Tosca

Theater Hagen zeigt Oper Tosca als Psychoschocker

Veronika Haller als Tosca in Hagen

Foto: Klaus Lefebvre

Veronika Haller als Tosca in Hagen Foto: Klaus Lefebvre

Hagen.  Das Theater Hagen verortet Puccinis Oper „Tosca“ im eigenen Haus und erzählt die Geschichte als Psychoschocker. Wir verraten, warum das Publikum im Stehen applaudiert.

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Der Tatort ist das Theater Hagen selbst. Hinter den Kulissen lauert das Grauen. Hier ist die Diva wie in einer Endlosschleife in ihrer Rolle gefangen. Ausbrechen kann sie nicht, denn sie bedient eine Männerphantasie aus Sex und Gewalt. Puccinis Opernkracher „Tosca“ wird in Hagen zum Psychoschocker mit einem sehr schön aufeinander hörenden und bis in die Nebenrollen bestens besetzten Ensemble. Das Publikum feiert eine spannende Produktion mit langem Beifall im Stehen.

Räume der Angst

Puccinis „Tosca“ gehört zu den wenigen Opern, in denen Ort und Zeit exakt festgelegt sind. Die Handlung spielt am 17. und 18. Juni 1800 in Rom, und zwar in der Kirche Sant’Andrea della Valle und in der Engelsburg. Regisseur Roman Hovenbitzer und Bühnenbildner Hermann Feuchter brechen diese Zuweisung auf und legen Räume der Angst frei, die ebenfalls präzise lokalisiert sind: im Theater Hagen mit einer Milly-Steger-Figur als Madonna und einem Ratssaal, der mit fiesem Furnier getäfelt ist. Dabei verschieben und überlappen sich die Zeitebenen. Zu den symbolischen Requisiten in Hovenbitzers verrätselten Inszenierungen – und er hat in Hagen bereits viele hervorragende Deutungen gezeigt – gehören gerne Schmalfilmkameras, Plattenspieler und Projektoren, alles Instrumente einer analogen Epoche, mit denen sich Erinnerungen festhalten und abrufen lassen.

So ist auch Scarpia eine Geisel seiner eigenen Besessenheit von Tosca, der Oper und der Sängerin zugleich, die er immer wieder zur Wiederholung ihrer Fehlentscheidungen zwingt. Mit dem Malerpinsel dirigiert er ihre berühmte Arie Vissi d’arte mit, ganz der Opernfan und Connaisseur, und mit eben diesem Pinselgriff wird Tosca ihn töten.

Allerdings weist Hovenbitzers gut gearbeitete Inszenierung mindestens eine Umdrehung zu viel auf. Denn neben Kunstfreiheit, Terrorregime und Theater-im-Theater-Situation kommt die Religion ins Geschehen; Cavaradossis Folterung vollzieht sich vor dem Hintergrund eines auf den Kopf gestellten Bildes von Christus mit der Dornenkrone, das wie ein Selbstporträt anmutet, verhöhnen die Schergen dem Maler doch ebenfalls mit einer Dornenkrone. In dieser Simultanerzählung kann sich der Besucher durchaus verheddern.

Veronika Haller hat sich am Theater Hagen bestens herausgemacht und geht die Titelpartie der naiven, eifersüchtigen Floria Tosca mit weitgeschwungenen Sopranlinien an, die in der Höhe mitunter zu sehr geschärft sind, aber mit vielen Farben den Weg nachvollziehen, auf dem die Sängerin über die Grenze getrieben wird.

Karsten Mewes hat als echter „Dämonenbariton“ schon den Hagener Fliegenden Holländer zu einem abgründigen Helden entwickelt. Sein Scarpia ist ein eiskalter, dennoch leichtfüßiger Apparatschik mit großer und sehr wandlungsfähiger Stimme, für den Sex und Macht Synonyme sind, der aber in seiner Obsession für Tosca die eigene Todessehnsucht schon in sich trägt.

Rhythmus der Katastrophe

Auch Xavier Moreno kennt das Hagener Publikum bereits als Don Carlos in der gleichnamigen Verdi-Oper. Den Cavaradossi singt er mit edlen metallischen Glanzlichtern im strahlenden Tenor, der bei allem Volumen seine lyrische Flexibilität gleichwohl behält. Bass Rainer Zaun macht aus der kleinen Rolle des erfolglos pädophilen Mesners die punktgenaue Charakterstudie, wie ein Schwein auch eine arme Sau sein kann.

Generalmusikdirektor Joseph Trafton lässt in seinem Dirigat von Anfang an das Herzklopfen mitklingen, das den Totenmarsch-Rhythmus der Katastrophe bereits vorwegnimmt. Mit den Hagener Philharmonikern verwandelt er in vielen wuchtigen Aufschwüngen die Partitur in das klingende Psychogramm dieses Thrillers, spannend bis zum letzten Takt.

Ein gigantisches Kreuz dominiert die Szene. Es steht für die Passion des Malers und der Diva. Aber eigentlich steht es im Weg. Denn die Unausweichlichkeit der Katastrophe erschließt sich viel eher in den nüchternen Wänden von Scarpias Amtssitz, honeckerbraun getäfelt wie der frühere Ratssaal der Stadt Hagen, ein Ort von Macht, die stets missbraucht werden kann. Dort feiert Scarpia als schwarzgeflügelter Todesengel seine Auferstehung, und Tosca stürzt sich vom Dach. Aber nur in der Projektion. Das Spiel kann weitergehen.

www.theaterhagen.de

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