Im Namen des Herrn

Gott holt uns aus der Komfortzone

Christian Haase, Schulseelsorger der Hildegardis-Schule.

Christian Haase, Schulseelsorger der Hildegardis-Schule.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Waren Sie in letzter Zeit auch schon einmal in der Situation, dass Sie in einem Gespräch gesagt haben: „Normalerweise würde ich jetzt…“? Vielleicht haben Sie dabei an einen Konzertbesuch gedacht, an einen lange geplanten Ausflug oder einen Geburtstag. Vieles, was noch vor wenigen Wochen normal für uns gewesen ist, kann nicht mehr stattfinden, trotz all der Lockerungen, die jetzt nach und nach eingeführt werden.

Als Schulseelsorger erlebe ich dies natürlich auch an unserer Schule, in der permanent der Abstand eingehalten werden soll, in der Maskenpflicht in den Gängen herrscht und wo sich kaum Schüler in einem riesigen Gebäude aufhalten. Unter diesen Umständen ist natürlich kein normaler Unterricht möglich. Digitale Medien sind eine kurzfristige Notlösung, ersetzen aber (hoffentlich niemals) das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern.

Ich bin ein großer Verfechter der Maßnahmen gegen das Corona-Virus, ich begrüße die Vorsicht, die unsere Politikerinnen und Politiker an den Tag gelegt haben, bei all der berechtigten Kritik und mit dem Blick darauf, dass berufliche Existenzen bedroht sind. Das darf nicht aus den Augen verloren werden und braucht schnelle Lösungen. Ich persönlich halte mich immer noch weitestgehend an das Kontaktverbot, ich trage meine Maske beim Einkauf und ich halte den Abstand zu meinen Mitmenschen ein. Ich mache das, um andere und mich zu schützen, weil ich weiß, dass diese Maßnahmen genau dazu dienen.

Ich ertappe mich aber auch immer häufiger dabei, dass ich sage: Corona nervt und ich möchte mein normales Leben zurück haben. Ich möchte wieder mit Freunden ins Kino gehen und vorher eine Pizza essen. Ich möchte Geburtstage mit vielen Menschen feiern und tanzen, ich möchte ein Konzert besuchen oder ins Theater gehen. Ich versuche, dann ein wenig demütig zu werden, und denke an die Menschen, für die solche Dinge noch nie normal waren. Ich versuche, diese kleinen Selbstverständlichkeiten wieder mehr zu schätzen und zu würdigen.

Ich suche Trost und Kraft im Glauben und denke an die Jünger Jesu, die drei Jahre mit ihrem Meister durchs Land gezogen sind. Er war ihr Freund, ihr Bruder und sie mussten mitansehen, wie er am Kreuz stirbt, um drei Tage später zu erfahren: Jesus lebt. Nach 40 Tagen der Freude und der Hoffnung verlässt Jesus sie aber wieder am Tag von Christi Himmelfahrt. Was muss das für eine Achterbahn der Gefühle gewesen sein? Diese Menschen haben alles für Jesus zurückgelassen. Wie oft mögen sie gedacht haben: „Ich möchte mein normales Leben zurück haben!“

Vielleicht müssen wir aber genau das momentan auf die harte Tour lernen: Es gibt keine Normalität, keine ständige Sicherheit in diesem Leben und auch nicht mit diesem Gott. Er fordert uns immer wieder neu zum Aufbruch und zum Umdenken auf. Er rüttelt von jeher an den althergebrachten Systemen; die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Menschen umkehren, aufbrechen, Neues wagen. Dieser Gott holt mich aus meiner Komfortzone, und manchmal provoziert er mich ganz schön dabei, und ich wünsche mir wieder ein Stückchen Normalität zurück. Aber ich weiß, dass mir nicht viel anderes übrig bleibt, als aus- und durchzuhalten.

Ich muss meinen Weg durch diese Zeit gehen, so wie alle anderen Menschen auch, mit den positiven und negativen Seiten, die so eine Krise mit sich bringt. Ich habe Fragen, auf die ich jetzt noch keine Antwort bekomme, und auch ich frage nach dem Warum. Über allem liegen dabei die letzten Worte Jesu, die er am Himmelfahrtstag an seine Jünger richtete: „Ich bin bei euch, alle Tage, bis zum Ende der Welt.“ Mt. 28,20
Christian Haase
Schulseelsorger der Hildegardis-Schule

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