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Hagen: In Coronakrise entsteht Zeitung aus dem Homeoffice

Einsam in einer sonst so belebten Stadtredaktion Hagen: Redakteur Martin Weiske vermisst die Kollegen.

Einsam in einer sonst so belebten Stadtredaktion Hagen: Redakteur Martin Weiske vermisst die Kollegen.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.  In der Coronakrise eine Zeitung zu machen und eine Internetseite zu befüllen ist anders. Das erlebt gerade die WP-Stadtredaktion Hagen.

Manchmal ist es in diesen Tagen auch für uns ein kleines Wunder. Wir gehen wie an jedem anderen Morgen zum Briefkasten, öffnen und ziehen die Zeitung heraus. Eine Zeitung, die äußerlich all jenen so sehr ähnelt, die wir in den letzten Jahren erstellt haben. Die aber auf eine ganz andere Art entstanden ist. Wir schreiben, wir konferieren, wir stellen Texte ins Internet – all das passiert, ohne dass wir, die wir jeden Tag gemeinsam an der Lokalausgabe Hagen arbeiten, an einem Ort zusammenkommen. Das hier ist die Geschichte über einen außergewöhnlichen Redaktionsalltag, den so vor zwei Wochen wohl niemand für möglich gehalten hätte.

9.22 Uhr: Laptop aufklappen, hochfahren. Noch mal kurz einen Blick ins Kinderzimmer. Sind da tatsächlich alle an den Schulaufgaben, die sie erledigen sollen...? Jens Stubbe wählt sich über einen speziellen Server ins Redaktionssystem ein. Theoretisch kann man von jedem beliebigen Ort auf die Zeitungsseiten zugreifen. Verrückte Welt.

9.45 Uhr: Erste Absprache mit Martin Weiske, der mit Assistentin Bianca Montesanto die Stellung in der Stadtredaktion an der Schürmannstraße hält. Beide in unterschiedlichen Räumen, weit entfernt voneinander. Wie viele Zeitungsseiten haben wir für Dienstag? Gibt es Anzeigen? Wie ist die Nachrichtenlage?

Redaktionsnummern auf Handys umgeleitet

10.11 Uhr: Die Redaktionsnummern sind umgeleitet. Das Handy bimmelt: „Stubbe, Westfalenpost.“ Eigenartig: Stubbe, Westfalenpost, sitzt im eigenen Wohnzimmer. Dem Rest der Familie gehen Konferenzen, Dauertelefonate und die Blockade des Esstisches auf den Senkel. Der Familienrat hat getagt. Ergebnis: Stubbe muss in den Keller. Ab morgen.

10.55 Uhr: Eigentlich wäre Marcel Krombusch auf dem Weg Richtung Donnerkuhle. Bericht über das Naturprojekt einer Hohenlimburger Schulklasse. Verschoben auf den Sommer. Alternativ muss er mit dem Blick aus dem heimischen Fenster vorlieb nehmen, um die Natur zu genießen.

11 Uhr: Erste Konferenz. Eigentlich treffen wir uns an einem Stehtisch, blicken auf die aktuelle Zeitungsausgabe, darauf, wie viele Menschen welchen Artikel im Netz gelesen haben, gucken auf die Planung für den nächsten Tag. Eigentlich: Jetzt gehen wir via Smartphone in eine Telefonkonferenz, deren Kapazität die Technik begrenzt. Drei müssen draußen bleiben.

Digitale Nachrichten an den Blattmacher

11.37 Uhr: Nachricht an Blattmacher Manfred Böckmann – per digitaler Nachricht. Was kommt auf welche Seite, wohin soll eigentlich diese Geschichte hier. Welche Themen gibt es in Hagen die überregional interessieren könnten.

11.47 Uhr: Unter dem Motto #Hagenliefert haben sich Einzelhändler zusammengeschlossen. Gute Nachricht. Der Artikel geht online, wird kurze Zeit später bei Facebook gepostet und führt nach wenigen Minuten die Rangliste der bestgelesenen Artikel an.

12 Uhr: Jens Stubbe steckt in der nächsten Konferenz. Videoschaltung der Redaktionsleiter mit der Chefredaktion. Wie ist die Lage bei den anderen? Gibt es Probleme? Kurzer Austausch. 24 Minuten rum.

Fototermin vor der eigenen Haustür

12.28 Uhr: Mit zwei Smartphones zu hantieren, ist für Redakteurin Yvonne Hinz nervig. Vor allem, wenn beide Handys zeitgleich den „Stromsparmodus“ einschalten. Aber die meisten Telefonnummern ihrer Gesprächspartner sind nun mal im Privatgerät gespeichert.

12.37 Uhr: Es klingelt in Breckerfeld. Fotoredakteur Michael Kleinrensing steht vor der Haustür. Ein Teil seines Tagwerks: alle Kollegen für diese Seite ablichten. Schnell passiert.

12.51 Uhr: Es herrscht gespenstische Ruhe in den Räumen der Stadtredaktion, wo nur Martin Weiske sitzt. Er vermisst die Kollegen...

Nur ein Termin an diesem Tag: Neuer Lebensmittelladen

13.00 Uhr: Der Kalender ist leer. Einziger Termin: Eröffnung des Lebensmittelladens an der Frankfurter Straße. Volontärin Sophie Beckmann ist vor Ort. Im Eko-Markt sind alle fleißig. Die Regale sind schon prall gefüllt. Neueröffnung am Donnerstag.

13.38 Uhr: Kurze Absprache mit Grafikerin Manuela Nossutta – ebenfalls digital. Die Grafik für die Lokalseite muss angepasst werden.

15.01 Uhr: Zeit für Recherche. Was empfehlen Hagens Spieleerfinder gegen die Langeweile...

Kommentar zur Schnellbuslinie

15.35 Uhr: Wer schreibt eigentlich diesen Text. Stubbe macht’s. Und irgendwie alle ein kleines Stück.

16.03 Uhr: Der Kommentar auf Seite 1 ist noch offen. Schnellbus zur Uni in Dortmund – Mike Fiebig, der von Außenstandort Hohenlimburg Zugriff auf das komplette System hat, hat eine Meinung.

16.30 Uhr: Nächste Telefonkonferenz. Wie weit ist welche Seite? Wer kann gegenlesen? Wer setzt welchen Text wann ins Internet? Die Restarbeit konzentriert sich auf drei Redakteure. Würde jeder gleichzeitig von Zuhause direkt auf den Zeitungsseiten arbeiten und Artikel im Netz veröffentlichen, würde das die Leitungskapazitäten sprengen.

17.03 Uhr: Eine Zeitungsseite ist endlich. Text und Bilder passen nicht auf Seite 3. Manfred Böckmann – bitte übernehmen.

Gegenlesen am Ende des Redaktionstags

17.35 Uhr: Die Texte werden noch einmal gegengelesen. Trotzdem ärgern wir uns immer wieder morgens über Fehler.

18.03 Uhr: Dieser Text ist fertig. Bitte noch mal jemand drübergucken. Dann geht er noch am Abend online. Und morgen, was ja dann heute ist, steht er in der Zeitung, die wir ein bisschen ungläubig aus dem Briefkasten ziehen.

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