Thalia

So baut Thalia in Hagen die Buchhandlung der Zukunft

Hagen.   In Hagen entscheidet sich, wie wir demnächst unsere Bücher kaufen. Die Buchhandelskette Thalia baut ihre Filiale der Zukunft. So sieht sie aus.

Wie funktioniert die Buchhandlung der Zukunft? Diese Frage will Thalia jetzt in Hagen beantworten. Der marktführende Filialist mit Sitz in Hagen macht die traditionsreiche Thalia-Buchhandlung in der Elberfelder Straße zum Pilot-Geschäft. Bis März gibt sich das Unternehmen Zeit, Kundenreaktionen und Verkaufserlöse auszuwerten. Sind diese positiv, sollen alle rund 270 Thalia-Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach dem neuen Modell umgestaltet werden.

Der inhabergeführte Buchhandel hat schon lange erkannt, dass man Krimis und Kochbücher nicht wie Käse verkaufen kann und mit Kaffeecken und Ähnlichem Begegnungsmöglichkeiten geschaffen. Doch bei den Filialisten musste bisher jeder Quadratmeter Umsatz erwirtschaften. Flächenproduktivität alleine reicht allerdings nicht mehr aus, um zu überleben. Immerhin hat die Branche in den vergangenen fünf Jahren 6,4 Millionen Leser verloren.

Keine Zeit mehr zum Lesen

„Wir stellen ja an uns selbst fest, wie wenig wir inzwischen lesen, und wir sind Buchhändler“, so beschreibt Thalia-Vertriebsgeschäftsführerin Agnes Wieland den Druck, unter dem die Branche steht. Internet und Smartphone fressen die Zeit, die sonst für das „gute Buch“ vorhanden war. „Noch nie gab es so viele verfügbare Informationen wie heute, und noch nie fühlten sich die Menschen so schlecht informiert“, begründet Michael Busch, der geschäftsführende Gesellschafter von Thalia, warum ein Umdenken notwendig ist. Tiefgang statt Scrollen, Klasse statt Masse, Geschichten statt Infohäppchen: Um die Deutschen wieder ans Lesen zu bringen, hat Thalia eine neue Markenphilosophie mit Kampagne entwickelt. Das Buchhandelskonzept ist ein Teil davon.

Die Buchhandlung soll zum kulturellen Treffpunkt werden und so einen Gegenakzent zur Verödung der Innenstädte setzen. Deshalb ist die Hagener Filiale nun hell und aufgeräumt, allenthalben gibt es Sitzgruppen zum Lesen und Plaudern. Im Erdgeschoss lädt zusätzlich ein Working-Space die Kunden ein, Laptops einzustöpseln oder das bereitstehende Lesegerät Tolino in die Hand zu nehmen.

Im Obergeschoss ist die Abteilung Familie aufgewertet worden, für Kinder gibt es eine großzügige Ecke zum Kuscheln und Spielen - digital wie physisch, und auch die Jugendlichen erhalten ihr Rückzugsrevier. Das beliebte Café ist keine düstere Höhle mehr, sondern rückt an die bodentiefen Fenster mit Premium-Ausblick auf die Fußgängerzone. Der benachbarte, etwas versteckte Lesebereich darf sich zum schönsten Sitzplatz Hagens zählen.

Diese Wohlfühl-Atmosphäre korrespondiert mit einer neuen Strategie, Bücher zu präsentieren. Hier hat sich Thalia bei digitalen Diensten wie Spotify das Prinzip der Kuratierung abgeschaut. Buchhändler und Prominente liefern künftig einen Leitfaden für die Wanderung durch den Bücherdschungel. Sebastian Fitzek und Hape Kerkeling stellen auf Thementischen ihre Lieblingsbücher vor. Weitere Thementische sind zum Beispiel dem „Tatort Deutschland“ gewidmet. Das ist alles mit flotten Sprüchen garniert wie „Denkt ans Sparen. Aber spart nicht am Denken.“

„Wir möchten schon auf den Tischen Geschichten erzählen, nicht nur die Bestseller präsentieren“, sagt Bereichsleiterin Andrea Geiger. „Wir haben festgestellt, dass die Kunden stark nach Verbundlektüre gehen, also nach Büchern zu einem bestimmten Themenkreis. Alles, was personalisiert ist, mögen die Kunden.“ Für Abenteuerlustige gibt es sogar Blind-Date-Titel, blickdicht verpackt und nur sparsam mit Hinweisen auf den Inhalt versehen. „Das kommt gut an“, so Geiger.

Kampagne sucht Verbündete

Kombiniert werden die Bücher mit ausgewählten Non-Book-Artikeln: Hochwertige Spiele, Papeterie und weitere Sortimente, die es nur bei Thalia gibt, weil das Unternehmen sie gezielt herstellen lässt.

Zur Eröffnung am Mittwochabend kam viel Prominenz aus der Verlagsbranche, dazu die Thalia-Gesellschafter Michael Busch, die Hagener Händlerfamilie Kreke, die Freiburger Verlegerfamilie Herder und der Berliner Digitalunternehmer Dr. Leif Göritz. Dazu Vertreter der Hagener Politik, angeführt von Oberbürgermeister Erik O. Schulz, und der NRW-Kulturszene. „Diese Eröffnung am Unternehmensstandort ist für uns wirklich etwas Besonderes“, betonte Michael Busch. „Das war eine Riesenanstrengung.“ Die Testfiliale in Hagen soll Vorreiter für alle anderen Buchhandlungen werden.

Um das Lesen wieder in der Gesellschaft zu verankern, hat Thalia im Herbst eine breite Initiative gestartet. Jetzt wirbt Busch für Bündnisse mit weiteren Buchhändlern. Das war schon einmal erfolgreich, als die Tolino-Allianz des deutschen Buchhandels dem Internetriesen Amazon das Monopol auf die elektronischen Lesegeräte streitig machen konnte.

Diese geballte Kompetenz soll künftig für eine neue und durchaus kritische Kultur der Auseinandersetzung mit Inhalten werben. Busch: „Die Bedeutung der Buchhandlung vor Ort wird zunehmen. Hagen ist der Prototyp der neuen Buchhandlung als Versuch einer Antwort.“

Zu den Neuerungen der Hagener Filiale gehört eine Abholstation. Die Kunden können ihre Bücher auf thalia.de bestellen und dann in einem Zeitraum von zwei Stunden bis zwei Tagen aus einer Abholstation vor der Filiale entnehmen. Dieses Modell erspart Wartezeiten an der Kasse im Laden, funktioniert sieben Tage in der Woche 24 Stunden lang und ist damit sozusagen der Kondomautomat für Lektürenotfälle. In Hagen wird nun getestet, ob dieser Service angenommen wird. Die Hagener Filiale gehört mit 1400 Quadratmetern zu den großen Flächen von Thalia. 33 Mitarbeiter kümmern sich um die Wünsche der Kunden. Das neue Konzept sieht mehr Lesungen und Aktionen vor. Info:

www.thalia.de

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