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Giousoufs Kritik an Erdogan-Karikatur polarisiert in Hagen

„50 Jahre Türken in Deutschland: Eine Erfolgsgeschichte “ ist diese Karikatur überschrieben, die bereits vor drei Jahren in der FAZ erschienen war und nun in einem Schulbuch abgedruckt wurde. Unter anderem wird der türkische Präsident Erdogan als Kettenhund aufs Korn genommen.

„50 Jahre Türken in Deutschland: Eine Erfolgsgeschichte “ ist diese Karikatur überschrieben, die bereits vor drei Jahren in der FAZ erschienen war und nun in einem Schulbuch abgedruckt wurde. Unter anderem wird der türkische Präsident Erdogan als Kettenhund aufs Korn genommen.

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Hagen.Eine Karikatur zieht weite Kreise. Und daran ist auch die Hagener Bundestagsabgeordnete Cemile Giousouf (CDU) maßgeblich beteiligt. Gemeinsam mit ihrem CDU-Bundestagskollegen Oliver Wittke hat sie es als „völlig inakzeptabel“ bezeichnet, dass eine Karikatur, auf der am Rande auch der türkische Präsident Erdogan aufs Korn genommen wird, in einem baden-württembergischen Schulbuch abgedruckt wird.

Die dortige Landesregierung solle sich entschuldigen. In deutschen Schulen sollten „auch Werte wie Respekt vor anderen Völkern und deren Repräsentanten vermittelt werden“. Giousouf wird für diese Äußerung scharf kritisiert – auch vom NRW-CDU-Chef Armin Laschet: „Die Pressefreiheit steht nicht zur Disposition.“ Und was denkt Hagen? Wir haben uns umgehört.

Die Abgeordnete

Von ihrer Kritik rückt Cemile Giousouf nicht ab: „Die Karikatur lässt Raum für Missverständnisse und Irritationen.“ An keiner Stelle werde sie in dem Schulbuch-Kapitel erläutert. Das berge die Gefahr, dass sie für einen Teil der Schülerschaft stigmatisierend wirken könne.

Selbstverständlich falle die Veröffentlichung in Zeitungen unter die Pressefreiheit. „Sie ist ein hohes Gut – das muss auch jeder aushalten. Ein Schulbuch ist etwas anderes: In unserer vielfältigen Gesellschaft sollte auf eine kultursensible Aufbereitung des Lehrmaterials geachtet werden.“ Türkischstämmige Hagener haben ihrer Wahrnehmung nach sehr unterschiedlich reagiert: „Ich wurde zumeist von türkischstämmigen Bürgerinnen angeschrieben, die sich angegriffen gefühlt haben.“ Dass sie einen deftigen Rüffel von CDU-Landeschef Laschet erhalten hat, überrascht sie nicht: „Ich sehe, dass man zu dieser Frage sehr unterschiedlicher Auffassung sein kann.“

Der Ratsherr

Grünen-Ratsherr Rainer Preuß hat die Karikatur und Berichterstattung zu Giousoufs Aussagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) auf Facebook gepostet und damit eine lange Diskussion ausgelöst: „Frau Giousouf vertritt unseren Rechtsstaat. Deshalb erwarte ich, dass sie auch unsere freiheitlichen Rechte verteidigt. Ihre Aussagen sind für eine Abgeordnete unseres Wahlkreises nicht akzeptabel.“ Das Stilmittel einer Karikatur und der Umgang mit Ironie seien wichtiger Bestandteil des Deutschunterrichts.

Der Schuster und der Student

Furkan Isik und sein Vater Mikail, der an der Bahnhofstraße Schuhe repariert und Schlüssel fertigt, könnten im Grunde mit der Karikatur leben, wenn es denn nicht den Hund namens Erdogan gäbe: „Meine Mutter hieß selbst mit Familiennamen Erdogan“, sagt Furkan Isik, der in Deutschland geboren wurde, ebenso wie sein Vater deutscher Staatsbürger ist und an der Fachhochschule Südwestfalen studiert. „Ich finde es nicht gut, dass Menschen so mit Tieren auf eine Stufe gestellt werden.“

Auch für Mikail Isik, der Vorsitzender des Bündnisses Hagener Muslime ist, ist mit der Karikatur eine Grenze überschritten: „Erdogan ist Präsident der Türkei. Die Menschen dort haben ihn viermal gewählt. Er symbolisiert das Land. Ihn in eine Hundehütte zu setzen – das kann man nicht machen.“ Mit Karikaturen haben Vater und Sohn generell kein Problem. Auch wenn sie die Integration thematisieren: „Hier in Hagen fühle ich mich gut integriert. Das ist meine Stadt, hier habe ich mein Geschäft, hier habe ich meine Wohnung gekauft“, sagt Mikail Isik, „Ich begrüße hier im Viertel alle Menschen freundlich. Egal, woher sie kommen.“

Der Kioskbesitzer

„Ich habe mit der Karikatur überhaupt kein Problem, kann darüber lachen“, sagt Nuri Yildiz, der am Graf-von-Galen-Ring einen Kiosk betreibt. „Aber Erdogan spaltet das Land. Die Grenze verläuft zwischen jenen, die tief religiös sind und jenen, die eher liberal eingestellt sind. Was das Miteinander in Hagen angeht, sieht er nur wenig Probleme.

Türken in der Politik

Ercan Öztaksin, Mitglied des Hagener Integrationsrates, kann die Empörung von Cemile Giousouf nachvollziehen: „Die Intention der Abbildung von Erdogan in der Hundehütte ist böswillig.“ Die Integration in Hagen betrachtet er mit gemischten Gefühlen: „Junge Menschen mit Migrationshintergrund haben immer noch Probleme, eine Arbeitsstelle zu finden. Und das Zusammenleben von Türken und Deutschen wird immer wieder erschwert. Etwa durch die Berichterstattung rund um ISIS, die den Islam für Terrorismus missbrauche. Hier in Hagen muss sich niemand dafür rechtfertigen.“

Sükrü Budak, Vorsitzender des Integrationsrates, sagt: „Es gibt eine Minderheit von etwa zehn Prozent, die sich nicht integrieren wollen. Das Problem ist, dass wir nie auf die anderen 90 Prozent blicken. Ich lebe seit 1979 in Hagen. Hier ist für uns vieles besser geworden. Wir müssen den hier geborenen Kindern von Migranten nicht mehr sagen: Integriert euch. Wir müssen ihnen nur sagen, dass das hier ihre Heimat ist.“

Der Karikaturist

„Ich ärgere mich über die Aussagen von Frau Giousouf“, sagt Heribert Lenz, Zeichner der Karikatur. „Sie hat die Botschaft überhaupt nicht verstanden. Statt zu erkennen, wie integrationsfreundlich die Zeichnung ist, hat sie nur auf die Hundehütte im Hintergrund mit dem Erdogan-Schriftzug geachtet. Dort könnte auch jeder andere türkische Name stehen. Schade, dass so ein kleines Accessoire so aufgeblasen wird.“

Die Superintendentin

Superintendentin Verena Schmidt, höchste Frau im evangelischen Kirchenkreis, fordert Cemile Giousouf zu mehr Gelassenheit auf: „Ich würde mir wünschen, dass eine harmlose Karikatur nicht gleich als politischer Angriff empfunden wird. Damit muss man leben können. Dass ausgerechnet Frau Giousouf sich so äußert, wundert mich, ich halte dies für problematisch. Das fördert den Wunsch nach Integration in keiner Weise.“

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