Automatensprengung

Hagener (62) stellt Bankräuber: „Volle Pulle hinten rein“

Nur noch Schrottwert hat der Ford von Hans-Jürgen Schmidt: Der Zeitungszusteller aus Hagen hat einen Bankräuber gestellt.

Nur noch Schrottwert hat der Ford von Hans-Jürgen Schmidt: Der Zeitungszusteller aus Hagen hat einen Bankräuber gestellt.

Foto: Alex Talash

Hagen.  Zeitungszusteller Hans-Jürgen Schmidt (62) ist ein Held. Er hat in Hagen einen Bankräuber mit seinem Auto gerammt. Jetzt blickt er zurück.

Angst? Nein. Dieses Wort scheint in seinem Sprachschatz nicht vorzukommen. Hans-Jürgen Schmidt, 63 Jahre alt, hat und hatte keine Angst. Damals nicht, als sich jener Mann, der täglich dafür sorgt, dass die WP im Hagener Norden pünktlich in den Briefkästen landet, in sein Auto gesetzt hat und das Fluchtfahrzeug einer internationalen Räuberbande mit voller Wucht gerammt hat. Und auch heute nicht, wenn er mit ein wenig Abstand diese unglaubliche Helden-Geschichte noch einmal erzählt.

Zusteller Hans-Jürgen Schmidt ist ein Held. Wenngleich er sich so nicht fühlt. Und weil das, was er da Ende April getan hat, ebenso außergewöhnlich wie mutig war und weil er gleichzeitig ein ganz wichtiger Teil der großen WP-Familie ist, hat Chefredakteur Jost Lübben den 63-Jährigen eingeladen. Auf einen Kaffee, auf ein paar Kekse, auf ein gutes, ein ganz besonderes Gespräch.

Der verrückteste Tag im Leben von Hans-Jürgen Schmidt

Ein Gespräch, bei dem der 24. April 2020, ein Freitag, der verrückteste Tag im Leben von Hans-Jürgen Schmidt, im Mittelpunkt steht. „Es war früh morgens, so um 4 Uhr. Ich war am Hilgenland mit Zeitungen unterwegs“, sagt jener Mann, der so leidenschaftlich gern Motorrad fährt, „da hörte ich plötzlich den Alarm.“

Schmidt blickt hinüber auf die andere Seite der Kreuzung, sieht dichten Rauch und denkt zunächst, dass es in der Bäckerei brennt. Dann wählt er den Notruf, aber niemand nimmt ab. Plötzlich ein lauter Knall. Und dem 63-Jährigen wird schlagartig bewusst, dass er Zeuge eines spektakulären Bankraubs wird.

Am Notruf nimmt keiner ab - also handelt der 62-Jährige

Wieder die 110, wieder keiner, der abnimmt. „Da habe ich nur gedacht: Du musst was tun“, sagt Schmidt, graue Jogginghose, kariertes Hemd, nippt an seinem Kaffee und lächelt. „Ich bin zu meinem Auto, bin über die Kreuzung direkt auf den Vorplatz der Bank, habe eine vermummte Person im Fluchtauto gesehen, habe noch einmal voll beschleunigt und bin in den Pkw hineingerauscht. Ich wollte den Räuber blockieren.“

Dem aber gelingt es trotzdem, sein Fahrzeug zu starten und loszurasen. Zwei weitere Täter flüchten zu Fuß. Hans-Jürgen Schmidt nimmt in seinem demolierten Ford Mondeo die Verfolgung des 400-PS-starken Audis auf. „Ich bin ja nicht so schnell. Aber als er am Kreisverkehr stoppen musste, bin ich ihm noch mal volle Pulle hinten rein. . .“

Auto hat nur noch Schrottwert

Auf der Dortmunder Straße sieht Hans-Jürgen Schmidt Blaulicht im Rückspiegel. Die Polizei verfolgt den Audi, der an der Auffahrt Hagen-Nord in Richtung Köln auf die A1 fährt und kann das Fahrzeug schließlich kurze Zeit später stoppen – allerdings nur, weil der Audi durch die beiden Unfälle so stark beschädigt ist, dass der Täter die Verfolger nicht abschütteln kann.

Doch während sich die dramatische Verfolgung auf der Autobahn abspielt, wird Schmidt am Straßenrand an einer Bushaltestelle angehalten. Zwei Polizisten fordern ihn auf, mit erhobenen Händen aus seinem Auto auszusteigen. „Die haben im ersten Moment geglaubt, ich gehöre zu der Räuberbande“, sagt der Zusteller. „Das hat ein bisschen gebraucht, bis ich das aufklären konnte. . .“

Auto hat nur noch Schrottwert

Hans-Jürgen Schmidt ist der Held. Sein Mondeo aber hat nur noch Schrottwert. „Ich hatte noch kurze Zeit vorher 1200 Euro in eine neue Kupplung investiert.“

Immerhin: Die Generali-Versicherung ist kulant, kommt in diesem besonderen Fall für den Schaden auf. Und die Deutsche Bank zahlt ihm obendrein eine Belohnung für seinen Einsatz.

Jeden Morgen um 3.30 Uhr verteilt er die Westfalenpost

Und Hans-Jürgen Schmidt? Der geht nach wie vor jeden Morgen um 3.30 Uhr aus dem Haus, um im Hagener Norden Zeitungen zu verteilen. „Man hört die Vögel“, sagt er. Und: „Ich genieße die frische Luft, ich genieße die Ruhe in der Dunkelheit.“

Furchtlos. Ganz ohne Angst.

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