Lärm

Lärmkarten: Hagen ist die lauteste Stadt im Ruhrgebiet

Besonders unbeliebt bei Städtern: Straßenlärm (Symbolbild).

Foto: Tobias Hase/Archiv

Besonders unbeliebt bei Städtern: Straßenlärm (Symbolbild). Foto: Tobias Hase/Archiv

Hagen.   Nirgendwo im Ruhrgebiet leiden die Menschen so unter Verkehrslärm wie in Hagen. Das ist das erschreckende Ergebnis des ersten RVR-Umweltberichts.

Nirgendwo im Ruhrgebiet leiden die Menschen derart unter Verkehrslärm wie in Hagen.

Das ist eines der Ergebnisse des ersten Umweltberichts des Regionalverbands Ruhr (RVR). Demnach sind in Hagen 46 673 Menschen täglich einer Belastung ausgesetzt, die oberhalb von 65 db(A) liegt. Ein Staubsauger beispielsweise verursacht 70 db(A), ein Auto 75 db(A), ein startender Düsenjet 140 db(A). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt einen Zielwert von 50 db(A) an, um „störende Belastungen“ zu verhindern.

Hagen liegt weit vor Dortmund

Mit dem Ergebnis, das Wissenschaftler des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie im Auftrag des RVR ermittelt haben, liegt Hagen absolut gesehen weit vor Städten wie Dortmund (32 472 Menschen), Duisburg (32 100 Menschen) oder Bochum (26 900 Menschen).

Lediglich in ­Essen, das ja von der Autobahn 40 durchschnitten wird, leiden laut Studie 70 455 Einwohner unter starkem Lärm. Allerdings hat die größte Stadt des Ruhrgebiets mit mehr als 560 000 auch fast dreimal so viel Einwohner wie Hagen.

Lärm, so heißt es in den Ausführungen der Wuppertaler Experten, sei eines der größten Umwelt- und Gesundheitsprobleme. Der Zusammenhang zwischen Lärm und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einschließlich Herzinfarkt sei deutlich belegt. Die Frage sei nicht mehr, ob Lärm krank mache, sondern in welchem Umfang.

Betroffen sind laut Studie insbesondere Menschen mit geringerem Einkommen. Sie, so heißt es weiter, wohnen wegen der niedrigeren Mieten an den Hauptverkehrsstraßen. Und der Straßenverkehr sei neben dem auf der Schiene die Hauptlärmquelle.

> Umweltbericht 2017
> NRW-Umweltbericht 2016
> Interaktive Lärmkarte

Um Maßnahmen betteln

Grünen-Politikerin Hildegund Kingreen, die für ihre Partei im Umweltausschuss sitzt und sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt, wundert das Ergebnis der Expertise nicht: „Wir sind von Autobahnen eingekreist“, sagt sie, „und das bringt neben dem Lärm ein weiteres Pro­blem: Als Kommune sind wir an dieser Stelle nicht handlungsfähig. Wir können immer nur um Maßnahmen betteln.“

Maßnahmen ergreifen kann aber auch die Kommune: „Unser Verkehrsverhalten muss sich grundsätzlich ändern“, sagt Kingreen, „wir brauchen mehr E-Autos, mehr Fahrräder und mehr Öffentlichen Personennahverkehr.“

Innenstadtring im Fokus

Themen, die auch Werner König (SPD) von der Tagesordnung des Umweltausschusses zu genüge kennt. „Wir müssen aber auch genau gucken, wo wir Wohnen überhaupt noch zulassen wollen“, sagt der Ratsherr und hat dabei den Innenstadtring ebenso im Fokus wie die Hauptverkehrsachsen. „An der vielbefahrenen Eckeseyer Straße leben Menschen. Das sind Themen, die wir angehen müssen. Aber angesichts der finanziellen Lage stoßen wir bei vielen Projekten an Grenzen.“

Auch Jörg Klepper, Sprecher der CDU im Umweltausschuss, sieht angesichts der Zahlen Handlungsbedarf: „Wir müssen uns des Themas annehmen.“

Dass das Thema Lärm bislang „stiefmütterlich“ behandelt worden sei, meint Hans-Georg Panzer (Grüne), Vorsitzender des Umweltausschusses. Immer wieder würden auch neue Wohnprojekte genehmigt, die eigentlich gar nicht entstehen dürften. Dabei hat er unter anderem das seniorgengerechte Wohnen der Caritas am Köhlerweg im Auge. Der Neubau ist in Nähe der Autobahn 45 entstanden.

>>> KOMMENTAR VON JENS STUBBE

  • Das Schadstoffproblem lastet auf der Stadt. Und jetzt auch noch der Lärm. Beides macht ­Menschen krank und verkürzt die Lebenserwartung. Beides hat mit­einander zu tun. Und beides hat einen Verursacher: den motorisierten Verkehr.


    Dabei spielt die Hagener Tallage eine wesentliche Rolle. Auch Autobahnen, die in Zeiten gebaut wurden, als an Dauerstaus und hohes Auto- und Lkw-Aufkommen noch niemand dachte, haben gravierenden Einfluss. Einen Rückbau wird trotzdem niemand ernsthaft erwägen.


    Aber es gibt Felder, auf denen die Stadt aktiv werden muss. Da ist zuerst der öffentliche Personennahverkehr zu nennen. Das Angebot ist in den letzten Jahren so zusammengestrichen worden, dass ein Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn offenbar keine Alternative ist. Hinzu kommt ein Preissystem, das dazu führt, dass es teilweise günstiger ist, zu mehreren ein Taxi zu teilen, als für eine Fahrt mit dem ÖPNV ein Ticket im Bus zu lösen.


  • Hagen (und die anderen Kommunen im Ruhrgebiet) brauchen einen attraktiven, günstigen oder gar kostenlosen Nahverkehr, der weder an einer Stadtgrenze noch in den frühen Abendstunden endet.

  • Daneben ist es nicht hinnehmbar, dass Menschen im 21. Jahrhundert am Märkischen Ring oder an der Eckeseyer Straße wohnen, weil sie sich anderen Wohnraum nicht leisten können. Ein Leben unmittelbar an den Hauptverkehrsachsen, die von immer mehr Lkw befahren werden, ist niemandem zuzumuten.
  • Dieses Thema wollen sich die Hagener Stadtplaner vornehmen. Es wird allerhöchste Zeit.

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