hauptverdächtiger festgenommen. Wahrscheinlich unter Folter habe Schidzik dann ein Geständnis abgelegt, fährt Winfried Törnig fort. Dass er dieses bei der Verhandlung vor dem Hagener Landgericht am 10. September 1933 widerrief, nutzte dem Angeklagten nichts, „da die Naziideologie auch bei der Justiz Einzug gehalten hatte.“ Schidzik wurde zum Tode verurteilt und am 14. September 1934 in Hagen hingerichtet, weitere Angeklagte erhielten lange Freiheitsstrafen. So wurde der Hohenlimburger Robert Wiesner zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

Bei seinen Recherchen fand Törnig zudem heraus, dass das Urteil gegen Schidzik 1958 als nicht haltbar aufgehoben wurde. 24 Jahre nach dessen Tod.

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