Tristan und Isolde

Hagener Solotrompeter spielt Holztrompete wie in Bayreuth

Solotrompeter Andreas Sichler  mit der Holztrompete im Theater Hagen.

Solotrompeter Andreas Sichler mit der Holztrompete im Theater Hagen.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Andreas Sichler spielt seit 25 Jahren die Tristantrompete in Bayreuth. Erstmals kann er das ungewöhnliche Instrument im Theater Hagen einsetzen

Wenn diese Töne erklingen, weiß das Publikum sofort: Jetzt passiert etwas! In Wagners „Tristan“ kündigt die Holztrompete im dritten Akt das Schiff mit Isolde an, die den verwundeten Helden retten soll. Der Hagener Solotrompeter Andreas Sichler hat die Fröhliche Hirtenweise 25 Jahre lang auf dem Grünen Hügel in Bayreuth gespielt, unter berühmten Dirigenten, vor der Bundeskanzlerin und vor gekrönten Häuptern. Erstmals intoniert der 56-Jährige die besondere Melodie nun in seinem Heimat-Haus, dem Theater Hagen, bei der neuen „Tristan“-Inszenierung. „,Tristan’ ist meine Lieblingsoper. Die Musik ist Emotion pur“, unterstreicht Andreas Sichler.

Richard Wagner war ein klangsensibler Komponist, der diverse Instrumente erfunden hat, Stierhorn, Wagner-Tuba, Nachtwächterhorn, Gralsglockenklavier und eben die Tristan-Trompete. Klangfarben können „sprechen“, davon war Wagner überzeugt. Im dritten Akt liegt Tristan sterbend auf einem Burghügel an der Küste. Ein Hirte bläst eine ausgedehnte Klage auf seiner Schalmei (dem Englischhorn); sie beschreibt die trostlose Situation. Alle warten auf das Schiff, das Isolde bringen soll, die Geliebte, die Heilerin. Der Hirte hat den Auftrag, von seiner erhöhten Position aus Ausschau zu halten. „Sahst du noch nichts? Kein Schiff noch auf der See?“, fragt ihn Kurwenal. „Eine andre Weise hörtest du dann, so lustig, als ich sie nur kann“, antwortet der Hirte.

Fröhliche Hirtenweise

Man vermutet, dass Wagner in der Schweiz, wo er ab 1857 den „Tristan“ komponierte, die Alphörner kennengelernt hat, mit denen sich die Alphirten über weite Entfernungen hinweg verständigen. Etwas Ähnliches schwebte ihm wohl für den Wendepunkt im dritten Akt vor. „Bei der Uraufführung nannte man das Instrument noch ,Schweizer Horn’“, erläutert Andreas Sichler. Der Instrumentenbauer Johann Adam Heckel hat für die Fröhliche Hirtenweise eine besondere Holztrompete entwickelt, die bis 1897 genutzt wurde. „Das Uraufführungs-Instrument selbst ist nicht mehr erhalten“, so Sichler.

Naturinstrument mit Ventil

Eine Holztrompete ist nicht leicht zu bändigen. „Wagner wollte ein Naturinstrument“, schildert Sichler. „Aber man braucht für die Melodie zwei Töne mehr, als ein Naturinstrument hat. Um alle Töne zu spielen, die Wagner vorgesehen hat, müsste das Instrument vier Meter lang sein. Mittlerweile hat es ein Ventil.“

In die Frage der Klanggestaltung investiert der Trompeter viel Herzblut. „Ich gehe schon in Richtung Trompetenklang, es soll ja eine Signalmelodie sein“, verrät er. Kurwenal sagt zum Hirten: „Eifrig späh, und siehst du ein Schiff, so spiele lustig und hell!“ Um diesen Effekt zu erreichen, setzt Andreas Sichler ein kesselförmiges Trompeten-Mundstück ein. Andere Trompeter wählen für die Passage ein Horn-Mundstück, „dann klingt es weicher und wärmer, aber ich möchte lieber diesen kleinen Knack, dieses Lustige und Helle“.

Mit Liebesfuß

Das Publikum sieht die Holztrompete nicht. Sonst würden sich die Wagnerianer über den auffällig geformten birnenförmigen Schallbecher am Ende des ca. 1,30 Meter langen Holzrohrs wundern, den sogenannten Liebesfuß. „Es gibt Kollegen, die spielen lieber mit gerader Röhre, aber ich bevorzuge den Liebesfuß. Dadurch wird der Klang etwas weicher, er wird in eine andere Richtung gelenkt und weniger direkt. Manche Trompeter sagen, mit Liebesfuß ist die Holztrompete schwerer zu spielen, aber das ist Ansichtssache.“

180 „Tristan“-Aufführungen

Rund 180 „Tristane“ hat Andreas Sichler in seiner Berufslaufbahn bisher gemeistert, das Holztrompetensolo in Bayreuth ab 1993 unter Maestros wie Daniel Barenboim, Peter Schneider, Eiji Oue und Christian Thielemann. In Hagen hält der Musiker die Holztrompete nun zum ersten Mal in der Hand, weil es in den vergangenen 30 Jahren kein „Tristan“ auf den Spielplan geschafft hat. Und zum ersten Mal in seiner Karriere lässt Sichler die Fröhliche Hirtenweise in der Musiker-Dienstkleidung erklingen, dem schwarzen Anzug. In Bayreuth sitzen die Musiker ja in Shorts oder Jeans im abgedeckten Orchestergraben.

Im Unterschied zum Grünen Hügel kostet das Holztrompeten-Solo in Hagen doch bestimmt weniger Nerven, oder? „Im Gegenteil“, antwortet Andreas Sichler. „Es ist dasselbe Feeling wie in Bayreuth. Letztlich ist es egal, ob 20 Rundfunkanstalten live angeschlossen sind und ein paar tausend Zuhörer im Saal sitzen oder knapp 800 wie in Hagen. Man muss die gleiche Qualität liefern, das ist für mich genauso spannend.“

Alle Tristan-Termine und Karten: www.theaterhagen.de

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