Geschichte

Hagen: Schüler begeben sich auf die Spur von Deserteuren

Das Foto zeigt Karl Schreiber im Jahr 1925. Schreiber, der 1935 die Mittlere Reife abgelegt hatte und eigentlich das elterliche Geschäft übernehmen sollte, war mit Ausbruch des Krieges eingezogen worden. Er wurde mit dem Fallbeil 1943 in Halle hingerichtet.

Das Foto zeigt Karl Schreiber im Jahr 1925. Schreiber, der 1935 die Mittlere Reife abgelegt hatte und eigentlich das elterliche Geschäft übernehmen sollte, war mit Ausbruch des Krieges eingezogen worden. Er wurde mit dem Fallbeil 1943 in Halle hingerichtet.

Foto: Privat

Hagen.  Mit einer Zeitungsanzeige suchen Schüler nach Angehörigen von Hagener Deserteuren. Ihre Erkenntnisse wollen sie teilen.

Es ist eine Reise in die Vergangenheit, auf die sich die Schüler des Rahel-Varnhagen-Kollegs gemeinsam mit ihrem Lehrer Pablo Arias begeben haben. Eine spannenden Reise, weil sie auf einem Geschichtsunterricht beruht, der abseits von Büchern und Quellen im Internet stattfindet. Es ist eine Reise, auf der es nicht nur schöne Stationen gibt. Sondern vor allem traurige und tragische.

Mitten auf dieser Reise haben die Schüler eine Annonce in dieser Zeitung geschaltet. Zum Volkstrauertag, einem Tag, an dem der gefallenen Soldaten der Kriege gedacht wird, an dem aber jene, die sich geweigert haben, bewaffnet in den Krieg zu ziehen, vergessen werden. Mit dieser Anzeige haben die Schüler nach Angehörigen von Hagener Deserteuren gesucht. Es sind Menschen, die in etwa so alt waren, wie die Schüler des Geschichtskurses jetzt, als sie vor 75 Jahren und mehr ermordet wurden. Menschen wie Walter Maurer, wie Kurt Dräger, Eberhard Gläser, Heinz Kraft, Karl-Heinz Rocken, Gustav Schnitger oder Karl-Friedrich Schreiber.

 

Anna Asuchonosov zählt zu jenen Schülern, die die Anzeige gestaltet haben. „Aus einer Liste mit Namen haben wir jene ausgesucht, die nicht alltäglich klangen und bei denen wir uns Hoffnung gemacht haben, dass Hinterbliebene sich angesprochen fühlen könnten“, so die 23-Jährige, die Schülersprecherin am Varnhagen-Kolleg ist und im Juni ihr Abitur abgelegt hat.

Schüler finden Angehörige in Leipzig

Eine Idee, die über Umwege aufgeht. Zumindest im Fall von Karl-Friedrich Schreiber. Denn: Seine Familie hatte in Hagen einst einen bekannten Teppichladen. Ein ehemaliger Angestellter stieß auf die Anzeige. Der wiederum wusste, dass die Schwester des hingerichteten Deserteurs einen Klaus Troost geheiratet hatte, der den Laden nach dem Krieg noch einige Jahre weiterführte und dann nach Düsseldorf zog. „Per Internetrecherche haben wir Familie Troost ausfindig machen können“, sagt Pablo Arias. „Angehörige leben heute in Leipzig.“

Einer davon ist Dr. Axel Troost, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Mitbegründer der Partei Die Linke. „Durch die Familie Troost haben wir weitere Details über Karl-Friedrich Schreiber erhalten“, so Anna Asuchonosov. Schreiber, der 1935 die Mittlere Reife abgelegt hatte und eigentlich das elterliche Geschäft übernehmen sollte, war mit Ausbruch des Krieges eingezogen worden. Er wurde mit dem Fallbeil 1943 in Halle hingerichtet. „Den genauen Grund für die Hinrichtung wissen wir bis heute nicht. Aber oft waren es keine schwerwiegenden Verbrechen, die ein Todesurteil zur Folge hatten“, sagt Pablo Arias.

Urne des Ermordeten nach Hagen überführt

Was die Schüler herausgefunden haben: Die Familie durfte damals keine Todesanzeige veröffentlichen. „Über Umwege war es ihr gelungen, Kontakt zu einem Anstaltspfarrer zu bekommen, über den sie an wenige Informationen zur Hinrichtung kamen“, so Arias. „Immerhin konnte die Urne des Ermordeten drei Jahre nach dem Krieg nach Hagen überführt werden. Karl-Friedrich Schreiber wurde in einem Familiengrab auf dem Remberg beigesetzt.“

Publikation und Ausstellung geplant

Die Ergebnisse der Forschung der Hagener Schüler, die insgesamt die Namen von 50 hingerichteten Schülern durch die Suche in Archiven (unter anderem das Gefängnis Fort Zinna in Torgau in Sachsen) herausfanden, sollen noch in diesem Jahr in einer Publikation und in einer Ausstellung münden. „Es fügt sich langsam vieles zusammen“, sagt Schülersprecherin Anna Asuchonosov dazu und ergänzt: „Wir können ganze Biografien aufarbeiten und unsere Ergebnisse somit auch an andere Schüler weitergeben.“

Ergebnisse, die auf einem Geschichtsunterricht beruhen, der so anders ist als der, den Schüler vielfach erleben. „Es ist ein aktiver Geschichtsunterricht“, sagt Anna Asuchonosov, die einst das Hildegardis-Gymnasium besuchte und dann eine Baby-Pause einlegte, „und ich bin dankbar dafür, dass ich ihn in dieser Form miterleben darf.“

Der Geschichtskurs des Rahel-Varnhagen-Kolleg hatte zuletzt mit einer Todesanzeige an Nazi-Opfer Gerda Oberbeck aus Hagen erinnert, die 1939 an den Folgen einer Zwangssterilisierung starb.

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