Sinfoniekonzert

Von Händel bis Vivaldi – Hagener Philharmoniker gehen Barock

Barockgeigerin Midori Seiler

Barockgeigerin Midori Seiler

Hagen.   Die Hagener Philharmoniker haben ihr Publikum mit auf eine Reise durch das Barockzeitalter genommen – und das war einfach wunderschön!

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Die Emanzipation der Instrumentalmusik vom Funktionsdienst in der Kirche oder beim Tanz gehört zu den großen Kulturleistungen der Geschichte. Mit welcher Experimentierlust die Komponisten des 18. Jahrhunderts sich diese neue Freiheit erobern, haben die Hagener Philharmoniker jetzt mit einem Streifzug durch den Barock von Pachelbel bis Rameau demonstriert. Das Publikum feiert begeistert ein klangstarkes Sinfoniekonzert mit ungewöhnlichen Hörerlebnissen.

Antonio Vivaldi (1678-1741), der Pretre Rosso, gehört zu den internationalen Superstars des Barocks, die das Virtuosentum erst ermöglicht haben. Rund 500 Konzerte für Soloinstrument und Orchester hat der rothaarige Priester geschrieben, davon etwa 230 für die Violine. Der größte Teil entstand für das Mädchenorchester des Waisenhauses Ospedale della Pietà in Venedig, und zwar für die besonders begabte Schülerin Anna Maria dal Violin.

Darmsaiten und Barockbogen

Die Geigerin Midori Seiler hat sich auf alte Musik spezialisiert und interpretiert die Vivaldi-Konzerte im Play & Lead-Verfahren: Sie ist Solistin und dirigiert zugleich. Midori Seiler spielt auf Darmsaiten und mit einem barocken Bogen. Das ist Hochseilakrobatik, denn der Ton, der so entsteht, ist eigentlich zu klein für einen Saal wie die Hagener Stadthalle. Doch die Weimarer Professorin gewinnt ihrem Instrument ein bezauberndes, gleichsam opakes Leuchten ab. Bei Vivaldis Es-Dur-Konzert RV 260 klappt das nicht ohne Kratzer; das „Weihnachtskonzert“ E-Dur RV 270 hingegen mit seinem berühmten langsamen Satz schwebt in atemberaubender Zartheit über den gezupften Streichern des Orchesters.

Exotismus ist ein ganz großes Thema in jener Zeit, vor allem die Indianer haben es den Tonsetzern angetan. Jean-Philippe Rameau (1683 - 1764) lässt in „Les Indes Galantes“ die Inkas die Sonne anbeten, während Seeleute diverser französischer Provinzen und Amazonen aufmarschieren. Die ungewöhnlichen Farben dieser geistsprühenden Suite findet Rameau in der Volksmusik: eine Sackpfeife (durch ein Keyboard simuliert) und ein Tamburin, Trompetensignale sowie rasende Trommel- und Piccoloflötenwirbel beim Tanz um die Friedenspfeife.

Echos der Trompeten und Hörner

Angetrieben wird Barockmusik vom Generalbass, jener durchlaufenden Basslinie, die der Musik ihren Drive verleiht. Kontrabässe, Celli, Fagotte, Cembalo und eine Laute (anstelle der eigentlich notwendigen Theorbe) bilden das große Generalbass-Instrumentarium.

Gastdirigent Nicholas Kok ist ein Experte für die Originalklangbewegung, aber er kann auch Kompromisse eingehen, wenn er die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis auf moderne Sinfonieorchester anwendet. Die Streicher setzen ein schönes schlankes Vibrato ein, die Hörner spielen auf Naturtoninstrumenten. Kok ist ein aufmerksamer Dirigent, der mitsingt und ein feines Gespür für den Swing hat, der die Barockmusik auszeichnet. Denn er legt die einzelnen Linien punktiert an, so entstehen raffinierte gegenläufige Pulse, die zusammen mit der ununterbrochenen Motorik des Basso Continuo (BC) für jene Glücksgefühle sorgen, die Barockmusik bis heute populär machen.

Das garantiert wunderbare Klangwirkungen bei Johann Pachelbels (1658-1706) strengem Kanon und Gigue für drei Violinen und BC. Nicht weniger als 28 Mal wird eine zweitaktige ostinate Bassfigur wiederholt, über der sich der Kanon der Streicher aufbaut.

Besonders pikant wirken diese Stilmittel jedoch im Schaffen von Georg Friedrich Händel (1685-1759), neben Vivaldi der zweite internationale Superstar des Barocks und Erfinder des Oratoriums. Händel hat in der Feuerwerksmusik die Möglichkeit, ein richtig großes Instrumentarium einzusetzen. Die Echo-Wirkungen von Trompetenfanfaren und Hornrufen und die stereophonisch aufgestellten kleinen Trommeln machen aparte Effekte. Dazu kommt der geschickte Einsatz der Flöten zur Aufhellung und das flinke Fagott, das den Sätzen Struktur und Tempo verleiht.

Die Hagener Philharmoniker haben hörbar Freude an diesem musikalischen Ausflug in die Vergangenheit und reißen ihr Publikum lebhaft mit.

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