Konzert

Sinfoniekonzert – Hagener Philharmoniker auf Tango-Trip

Akkordeon-Virtuose und Dirigent: Enrique Ugarte

Foto: Dietmar Scholz

Akkordeon-Virtuose und Dirigent: Enrique Ugarte Foto: Dietmar Scholz

Hagen.   Die Hagener Philharmoniker entdecken mit dem Dirigenten Enrique Ugarte die ungezähmte Musik Spaniens.

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Der Tango ist die Musik der gescheiterten Einwanderer Argentiniens. Deshalb ist steht der Tanz in doppelter Hinsicht für Globalisierung, für Wanderung: In seine Entwicklung sind so viele musikalische Idiome eingeflossen, wie in kaum einen anderen Stil, und heute wird er auf der ganzen Welt gehört. Die Hagener Philharmoniker spüren jetzt mit dem überragenden Akkordeon-Virtuosen und Dirigenten Enrique Ugarte den spanischen Wurzeln des Tangos nach. Das Publikum in der voll besetzten Stadthalle feiert mit langem Beifall im Stehen ein Programm voller Überraschungen und Grenzgänge, das ebenso sinnlich wie herausfordernd ist.

Orchester plus Jazzcombo

Der baskische Musiker und Celibidache-Schüler Enrique Ugarte ist in Hagen kein Unbekannter. Er hat Philharmoniker und Publikum bereits bei Dominique Horwitz’ Jacques-Brel-Abend als Dirigent und Arrangeur überzeugt. Nun zeigt der 61-Jährige, was an Klangfarben alles in einem Sinfonieorchester stecken kann, vor allem, wenn man es mit einer kleinen Jazzcombo aus Klavier, Kontrabass und Schlagzeug und eben dem Akkordeon koppelt. Enrique Ugarte ist ein entspannter Dirigent, der sich auf sein Orchester verlässt, mit ihm zusammen ebenso konzentriert wie genussvoll in die Musik eintaucht, und die begeisterten Gesichter der Philharmoniker sowie ihr sauberes und leidenschaftliches Spiel legen nahe, dass diese respektvolle gegenseitige Kommunikation hervorragend funktioniert.

Für den Westeuropäer beginnt alle spanische Musik mit einem Klischee, mit der Ouvertüre zu Georges Bizets „Carmen“, die selten so brennend und ungeschminkt zu hören ist, wie in dieser Interpretation mit ihren wilden Beckenschlägen und dem scharfkantigen Zirpen des Triangels. Doch für den Franzosen Bizet ist das spanische Idiom Exotismus, wohingegen es für Geronimo Gimenez, Joaquin

Turina und Manuel de Falla zur Lebensaufgabe wird, einen Nationalstil zu entwickeln. Kastagnetten, Tamburine, grelle Trompetensoli und fröhliche Holzbläserweisen charakterisieren zum Beispiel das Intermedio aus der Zarzuela „El baile de Luis Alonso“ von Gimenez. Beim „Gebet des Toreros“ von Turina wird die Sache schon etwas sperriger. Der Stierkämpfer muss sich erst durch ein Wespennest exquisiten Streicherflirrens arbeiten, bevor er seine verklärte Himmelfahrt erleben darf.

De Fallas Ballettmusik zu „Der Liebeszauber“ spielt dann beschwörend in vielen Wiederholungsschleifen mit arabischen Musikelementen, andalusischen Volksgesängen und den Melodien der Gitanos. Aber die ganze überbordende Farbigkeit mit den gespenstischen Rufen von Fagott und Horn, den dramatischen Echowirkungen, den wunderbaren Piano-Passagen, den delikaten Rhythmen und am Schloss dem effektvollen Einsatz der Röhrenglocken bildet keine zahme Folklore ab, sondern reizt den Volkston in impressionistischen Brechungen aus.

Verbeugung vor Chick Corea

Carlos Saura hat „El amor brujo“ übrigens 1985 als Musik- und Tanzfilm inszeniert. Es handelt sich um den letzten Teil seiner Kino-Trilogie nach der „Bluthochzeit“ und „Carmen“.

Dagegen sind die Tangos von Astor Piazzolla nur auf den ersten Blick vertraut-bequem, denn Ugarte und die Philharmoniker spielen sie mit scharfem Biss. Der berühmte „Libertango“ erklingt in einer Jazz-Crossover-Version, beim sehr melancholischen „Adios Nonino“ gehen Sologeige und die Sopranlagen des Akkordeons interessante Verschmelzungen ein. Auch der amerikanische Jazzpianist Chick Corea liebt die spanischen Klänge. Enrique Ugarte hat „Spain“ und „La Fiesta“ für Jazzcombo und Orchester arrangiert: mitreißende Weltklassemusik mit faszinierenden Soli und wunderbarem Blechbläsersound, die das Publikum, auch wenn es mit dem Mitklatschen in Westfalen nie so richtig klappt, zum Jubeln bringt.

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