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Hagen: Einsatz eskaliert – Schwere Vorwürfe gegen Polizisten

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Schwere Vorwürfe gegen die Polizei in Hagen: Die Syrer Bashar Alfalah und Ali Alrifai beklagen sich über die Behandlung durch Beamte.

Schwere Vorwürfe gegen die Polizei in Hagen: Die Syrer Bashar Alfalah und Ali Alrifai beklagen sich über die Behandlung durch Beamte.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Drei Brüder erheben schwere Vorwürfe gegen die Polizei Hagen. Eine Audio-Datei dokumentiert, wie ein Einsatz aus dem Ruder läuft.

Rund fünf Minuten dauert der entscheidende Ausschnitt dieser Audio-Datei. Fünf Minuten, in denen man hören kann, wie der Einsatz der Polizei Hagen gegen zwei Syrer vor dem Präsidium auf der Hoheleye aus dem Ruder läuft. Polizisten brüllen, die Betroffenen geben klein bei. Laute Schmerzensschreie sind zu hören, Wimmern und Weinen. Es fließen Tränen.

Ali Alrifai hat die fünf Minuten aufgezeichnet. Es sind die fünf Minuten, die einen Ausschnitt zeigen. Was davor passiert ist – dazu wird es wohl unterschiedliche Varianten geben. Die der Brüder Bashar Alfalah (16), Ali Alrifai (19) und Oadi Alrifai (32), die zur Polizeiwache gekommen waren, weil die Polizei Ali am Vorabend zu einer Blutprobe, gegen die er sich wehrte, mit auf die Wache genommen hatten. Ali sei misshandelt worden – behaupten sie. Und darüber hätten sie mit der Polizei sprechen wollen. Sie hätten sich in der Wache ruhig verhalten, lediglich einmal sei Ali lauter geworden, hätte sich dafür aber entschuldigt. Oadi sei am Ende allein in der Wache geblieben und festgenommen worden. Und es gibt vermutlich eine Version der Polizei zum Geschehen, die sich aber zu den Details nicht äußert.

Polizei Wuppertal ermittelt gegen Hagener Polizisten

Fest steht: Es wird gegen Beamte ermittelt. Und weil aus Gründen der Neutralität die Polizei Hagen nicht gegen sich selbst ermitteln darf, wird das Verfahren in Wuppertal geführt. Dass dieser Fall aufgearbeitet wird, hängt damit zusammen, dass die drei Brüder im Nachgang auf einer Wache in Iserlohn von den Vorfällen in Hagen berichtet haben. „Unsere Aufgabe ist es nun, den Sachverhalt zu klären. Eine rechtliche Bewertung hinsichtlich der Strafbarkeit des Verhaltens liegt bei der Staatsanwaltschaft“, sagt Stefan Weiand, Sprecher der Polizei Wuppertal, „die Audiodatei wird in die Ermittlungen einbezogen.“

Diese Datei, sie ist ein Puzzlestein, der Klarheit darüber bringen soll, was sich vor der Hagener Wache am 7. Januar zutrug. Zu hören ist das laute Brüllen von Polizisten, dessen furchteinflößende Aggressivität eine wörtliche Wiedergabe kaum spiegelt: „Fahr los jetzt. Oder wollt ihr eine Sache klären. Willst du Kollegen ficken, oder was. Komm nie wieder. Komm nie wieder hierher.“ Und: „Gleich wirst du mal geschlagen, wenn du nicht die Fresse hältst.“ Und: „Wenn ich dich noch einmal wiedersehe, bist du der Nächste.“

Vorwurf: Polizisten haben 16-Jährigen geschlagen und getreten

Die Vorwürfe der Brüder sind gravierend: Sechs bis acht Polizisten, dunkel gekleidet, seien mit Taschenlampen auf ihr Auto, das vor der Wache geparkt war, zugekommen. Bashar (16) sei ausgestiegen. Polizisten hätten ihn angebrüllt, ihn geblendet, ihn geschubst. „Als ich gefragt habe, warum ich geschubst werde, sind die Polizisten plötzlich auf mich losgegangen“, sagt er, „ich habe einen Schlag über meinem Auge gespürt, habe schwarz gesehen. Jemand stand vor mir, hat mit seinem Ellbogen auf meinen Rücken geschlagen. Mir dann mit seinem Knie ins Gesicht getreten. Ich habe vor Schmerzen geschrien.“

Die Polizisten hätten ihn angeschrien, er solle sich auf den Boden legen, sagt Bashar. „Ich bin sofort runter. Sie haben mir auf den Rücken getreten, ein Polizist sogar auf den Kopf. Ich bin in Tränen ausgebrochen, habe laut gerufen, dass ich keine Luft bekomme. Sie haben meine Hände gefesselt, meine Kapuze über meine Augen gezogen, so dass ich nichts mehr sehen konnte. Dann haben sie mich in einen großen Raum in der Wache gebracht und auf den Boden geschmissen.“

Bruder sitzt weinend im Auto

Bashars Bruder Ali sieht hilflos all das aus dem Auto heraus mit an. Sein Wimmern, sein Weinen sind auf der Audiodatei zu hören. „Bitte lassen Sie ihn in Ruhe“, fleht er, „er ist mein Bruder. Er ist doch erst 16 Jahre alt.“ – „Jeder ist seines Glückes - sagt man immer so schön“, kommentiert ein Polizist. Was er nicht ahnt: Der Jugendliche besucht eine Realschule für Sehbehinderte in Soest.

Vorausgegangen war den Ereignissen vor der Wache ein Einsatz, den die Polizei Hagen in einer Pressemitteilung dokumentiert. Titel: „Defektes Rücklicht führt zu Drogenfahrt, Widerstand, Blutprobe und Ingewahrsamnahme.“ Ein 19-Jähriger (Ali – Anmerkung der Redaktion) war bei einer Kontrolle aufgefallen und sollte auf der Wache eine Blutprobe abgeben. „Kurz vor Entnahme wurde er aggressiv. Er sperrte sich derart gegen die Maßnahme durch die Ärztin, dass die Polizisten ihn dabei festhalten mussten. Als die Beamten ihm wenig später aus der Wache entließen, ging er mit erhobenen Fäusten auf sie zu. Daraufhin nahmen sie den Randalierer in Gewahrsam.“

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Ali Alrifai räumt ein, dass er sich gegen eine Blutprobe gewehrt habe. „Mir war einfach nicht klar, dass ich die abgeben muss“, sagt er. Um dann zu erzählen, wie er im Anschluss ins Gewahrsam gebracht, von einem Polizisten dort gedemütigt und beleidigt und schließlich auch körperlich angegriffen wurde. „Er hat mich auf den Boden geworfen und sich mit dem Knie auf meinen Kopf gestützt.“

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