Wirtschaft

Hagener Firma Zimmermann wird nach Großbrand neu aufgebaut

Horst-Dieter Zimmermann baut sein Unternehmen in Hagen-Vorhalle wieder auf.

Horst-Dieter Zimmermann baut sein Unternehmen in Hagen-Vorhalle wieder auf.

Foto: WP Michael Kleinrensing

Hagen-Vorhalle.   Die Firma Zimmermann Zerspanungstechnik GmbH in Hagen brannte am 10. Februar durch ein verheerendes Feuer im Industriegebiet Volmarsteiner Straße vollständig aus. Ursache war ein technischen Defekt in den benachbarten Lagerhallen des Möbelhauses Poco. Nun wird die Firma neu aufgebaut.

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Als sein Lebenswerk in Flammen aufging, hat Horst-Dieter Zimmermann 24 Stunden lang überlegt, ob er die Versicherungssumme nehmen und sich zur Ruhe setzen solle. Von seiner Lebensgeschichte her hätte das Sinn gemacht, er ist jetzt 55 und eigentlich zu alt, um von vorn anzufangen. Doch dann gewannen sein Verantwortungsgefühl und – wenn man so will – die Solidarität mit seinen Arbeitern die Oberhand: „Sie wären ohne Job gewesen. Ich habe an ihre Familien gedacht. Nein, habe ich da gesagt, du darfst nicht aufgeben. Du musst weitermachen.“

Maschinen, Papiere, das Firmenarchiv, sogar Personalausweis und Führerschein von Zimmermanns Frau Petra (54), die im Büro arbeitet, wurden ein Opfer der Flammen: „Autoschlüssel, Handy, Portemonnaie – alles musste ich zurücklassen. Es blieb keine Zeit, so schnell war das Feuer da.“

Zwar kam Gott sei Dank kein Mensch zu Schaden, doch in weniger als einer Stunde war die Firma vernichtet worden. Allein die 14 CNC-Maschinen besaßen einen Wert von 2 Millionen Euro. Horst-Dieter Zimmermann konnte keine Metallteile mehr bearbeiten lassen und keine Aufträge erfüllen, er besaß nicht mal mehr eine Halle, denn das ausgebrannte Gebäude war einsturzgefährdet und durfte nicht betreten werden. „Ich konnte erstmal keinen klaren Gedanken fassen.“

Und doch hat er weiter gemacht. Am Tag nach dem Feuer trommelte er seine Belegschaft zusammen und verkündete den 16 Mitarbeitern, dass das Unternehmen wieder aufgebaut werde. Er klapperte Lieferanten und Kunden ab, um ihnen von der Katastrophe zu berichten. Er fuhr zum Amt, um neue Ausweise, Fahrzeugbriefe und Führerscheine zu beantragen, er musste sein Familienbuch mitbringen, um zu beweisen, dass er Horst-Dieter Zimmermann war.

Mitte April lief wieder die erste Maschine

Er verhandelte mit der Versicherung. Er verkaufte die ausgebrannten Maschinen an einen Schrotthändler. Er beauftragte seine Mitarbeiter, jedes Werkzeug, das noch einigermaßen zu gebrauchen war, sandzubestrahlen und aufzuarbeiten. Er mietete unweit des alten Standortes eine neue Halle an. Mitte April lief dort wieder die erste Maschine – eine Drehbank, die er beim Hersteller in Spanien auf Abruf geordert hatte. Die Eheleute schufteten von früh bis spät und darüber hinaus: „Die Firma ist unser Zuhause“, sagt Petra Zimmermann: „Ich muss aufpassen, dass mein Mann sich nicht zu viel zumutet.“

Unternehmer gibt nicht auf und zieht mit Firma nach Wetter um 

Horst-Dieter Zimmermann ist ein hemdsärmeliger Unternehmer, der die Firma vor 20 Jahren selbst aufgebaut hat. Er lenkt das Unternehmen nicht von einem Ledersessel aus, er packt mit an. Er ist sein erster Arbeiter. 2009 geriet er in den Sog der Weltwirtschaftskrise und musste Insolvenz anmelden, er weiß also, wie es sich anfühlt, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Er kämpfte sich zurück. Diesmal habe er es sich einfacher vorgestellt, sagt er. Der viele Schriftverkehr, und hinter jeder Zahlung der Versicherung habe er herrennen müssen. Und von der Firma Poco, bei der das Feuer doch ausgebrochen sei, habe sich bis heute niemand bei ihm gemeldet, um sein Bedauern auszurücken oder auch nur eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken.

Aber Zimmermanns haben auch Zuspruch erfahren in dieser schweren Zeit. Die meisten Kunden sind der Firma treu geblieben und ordern wieder Aufträge, was nicht selbstverständlich ist in einer von Kosten- und Termindruck geprägten Branche. Offenbar kommt dem Betrieb jetzt zugute, dass er flexibel agiert und Qualität abgeliefert hat. „Unsere Geschäftspartner wissen, was sie an uns haben“, sagt Petra Zimmermann nicht ohne Stolz: „Wohl deshalb haben wir so viel Solidarität erfahren. Sonst machte der Neuanfang gar keinen Sinn.“ Immerhin laufen inzwischen wieder sechs CNC-Maschinen, gearbeitet wird jetzt in einer zusätzlichen Schicht. „Wir sind dem Boss natürlich dankbar, dass er uns nicht im Stich gelassen hat“, sagt Arbeiter Ulrich von Westernhagen (64): „In meinem Alter hätte ich doch nie einen neuen Job gefunden.“

Firma zieht nach Wetter um

Aus der neuen Halle muss die Firma bald hinaus, Zimmermann wird mit dem Unternehmen nach Wetter ziehen. Seine Frau hat festgelegt, dass sie beide danach eine Woche mit dem Wohnmobil verreisen – egal wohin. Sie muss aufpassen, sonst arbeitet er sich noch kaputt. „Ich kann nicht abschätzen, ob wir es schaffen mit der Firma“, sagt Horst-Dieter Zimmermann. „Aber die Talsohle haben wir durchschritten“, sagt sie.

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