Sinfoniekonzert

Hagener Philharmoniker feiern die Reformation

Dirigent Rodrigo Tomillo ist der neue erste Kapellmeister des Philharmonischen Orchesters Hagen.

Dirigent Rodrigo Tomillo ist der neue erste Kapellmeister des Philharmonischen Orchesters Hagen.

Foto: Veranstalter

Hagen.   Das Philharmonische Orchester Hagen spielt ein Reformations-Programm. Wir verraten, warum das Publikum begeistert ist

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Musik ist eine Gabe Gottes, die den Teufel vertreibt. Deshalb wird bei Martin Luther das Singen zur schärfsten Waffe der Reformation. Dieser Impuls kann in seiner Bedeutung für die Musikkultur gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mit einem außerordentlich spannenden Programm gehen die Hagener Philharmoniker unter dem 1. Kapellmeister Rodrigo Tomillo auf Spurensuche. Das Publikum bedankt sich für ein herzbewegendes Sinfoniekonzert mit begeistertem Beifall.

Auf der Zeitenwende

Die drei Komponisten des Abends markieren jeweils eine Zeitenwende. Johann Sebastian Bach hat die Gedanken Luthers um 1730 in ausdrucksvollste Musik übersetzt. Felix Mendelssohn Bartholdy schreibt seine Reformations-Sinfonie 1829/30 im Schatten der französischen Juli-Revolution anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums der „Confessio Augustana“. Und die Sinfonie „Mathis der Maler“ von Paul Hindemith fragt wieder 100 Jahre später nach der Autonomie der Kunst in Zeiten der Unterdrückung – auf die triumphale Uraufführung von 1934 folgt schnell das Aufführungsverbot von Hindemiths Werken durch die Nationalsozialisten.

Das Jubilieren wird in Bachs Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ (BWV 51) zum kompositorischen Programm. Und wie sie jubilieren! Ein hoher Sopran alleine reicht nicht aus, um den Höchsten zu ehren, dazu braucht es noch eine Trompete, die im strahlenden Dialog mit der menschlichen Stimme lobpreist. Die Sopranistin Cristina Piccardi und Solotrompeter Andreas Sichler glänzen mit virtuosesten Koloraturen und himmelhohen Spitzentönen.

Hindemiths Sinfonie „Mathis der Maler“ ist parallel zu seiner gleichnamigen Oper entstanden, die das Schicksal des Meisters des Isenheimer Altars thematisiert, dem Sympathien für die Rebellen des Bauernkrieges nachgesagt werden. Die Sinfonie lässt sich als klingende Bildinterpretation lesen, und Rodrigo Tomillo startet das Engelskonzert mit schön ausgehorchten orgelartigen Akkorden. Der hochbegabte junge spanische Dirigent arbeitet den mittelalterlichen Ton, die kontrapunktischen Satztechniken, die aus der Rückschau des 20. Jahrhunderts neu erschaffen werden, mit einer feinen Mischung aus Sinnlichkeit und Strenge heraus.

Totenklage der Flöte

So gibt es immer wieder musikalische Ereignishorizonte, die Fenster in andere Welten öffnen, etwa, wenn die Flöte in der Grablegung eine herbe Totenklage anstimmt oder die Streicher in der „Versuchung des heiligen Antonius“ auf der leeren Quinte Fis-Cis ein dämonisches farbloses Fauchen intonieren, bevor das Orchester in strahlendem Dur den Himmelsglanz aufscheinen lässt.

Schon bei den ersten Takten von Mendelssohns Reformations-Sinfonie spürt das Publikum, dass plötzlich etwas Besonderes passiert. Zwischen Dirigent, Orchester und den Zuhörern entspinnt sich jene seltene Magie, die man nicht berechnen kann, und die das Hörerlebnis zur Offenbarung macht. Rodrigo Tomillo ist ein Dirigent, der sich zurücknehmen kann, der seinen Musikern Luft zum Atmen lässt, der mit seinem Orchester atmet. Ja, er bringt die Philharmoniker sogar auf ihren Instrumenten zum Singen.

Die Stimmen schweben im ersten Satz leuchtend aus der Bassregion in die Höhe, das Dresdner Amen erzeugt jene Transzendenz, die Richard Wagner sich später für seinen Parsifal abschaut. Getragen von dieser kostbaren Musizierfreude gelingt alles. Das Scherzo kommt übermütig-akkurat, im Andante betet das Orchester als Gemeinde aus tiefstem Herzen, das Finale steigert sich inbrünstig zu „Ein feste Burg ist unser Gott“, der – so Heinrich Heine – Marseillaise der Reformation.

Und dann rockt der Choral los, wird zur Fuge, verwandelt sich in mitreißende Bekenntnismusik. In dieser Interpretation steckt alles: Intensität, Spannung, Übersicht, Sinnlichkeit, Farbe – und die Gewissheit, dass Glaubenszuversicht fröhlich ist und Freiheit schenkt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben