Stadtmarketing

Hagen: Was macht eine Innenstadt lebendig?

| Lesedauer: 6 Minuten
Das Sommergespräch des Marketing-Clubs Südwestfalen startet mit einem Besuch des „M 12“ sowie einem kurzen Gang durch die Fußgängerzone.

Das Sommergespräch des Marketing-Clubs Südwestfalen startet mit einem Besuch des „M 12“ sowie einem kurzen Gang durch die Fußgängerzone.

Foto: Dirk Klüppel

Hagen.  Einzelne Straßenzüge und Quartiere sollen aufgewertet und das Sicherheitsgefühl der Bürger gestärkt werden. Was Experten noch empfehlen.

Fast alle Innenstädte sind von einem unfreiwilligen, rasanten Wandel betroffen – auch Hagen. Kunden shoppen immer häufiger online, auch große Kaufhäuser stecken in der Krise und inhabergeführte Fachgeschäfte sind kaum noch zu finden. Wie kann dem Trend der Verödung der Innenstadt entgegengewirkt werden?

Über diese Frage diskutierten jetzt auf Einladung des Marketing-Clubs Südwestfalen im Rahmen des jährlichen Sommergesprächs etwa 50 Experten, Unternehmer und Privatleute.

Eine zentrale Botschaft des Abends stammte von Christian Isenbeck, Geschäftsführer der Elbershallen: „Die Stadt muss machen - dieser Satz zieht heute nicht mehr. Mein Entrée muss ich als Ladenbetreiber selbst schön und sauber halten“, betonte Isenbeck mit fester Stimme.

Aber der Reihe nach: Die Diskussionsveranstaltung, die unter dem Motto „Vitalisierung der Innenstadt“ stand, startete im M 12. Dort, also in der Mittelstraße 12, hat sich das ehemalige WMF-Ladenlokal, das über Monate leer stand, mittlerweile in einen zentralen Treffpunkt verwandelt. Im Rahmen des „Sofortprogramms Innenstadt“ hat die Hagen-Wirtschaftsentwicklung (früher Hagen-Agentur) selbst eine Immobilie in der Mittelstraße angemietet, eben besagtes M 12, das sich über zwei Etagen erstreckt.

Im Erdgeschoss sind die Tourist-Information und eine Entdecker-Lounge ansässig, in der ersten Etage ein Co-Creation-Space.

Sofortprogramm Innenstadt

„Das ,Sofortprogramm Innenstadt‘ soll ein wirksames Instrument gegen Leerstände in der City sein. Die Stadt hat dabei eine Scharnierfunktion und vermittelt zwischen Immobilienbesitzern und potenziellen Neumietern“, erläuterte Kirsten Fischer, Prokuristin der Hagen-Wirtschaftsentwicklung.

Die Altmiete werde hierbei um 80 Prozent reduziert, der Eigentümer müsse bei dem Deal also mitspielen und auf einen Teil seiner früheren Miete verzichten. Existenzgründern und Leuten mit frischen Geschäftsideen soll durch das NRW-Förderprogramm ermöglicht werden, Ladenlokale anzumieten und Fuß zu fassen.

In der Mittelstraße wurden in den vergangenen Monaten dadurch gut ein Dutzend Leerstände behoben und einige Neueröffnungen konnten gefeiert werden.

Knackpunkt: Die Förderung endet im kommenden Jahr, sprich Ende 2023.

Nach dem Besuch des M 12 starteten die Teilnehmer des Sommergesprächs zu einem kurzen Bummel durch die Fußgängerzone, um schließlich in der „Elbers 800 Grad“-Bar zu diskutieren.

Dabei wurde die Frage aufgeworfen, ob gut gemanagte Innenstädte jemals sterben würden.

Die Antwort? Jein. Auf jeden Fall müsse es ein finanziell und personell gut ausgestattetes Stadtmarketing geben, welches vernünftig und effizient arbeiten könne.

Als wichtige Punkte, um Stadtentwicklung voran zu treiben, nannte Christian Isenbeck drei Punkte: Sauberkeit, Erreichbarkeit und Sicherheit. In puncto Sauberkeit mangele es in Hagen an vielen Stellen, und auch das wilde Plakatieren verschönere nicht gerade das Stadtbild. Ein vernünftiger ÖPNV sei wichtig, um die Bürger auch abends und an Wochenenden in die Innenstadt und wieder zurück zu befördern, außerdem ein gut ausgebautes Fahrradwegenetz. Und der Bereich Sicherheit der Bürger müsse stärker in den Fokus rücken.

Was Isenbeck außerdem betonte: „Eine Trinker- und Drogenszene gehört zu einer Großstadt dazu.“

Freizeitaktivitäten und Events müssen an Bedeutung gewinnen

Anja Schulte von City Lab Südwestfalen, einem Zusammenschluss von 25 Partnerkommunen, der gemeinsam erforscht, wie sich Citys entwickeln, unterstrich, dass stationärer Handel und Online-Handel parallel betrieben werden sollten, dass Einzelhandel, Stadt und Wirtschaftsförderung gemeinsam Strategien für eine lebendige Innenstadt verfolgen sollten und dass Freizeitaktivitäten und Events mehr an Bedeutung gewinnen müssten, „und auch vermeintliche Kleinigkeiten wie eine angebotenen Kinderbetreuung während eines Einkaufsbummels und eine praktische Gepäckaufbewahrung dürfen nicht unterschätzt werden“, mahnte Anja Schulte.

Ihren Ausführungen pflichtete Dr. Christopher Schmitt, neuer Geschäftsführer der Hagen-Wirtschaftsentwicklung, bei: „Der Online-Handel wird immer stärker und besser. Daher sollte der lokale Handel durch Events wie die ,Grüne Meile‘ mit Paletten-Sofa und DJ-Musik, das vor wenigen Wochen in Hagen erstmals veranstaltet wurde, sowie durch Wochen – oder Feierabendmärkte und Markthallenkonzepte mehr auf sich aufmerksam machen.

Schrumpfungsprozess nicht aufzuhalten

Alle Podiumsteilnehmer samt Moderator Prof. Dr. Ebbo Tücking waren sich darüber einig, dass ein Schrumpfungsprozess des stationären Handels nicht mehr aufzuhalten sei und eine City allein durch Geschäfte nicht mehr existieren könne, sondern vermehrt durch Gastronomie, Dienstleistungen und moderne Wohnkonzepte ergänzt werden müsse.

Christian Isenbeck brach eine Lanze für Hagens Galerien. „Besonders die Rathaus-Galerie, die ja im letzten Juli geflutet wurde, war ein Magnet.“ Allerdings sei das Einkaufsangebot in der ganzen City zu eingeschränkt und es herrsche ein Mangel an Fachgeschäften.

Isenbeck lobte Hagens Nachbarstädte Herdecke und Gevelsberg, denen es gelungen sei, eine gute Verbindung zwischen den Innenstädten und den neuen Zentren zu schaffen. „Und natürlich kommen auch Trend-Quartiere wie das Dortmunder Kreuzviertel oder Essen-Rüttenscheid bei Bewohnern und Kunden gut an, allerdings haben auch dort die Aufwertungsprozesse 25 Jahre gedauert.“

Die Diskutierenden waren sich einig darüber, dass es „kleine Städte in der großen Stadt“ geben solle, sprich, auf einzelne Straßenzüge besonderes Augenmerk gelegt werden solle (Beispiel Mittelstraße).

Kleine Hotspots entstehen lassen

Quartiersentwicklung sei genauso wichtig wie Stadtentwicklung, „ein guter Ansatz wäre es, kleine Hotspots entstehen zu lassen“, empfahl ein interessierter Gast. In Hagen seien allerdings nicht alle Straßen oder Viertel dazu geeignet, als Hotspots weiterentwickelt zu werden, befand Christian Isenbeck, „in der unteren Elbe zum Beispiel ist die Basarisierung schon zu weit fortgeschritten“.

Was die Veranstaltung gebracht hat? Die am Abend diskutierten Themen und Ansätze sollen künftig bei der (Innen-)Stadtentwicklung berücksichtigt werden.

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