Studium

Hagen: Fünf Studenten über Auslandssemester in Coronazeit

An diesen Standorten verbrachten die Hagener ihr Auslandssemester.

An diesen Standorten verbrachten die Hagener ihr Auslandssemester.

Foto: Manuela Nossutta / Funkegrafik NRW

Hagen.  Ein Austausch ohne Austausch: Fünf Hagener Studenten erzählen von ihren Erlebnissen in Italien, Spanien, Dänemark und Polen zur Coronazeit.

Abbrechen oder durchziehen? Heimfahren oder bleiben? Wegfliegen oder Absagen? Die Coronakrise stellt Studierende vor große Herausforderungen und viele offene Fragen. Geht der Flug überhaupt? Wie sind die Regeln vor Ort? Wie entwickelt sich die Situation? Auslandssemester, die Bestandteil vieler Studiengänge sind, laufen in der Coronazeit ganz anders als geplant. Wie erleben Hagener und Hagenerinnen die Situation in den anderen Ländern? Vier Länder, fünf Studenten, fünf Geschichten:

Isabel Bernat, Italien

Bereits ab Mitte Februar entwickelte sich Italien zum Land mit den meisten Infektionen. Im März wird ganz Italien zur Sperrzone. Krankenhäuser stehen vor dem Kollaps. Corona hat sie getroffen wie ein Tsunami. Und keine andere Region in Europa wurde so heftig vom Corona-Virus getroffen wie die Lombardei.

Dramatische Szenen spielen sich im Land ab: Die Zahl der Todesfälle steigt rapide, über die Fernseh-Monitore flackern Bilder vom norditalienischen Bergamo: Särge werden von Militärtransportern in Krematorien transportiert.

Das alles hat Isabel Bernat aus Hagen nicht miterlebt. Zu der Zeit war sie bereits wieder in Deutschland. „Begleitend zu meinem Fashion-Design-Studium habe ich von August 2019 bis März 2020 ein Auslandspraktikum in Rom absolviert“, erzählt die Hagenerin. Sie war dort im Studio eines großen italienischen Modehauses beschäftigt.

„Während zu Beginn des Jahres über Mailand als Corona-Hotspot berichtet wurde, wusste man sowohl in Rom als auch Zuhause noch nicht so recht mit dieser Nachricht umzugehen“, erinnert sie sich. Im März ging dann alles sehr schnell: „Ich wurde vorsichtshalber nach Hause geschickt, kurz bevor in Rom die Ausgangssperre ausgerufen wurde. Mein Praktikum nahm also ein sehr ungewöhnliches Ende.“

Nele Gimbel, Spanien

13. März: Spanien macht alles dicht. An diesem Abend rief Ministerpräsident Pedro Sánchez den staatlichen Alarmzustand aus, die dritthöchste der in der Verfassung vorgesehenen Notfallstufen. Polizisten auf den menschenleeren Straßen, Drohnen über den Dächern. Geschlossene Geschäfte, geschlossene Restaurants, geschlossene Unis, Ausgangssperre. Die Spanier können nur noch für die nötigsten­ Erledigungen nach draußen. Corona hat das Land im Griff. Auch die Stadt Córdoba. Die Hagenerin Nele Gimbel erlebt alles mit.

Am 18. März bricht Nele Gimbel ihr Auslandssemester ab: „Ich war hin und her gerissen, ob ich in Spanien bleiben soll oder zurück nach Hause fliege. Der Lockdown war nur für zwei Wochen angesagt und man wusste nicht, wie sich die Situation entwickelt. Auf einmal haben alle ihre Flüge nach Hause gebucht, selbst mein einheimischer Mitbewohner ist zu seinen Eltern aufs Land gefahren. Da war mir klar, dass ich mich sicherer fühle, wenn ich das ebenfalls tue.“

Aber alle Flüge nach NRW waren gestrichen. „Ich musste erst nach Eindhoven fliegen und dann von dort aus mit dem Auto nach Deutschland.“ Den Rest des Semesters absolvierte sie über Online-Kurse. Ein Auslandssemester, das sich die Hagenerin anders vorgestellt hatte. ,,Aber es war die richtige Entscheidung. Es war einfach nicht abzusehen, wie es vor Ort weitergeht und ich war froh, wieder in Deutschland zu sein“, sagt sie jetzt.

Florian Kramer, Italien

Florian Kramer absolviert seit August 2019 den „Master in Finance“ an der Università Bocconi in Mailand. „Nachdem die Unis in der Lombardei seit Ende Februar aufgrund der ersten Corona-Fälle in der Region geschlossen hatten, bin ich nun seit etwa einem Monat wieder zurück in Italien“, sagt der 23-Jährige.

Während das letzte Semester vollständig online abgehalten wurde, können die Studierenden dieses Semester wieder in die Uni gehen. Dabei sind alle in zwei Gruppen aufgeteilt, welche abwechselnd im Wochentakt in der Uni oder von zu Hause aus an Vorlesungen teilnehmen. Mittlerweile habe sich die Situation etwas entspannt, sagt der Hagener.

„Während die offiziellen Einschränkungen ziemlich gleich zu denen in Deutschland sind, nehmen die Leute privat Vorgaben wie die Maskenpflicht deutlich ernster. Verständlich“, so der Student. Er wird das kommende Jahr im Ausland verbringen, will die Möglichkeit der Online-Vorlesungen nutzen.

Joscha Geister, Dänemark

Seit Ende August absolviert Joscha Geister an der „University of Southern Denmark“ in Odense sein Masterstudium im Bereich „Business Administration“. „Zu Beginn des Semesters konnten sich alle Studenten kostenlos auf dem Campus der Universität auf Corona testen lassen und auch in der Stadt gibt es weiterhin kostenlose Testzentren“, sagt der Hagener.

„Dennoch finden die meisten meiner Kurse im Moment online statt, wobei einige Professoren auf ,Hybride-Systeme’ setzen, sodass man zum Beispiel jede zweite Woche in einer kleinen Gruppe persönlich am Unterricht teilnehmen kann.“

Zudem seien kleine Lerngruppen arrangiert worden, um Kommilitonen außerhalb des Unterrichts kennenzulernen und besser Anschluss an der Universität und in der Stadt zu finden. „Erleichtert wurde mir der Anschluss auch durch meine recht große und internationale WG.“

Kneipen- und Restaurantbesuche waren in Odense zunächst ohne Einschränkungen möglich; „und auch eine Maskenpflicht gab es lediglich im öffentlichen Nahverkehr“, erinnert sich Joscha Geister. Aufgrund der steigenden Fallzahlen in Dänemark hat die Regierung allerdings­ die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie verschärft. „Beispielsweise wurde die Maskenpflicht ausgeweitet und Restaurants sowie Bars müssen nun landesweit um 22 Uhr schließen“, sagt der Hagener, der noch bis 2022 in Odense studieren wird.

Damian Ternka, Polen

Geplant war ein Auslandssemester von September bis Februar in Danzig, an einer Partner-Universität von der Fachhochschule Dortmund. Damian Ternka wollte dort verschiedenste Module belegen, um seinen Studiengang „International Business“ zu ergänzen.

Sprachkenntnisse verbessern, eine neue Kultur kennenlernen. Aufgrund der aktuellen Lage entschied er sich dafür, sein Auslandssemester zu verschieben.

Denn der eigentliche Sinn eines Auslandssemesters, nämlich Kultur und Sprache direkt vor Ort zu lernen, wäre verloren gegangen: „Es hätten größtenteils Online-Vorlesungen stattgefunden und ich hatte keine Lust, die Miete für ein Studentenwohnheim zu bezahlen, wo ich nur drinnen sitze, wenn ich das Ganze auch in Hagen machen kann. Außerdem macht man ja ein Auslandssemester aus einem kulturellen Aspekt und um Leute kennen zu lernen.“

Damian Ternka will jetzt abwarten, bis sich die Lage entspannt. Sein Auslandssemester ist verschoben, auf unbestimmte Zeit.

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