Oper

Hagen: Oper Zar und Zimmermann spielt im digitalen Start-up

Gruß aus der Ökonische der Coworking Spaces: Richard van Gemert und der Opernchor in „Zar und Zimmermann“ in Hagen.

Gruß aus der Ökonische der Coworking Spaces: Richard van Gemert und der Opernchor in „Zar und Zimmermann“ in Hagen.

Foto: Klaus Lefebrve / Theater hagen

Hagen.  So geht Komödie heute: Das Theater Hagen verlegt die Spieloper „Zar und Zimmermann“ in die Welt der Coworking Spaces

Albert Lortzing war der erste Komponist, der den Begriff Kapitalismus auf die Bühne brachte. In Verbeugung vor seinem Schaffen macht das Theater Hagen Lortzings komische Oper „Zar und Zimmermann“ jetzt zu einem Abenteuer im Hyperraum der postkapitalistischen Bürokultur. Zwischen Coworking Space, Hot Desk und Betriebsyoga genießt das Publikum intelligente und sehr witzige Mikro-Milieustudien, für die es am Ende viel Beifall gibt. Die Inszenierung ist großartig, die Frage bleibt nur, ob eine ältere, analoge Zielgruppe die ganzen Anspielungen auch versteht.

Die alte Werft ist längst pleite. Das neue Start-up baut Kriegsschiffe für jeden, der bezahlen kann. Die Mitarbeiter heißen alle Peter und tragen T-Shirts der Tierschutzorganisation Peta, sie sind Arbeitsbienen des Postkapitalismus, während der aufgeblasene Bürgermeister („O ich bin klug und weise“) am Trump-Syndrom leidet. Regisseur Holger Potocki gelingt mit seiner Inszenierung und seiner neuen Textfassung eine vor Ideen nur so sprudelnde Übersetzung von Lortzings biedermeierlicher Verwechslungskomödie um den Zaren, der sich inkognito in Holland den Schiffsbau beibringen lässt. Lena Brexendorff baut dafür eine sensationelle sängerfreundliche Raumarchitektur, ein futuristisches Verwaltungsareal mit Coffeepoint und ZEN-Steingarten, wo die Mitarbeiterinnen auch im firmeneigenen Wellnessbereich am Netbook arbeiten, denn so individuell der Leisurelook der U-Boot-Designer sein mag, Sklaven sind sie alle.

Meister Yoda wird in Hagen zum Tablet Doktor

Die Mächtigen fädeln derweil im Jacuzzi ihre Deals ein, wo der Saunawärter auch der Tablet-Doktor ist. Dieses IT-Genie nennt sich Meister Yoda und ist der längste Chorist des Hauses, was alle Star-Wars-Fans zu einem herzhaften Schmunzeln verführen dürfte (der originale Yoda ist 66 Zentimeter groß).

Der Bürgermeister lebt seine Phantasien in einem Frachtcontainer aus, der unter der Erde, unter Wasser und in der Luft nicht sicher ist vor den Guerillaattacken des Kommandos Zimmermann, das mit selbst gestrickten Fuchsmasken ein Ende der Rüstungsproduktion fordert. Da auch noch ein Industriespion im Werk vermutet wird, ein unehelicher Abkömmling des russischen Präsidenten, den der Geheimdienst unter dem Decknamen „Zar“ führt, hat der Bürgermeister zwei Probleme: Zar und Zimmermann.

Turbulente Massenszenen

Holger Potocki ist ein Spezialist für turbulente Massenszenen, daher wird die Inszenierung zum Abend des Chores, der spielfreudig und stimmschön zeigt, wie in der ökologischen Nische der nonterritorialen Büros eine eigene Angestellten-Population gedeihen kann.

Mit großem Charme spielt das Solistenteam darüber hinweg, dass der beliebte Bariton Kenneth Mattice, der Zar, erkrankt ist und tapfer die Premiere nicht im Stich lässt. Richard van Gemert beweist als eifersüchtiger Deserteur Peter Iwanow einmal mehr seine enorme künstlerische Wandlungsfähigkeit. Musa Nkuna besticht mit schönstem lyrischen Tenorglanz. Marie-Pierre Roy bezaubert als Marie mit fröhlichen Koloraturen, und Markus Jaursch singt den Bürgermeister mit kampfeslustigem Bass.

Diese Partie wäre natürlich die Paraderolle schlechthin für den gekündigten Hagener Bassbariton Rainer Zaun. „Zar und Zimmermann“ zeigt eben auch, was passiert, wenn man das Ensemble wegspart und hauptsächlich mit Gästen arbeitet, so wie es derzeit in Hagen der Fall ist. Fest am Haus sind nach dem Abschied von KS Marilyn Bennett nur noch drei Solisten. Die frühere innige Bindung des Publikums zu seinem Ensemble verwandelt sich zunehmend in Entfremdung.

Ehrenrettung für Lortzing

Kapellmeister Rodrigo Tomillo unternimmt mit den Hagener Philharmonikern eine Ehrenrettung des Komponisten Lortzing, der nur noch selten gespielt wird und fast ganz vergessen scheint. Dabei ist die Partitur luftig, farbstark und klangschön, muss aber, wie Tomillo das mit feinem Gespür für den musikalischen Puls zelebriert, auf den Punkt kommen, um zu funktionieren.

Albert Lortzing, der nicht in der sicheren Bürgerlichkeit anderer Romantiker aufwuchs, musste von Kindesbeinen an sein Geld auf der Bühne verdienen. Er brachte die politischen Ideale und Utopien des Vormärz in die Oper. Während die Theater von der Wertschöpfung seiner Werke profitierten, verhungerte der Komponist im Alter von nur 49 Jahren. Die hintersinnige Hagener Inszenierung hätte ihm gefallen. Karten und Termine: www.theaterhagen.de

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