Serie: Bei uns ums Eck

Hagen-Haspe: Zähes Ringen ums Einkaufen auf den Hügeln

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Ladenstrukturen gibt es an der Spielbrinkstraße im Westen von Hagen traditionell schon seit Jahren. Bezirksbürgermeister Horst Wisotzki gibt die Hoffnung nicht auf, dass hier auch ein Lebensmittelmarkt wieder möglich sein könnte.

Ladenstrukturen gibt es an der Spielbrinkstraße im Westen von Hagen traditionell schon seit Jahren. Bezirksbürgermeister Horst Wisotzki gibt die Hoffnung nicht auf, dass hier auch ein Lebensmittelmarkt wieder möglich sein könnte.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Haspe.  Die Rückkehr der Lebensmittelhändler in die Hasper Wohnquartiere ist schwierig. Doch die Politik im Westen von Hagen bleibt an dem Thema dran.

Dass es ein besonders ehrgeiziges Projekt sein werde, die schleichend verschwundene Nahversorgung mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs in den Hasper Wohnquartieren wiederzubeleben, ahnte Horst Wisotzki (SPD) bei seiner Amtsübernahme im vergangenen Jahr bereits. Doch der Bezirksbürgermeister des Hagener Westens bringt den notwendigen langen Atem mit, bei ersten Rückschlägen nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen.

Noch in diesem Jahr, so die im Mai von der Bezirksvertretung formulierte Forderung, soll ein Bericht von Verwaltung und Wirtschaftsförderung präsentiert werden, der die Chancen von Lebensmittelbringdiensten oder rollenden Supermärkten auslotet, falls die gezielte Rückansiedlung von Tante-Emma-Läden auf den sieben Hasper Hügeln scheitern sollte. „Ich bin sehr gespannt, was uns da präsentiert wird“, erwartet Wisotzki nach einem halben Jahr Bearbeitungszeit richtungsweisende Signale, wie man sich im Rathaus die Daseinsvorsorge der Bevölkerung in den vielen kleinen Wohnquartieren der Stadt perspektivisch vorstellt.

Gemeint sind aus Hasper Sicht der Spielbrink, Baukloh, Geweke, Gelling, Hestert, Kipper und Quambusch. Dort lebt zusammen mit Höxterstraße und Tücking zwar das Gros der Menschen des Stadtbezirks, aber die Discounter und Vollsortimenter konzentrieren sich allesamt im Tal der Ennepe. Symptomatisch für diese Entwicklung war zuletzt die Eröffnung des Einzelhandelszentrums auf der einstigen Brandt-Brache, das dem ohnehin schon wackeligen Netto-Markt am Quambusch den Todesstoß versetzte.

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Wer dort seinen täglichen Bedarf an Obst und Gemüse, Milchprodukten, Fertiggerichten, Konserven, Hygieneartikeln oder auch Tiefkühlprodukten decken möchte, muss sich seitdem auf den Weg machen. Per Auto oder per Bus – zu Fuß lässt sich die Versorgung mit Hilfe der letzten Kioske an der Ecke kaum decken.

Mit Nahversorgern verschwindet Lebensqualität

Natürlich ist dies nicht bloß ein Hasper Phänomen: Die wirtschaftlichen Konzentrationsprozesse im deutschen Einzelhandel führen allerorten zu einem Rückzug aus der Fläche, die Wege zu den Supermarktkassen werden immer länger. Mit erheblichen Folgen für die Lebensqualität in den gewachsenen Vierteln: Denn mit den Nahversorgern verschwinden auch die Treffpunkte um die Ecke und somit der soziale Austausch unter den Menschen, die sich früher noch zu Fuß auf den Weg durch ihre Straßen zum Kaufmann machten.

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„Vor allem die älteren Menschen vermissen diese Begegnungen sehr“, weiß Wisotzki, dass es diesen nicht bloß an Mobilität, sondern häufig vor allem auch am Miteinander und direkter Kommunikation fehlt – nicht bloß in Corona-Zeiten. Häufig wird von den Senioren der wöchentliche Großeinkauf von früher bewusst auf mehrere kleinere Einkäufe über die Woche verteilt – da muss weniger geschleppt und kann häufiger ein Schwätzchen gehalten werden, wenn es denn den Laden im Quartier noch gäbe. „Was in ländlichen Räumen der so geschätzte Dorf-Krämer, ist in den Stadtteilen der Tante-Emma-Laden um die Ecke“, möchte der Hasper Bezirksbürgermeister diese für die Lebensqualität und auch Integrationsfähigkeit der Quartiere so wichtigen Anlaufstellen zurückholen.

Quambusch: Interesse am Netto-Markt bleibt

So auch am Quambusch, wo der Hasper Kaufmann Baki Yalcin – unter anderem moderiert durch Wisotzki – gerne das 800-Quadratmeter-Ladenlokal (ehemals Netto) an der Louise-Märcker-Straße übernommen hätte. Die monatelangen Gespräche mit dem Vermieter und der Stadt über Mietzins und Stellplätze waren in diesem Jahr bereits weit gediehen, als die Verhandlungen letztlich aufgrund atmosphärischer Irritationen auf der Zielgeraden platzten und jetzt sogar gerichtliche Auseinandersetzungen drohen.

Eine Entwicklung, die der 28-Jährige in der Rückschau durchaus bedauert: „Ich habe in emotionalen Momenten sicherlich auch nicht immer den richtigen Ton gefunden“, vermisste er in den Vertragsgesprächen die gebotene Professionalität. „Ich habe an dem Standort allerdings weiterhin Interesse“, hofft Yalcin dennoch auf ein Happyend, das nach dem Eklat vermutlich durch einen Dritten geschmiedet werden müsste.

Ebenso für den Spielbrink hat der Hasper Bezirksbürgermeister noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass sich dort wieder ein kleiner Nahversorger ansiedeln könnte. Wisotzki blickt dabei vorzugsweise auf die Ladenzeile an der Spielbrinkstraße, wo einst auch ein Schlecker-Drogeriemarkt als wichtige Anlaufstelle für die Menschen galt. Zum Wegbereiter könnte dabei der Hagener Immobilienkaufmann Udo Krollmann werden, der dort nicht bloß in das Hochhaus investiert hat. Auf Anfrage der Stadtredaktion signalisiert der Geschäftsmann seine grundsätzliche Bereitschaft, die mögliche Rückkehr eines Lebensmittelanbieters dort konstruktiv begleiten zu wollen.

Rollende Supermärkte für Haspe

Dabei ist Wisotzki natürlich nicht so naiv zu glauben, dass dies auf sämtlichen Hasper Hügel gelingen kann. Allerdings könnte er sich als Alternative auch mobile Lösungen vorstellen. „In Holland oder auch dem Münsterland sind rollende Supermärkte längst eine Realität“, hofft er, dass sich für solch eine Konzeptidee in Haspe ein interessierter Partner finden lässt. Dabei denkt der Bezirksbürgermeister an feste Haltepunkte, die ein solches Versorgungsfahrzeug nach einem verlässlichen Fahrplan mindestens einmal pro Woche ansteuert, um die Menschen zumindest mit dem Notwendigsten zu versorgen. Gleichzeitig könnten an diesen zentralen Anlaufstellen auch Sitzgelegenheiten entstehen, um dort auch zwischenmenschliche Kontakte zu pflegen – sprich mal ein Schwätzchen zu halten.

Skepsis formulierte allerdings zuletzt Wisotzkis Stellvertreterin Nicole Schneidmüller-Gaiser mit Blick auf ihre Geweke-Erfahrungen, ob Bringdienste als Nahversorger das geeignete Mittel der Wahl seien. So seien das Angebot eines Brotwagens sowie eines Eier- und Milchprodukte-Lieferanten dort zuletzt mangels Interesses eingeschlafen. Und auch während des Pandemie-Lockdowns seien die Senioren-Einkaufsangebote der Kirchengemeinden lediglich auf überschaubare Resonanz gestoßen. Welche Chancen sich hier tatsächlich eröffnen, wird die Stadtverwaltung auf Wunsch der Hasper Bezirksvertretung durch fundierte Fakten unterfüttert erläutern. Die Nahversorgung der Menschen auf den sieben Hasper Hügeln bleibt eben ein Langzeitthema.

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