Jahreshighlights

Hagen: Merkel und Stallone – Besuche und ihre Nebengeräusche

| Lesedauer: 7 Minuten
Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zu Besuch in Hagen Anfang September. In Priorei machten sie sich ein Bild vom Wiederaufbau nach der Flut.

Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zu Besuch in Hagen Anfang September. In Priorei machten sie sich ein Bild vom Wiederaufbau nach der Flut.

Foto: Mike Fiebig

Hagen.  Ihre Besuche waren Highlights: Hintergründe, die vom Halt von Angela Merkel und Sylvester Stallone in Hagen bislang nicht veröffentlicht wurden.

Nun ja, aus Sicht jener Kollegen meiner Zunft, die an diesen beiden Tagen um mich herumschwirrten, bin ich vermutlich sowas wie der Provinzschreiberling. Der, der über Karnickelzuchtschauen und Grünkohlessen schreibt und Gefahr läuft, die Orientierung zu verlieren, sobald er das Hagener Stadtgebiet verlässt. Vermutlich sogar Angst hat, herunterzufallen, weil die Welt hinter dem Ortsausgangsschild zu Ende sein könnte. Das war so, als Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel am 5. September Hagener Boden betrat. Und auch, als Sylvester Stallone dies am 3. Dezember tat. Das Bemerkenswerte an diesen beiden Begegnungen lag nicht darin, plötzlich vor zwei derart weltbekannten Menschen zu stehen, sondern im Drumherum.

Es sieht aus als wäre nichts gewesen

Neulich fuhr ich wieder an der Osemundstraße in Priorei vorbei. Es wirkt, als wäre nichts gewesen. Als hätte niemals die Hochwasserkatastrophe vom 14. Juli den Epscheider Bach so ansteigen lassen, dass er die Osemundstraße in der Kurve vor dem Haus Nummer 22 unterspülte und wegriss. Nur knapp sieben Wochen später war die damals noch regierende Bundeskanzlerin Angela Merkel genau hier aus einer schwarzen Limousine gestiegen, um sich anzusehen, wie schnell Wiederaufbau gehen kann. Da war der Bach mit einem Tunnel gezähmt und der Unterbau der Straße darüber wieder hergestellt worden. Vorher hatte Merkel in Schalksmühle Feuerwehrleute getroffen und später in Hagen eine Regionalkonferenz besucht.

Die Lokalpresse hatte man vergessen

Bundeskanzleramt und die NRW-Staatskanzlei (Merkels Hagen-Trip war von Kanzlerkandidat Armin Laschet begleitet worden) müssen die Lokalpresse wohl irgendwie vergessen haben. Sie war nicht vorgesehen. Stattdessen irgendwelche Reporter, die von unserer Stadt noch nie etwas gehört hatten und wohl auch nie wieder herkommen werden. Die sollten neben Merkel stehen und zuhören dürfen, wenn sie in Hagen-Priorei, einem 2300-Menschen-Dorf dieser Stadt, Flutschäden betrachtet und Anwohner trifft.

Wenig Emotionen, viel Terminstress

Wir wiesen selbstbewusst auf die Bedeutung lokaler Berichterstattung hin und darauf, dass wohl niemand aus München, Hamburg oder Berlin besser weiß, was die Flut für die Menschen im Volmetal bedeutet hat. Die Hüter der Kanzlerin akkreditierten uns daraufhin.

Nun hätte man erstaunt sein können, einen Meter vor ihr zu stehen. Ihre Stimme zu hören, in ihre Augen zu sehen. Die Staats-, ach was Weltfrau, zu deren größtem gedanklichen Vermächtnis für mich ihre Rede 2019 vor den Studenten der Harvard-Universität gehört, die ich viele Male auf Youtube gehört habe, die für ihre Verhältnisse hochemotional ist und in der sie unter anderem sagt: „Was fest gefügt und unveränderlich scheint, das kann sich ändern.“ Und in der sie den Leitgedanken aussprach, Lügen nicht Wahrheiten zu nennen und Wahrheiten nicht Lügen.

Keine Zeit für Emotionen

An diesem Tag in Priorei war zwischen Bodyguards, Schreiberlingen und Assistenten keine Zeit für Emotionen. Merkel machte ein paar Mal die Raute, hörte mit konzentriertem Blick zu. Irgendwie erfrischender war es, als Regierungssprecher und Ex-ZDF-Nachrichten-Aushängeschild Steffen Seibert und ich uns fast umrempelten. Ein geschätzter Kollege, der die Seiten wechselte und nun sehr müde aussah. Armin Laschet wirkte gar so, als hätte er meine Rolle. Beobachtend, zuhörend, im Hintergrund. Er hätte lauter sein müssen.

Sie kam mir unglaublich vertraut vor

Ansonsten hatte ich mit Merkel meinen Eiffelturm-Moment, genau wie am 3. Dezember mit Sylvester Stallone. Als ich mit meiner Frau mal nach Paris fuhr, stellten wir uns vor den Eiffelturm und ich stellte fest, dass mich das nicht überwältigte. Ich hatte dieses Ding in Zeitungen, im Fernsehen, im Internet, auf dem Smartphone und auf Fotos so oft gesehen, dass es keine Magie der physischen Anwesenheit davor gab. Angela Merkel hatte ich gefühlt 16 Jahre jeden Tag gesehen. Nun stand sie da. Kein Zauber, kein Zittern. Irgendwie so, als wenn man Ratsmitglieder trifft. Oder leitende Beamte aus der Verwaltung.

Reflexartig gehen die Fäuste hoch

Bei US-Filmstar Sylvester Stallone, der Anfang Dezember im Osthaus-Museum seine Ausstellung „Best of Life“ eröffnete, war der Eiffelturm-Moment auch spürbar. Der Zauber lag vielmehr darin zu sehen, wie verdutzt die ganze Fachwelt und auch die Öffentlichkeit war, dass ein solcher Weltstar nach Hagen kommt. Ich fand ihn eloquent, aber irgendwie auch super amerikanisch. Fast reflexartig erhebt er bei Fotos manchmal die Faust wie zwei Schwergewichtler beim Ablichten nach dem Wiegen. Er, der eigentlich nicht auf Rocky reduziert werden, sondern als Künstler wahrgenommen werden will. Was in Hagen absolut gelang und der Stadt, man glaubt es kaum, positive Berichterstattung bescherte.

Hinter Rocky steckt der sensible Künstler

Übrigens: Im Gegensatz zum Kanzleramt hatte Stallones Agentur sehr wohl ein Gespür dafür, dass gerade lokale Berichterstattung immens wichtig ist. Er ist zwar Sylvester Stallone, aber aus Übersee reisen die Interessierten nun nicht gerade in Scharen nach Hagen an, um seine Bilder zu sehen. Das müssen schon noch die Sauerländer, die Siegerländer oder die Rheinländer machen. Sie müssen das Museum ohnehin mehr wahrnehmen.

Die Rambo-Keule zu Weihnachten

Als an den Weihnachtsfeiertagen irgendein Privatsender die Rambo-Keule schwang und das nicht gerade sprachgewaltige Werk mehrteilig präsentierte, musste ich schmunzeln. Hinter dem oberkörperfreien Haudrauf und Schießweg steckt ein sensibler Künstler, der sich auch mit der eigenen ablaufenden Uhr, dem Zahn der Zeit, beschäftigt. In Rambo II macht er körperlich aber so einen überpumpten Eindruck, dass der Zahn der Zeit vermutlich bibbernd hinterm nächsten Strauch auf die Zahnfee gewartet hat.

Die aufgeregte Assistentin

Der Mann, den ich am 3. Dezember im Osthaus-Museum sehen konnte, sah optisch eher in großer Würde gealtert aus. Irgendwie mit sich im Reinen. Einzig eine Assistentin, die Nicht-Promi-Kenner zunächst fälschlicherweise für seine Frau hielten, wirbelte immer etwas aufgeregt um ihn herum und machte Fotos. Social Media oder so. Die Fragen, die einige bundesweite Kunst-Experten meines Berufsstandes stellten, waren oberflächlicher als erwartet. Was egal war, denn Stallone war in Redelaune und musste nicht viel durch Fragen unterbrochen werden.

Die von uns im direkten Nachgang veröffentlichten Berichterstattungen darüber, wie wunderbar die Rocky-Illusion mit dem Stallone-Besuch zerplatzt ist und wo er aß, schlief und sich drei Tage in Hagen aufhielt, gehörten zu den meistgeklickten Artikeln des Jahres. Da kam Angela Merkel nicht ran.

Auch eine Botschaft . . .

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